Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 14.12.2015


Reutte

Anerkannter Profiler stärkt im Mordfall Föger die Justiz

Kriminalist Petermann erklärt nach Spurenanalyse, dass das Urteil im Fall Föger die Realität abbilden könne. Die Familie will das nicht hören.

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© Mittermayr Helmut



Von Helmut Mittermayr

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Reutte – Über eine Stunde lang trug Axel Petermann detailliert Fakten zum Mordfall Angelika Föger vor. Fundort, Verletzungsmuster, Verteilung der Blutspritzer, Ausprägung der Würgemale oder Einstichkanäle. Der derzeit bekannteste Profiler Deutschlands war dem Wunsch von Walter Föger nachgekommen, sich die Umstände des Todes seiner Frau an ihrem Arbeitsplatz vor 26 Jahren genauer anzuschauen. Denn was für die Gerichte abgeschlossen ist – ein Täter wurde verurteilt und ist längst wieder auf freiem Fuß –, ist für Familie Föger ein „Cold Case“. Ein in großen Bereichen noch immer ungeklärter Kriminalfall, in den weitere Personen involviert gewesen sein könnten. Privat versuchen sie seit Jahren, Licht ins angebliche Dunkel zu bringen. So sei die Ermordete viel länger letal verletzt in ihrem Büro gelegen, als offiziell angenommen. Alle Zeit-Weg-Diagramme seien deshalb falsch. Zeugen würden dies belegen. Ausländische Experten sollten der österreichischen Justiz neue Fakten aufzeigen, damit die Akte Angelika Föger wieder geöffnet werden könne.

Genau das tat Axel Petermann nicht. Er hatte sich monatelang mit dem Fall beschäftigt, internationale Experten eingebunden und bei Art Press in Höfen sogar jene Räumlichkeiten, in denen sich der Mordfall im Tannheimer Tal 1990 abspielte, nachgebaut. Der Autor aus Bremen vertritt einen interdisziplinären kriminalistischen Ansatz des Profilings, wonach der Schlüssel zur Klärung eines Tötungsdeliktes durch die Interpretation der Spuren am Tatort und die Analyse der Opferpersönlichkeit zu finden ist. Einflüsterungen von außen wollte er keineswegs hören. Auch Zeugenaussagen spielten keine Rolle. Der – hier übrigens sehr begrenzte – Tatort könne genug erzählen, ist sein Credo. Petermann schilderte auch das Psychogramm des damals verurteilten Lehrlings, etwa seine latenten Phantasien in Bezug auf das Opfer. Die schweren Verletzungen der Frau hätten nach Petermanns Auffassung nicht zwingend zum Tod führen müssen: „Sie hätte eine Chance gehabt, zu überleben.“

Einig war sich der ehemalige Kriminalist mit Walter Föger, dass bei den damaligen Erhebungen viele Unzulänglichkeiten und Fehler passiert seien. Er zählte sie akribisch auf – von verschwundenen Beweismitteln über fehlende Fotos, unprofessionelle Tätervernehmung bis hin zur viel zu frühen Freigabe des Tatortes. Nicht einmal von der Tatwaffe seien Fingerabdrücke genommen worden.

Der Profiler teilte schließlich seine Conclusio mit. Trotz der geschilderten Unzulänglichkeiten ergebe die Spurenlage eines klares Bild, „das durchaus der Realität entsprechen dürfte“. Er meinte, dass das Gericht bei der seinerzeitigen Verurteilung richtig gelegen sei. Was er gefunden habe, sei nachvollziehbar und schlüssig. Er könne der Familie leider keinen Gefallen tun und ihren Vorstellungen, die sich manifestiert hätten, entsprechen. Er habe ja auch keine Auftragsexpertise vorzulegen. Und an die Familie gerichtet: „Fakten, die anders zu sein scheinen, auch anzunehmen, ist sicher schwierig.“

Wie schwierig, zeigte sofort Walter Föger, der ihm noch während der Pressekonferenz vorwarf, zu vieles außer Acht gelassen zu haben – etwa alle Zeugenaussagen. Sein Großcousin Wolfram Föger, ehemaliger Gendarm aus Silz, legte nach und verlas, was der Deutsche alles nicht berücksichtigt habe. Petermann konterte: „Zeugenaussagen interessieren mich herzlich wenig. Allein die methodische Fallanalyse zählt. Ich bin nicht hier, um Theorien zu bestätigen.“