Letztes Update am Fr, 04.03.2016 07:31

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Mordprozess

Lebenslang für Mord in Arzl: „Der Vulkan ist ausgebrochen!“

Im Innsbrucker Schrebergarten-Mord erging gestern lebenslange Haft für einen 45-jährigen Südtiroler. Die unglaubliche Brutalität der Tat wirkte erschwerend.

Der Angeklagte bei der Ankunft im Schwurgerichtssaal.

© Andreas Rottensteiner / TTDer Angeklagte bei der Ankunft im Schwurgerichtssaal.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Nicht das Verbrechen selbst, sondern die Umstände danach brachten ein brutales Tötungsdelikt, das sich in einem Arzler Schrebergarten ereignet hatte, an die breite Öffentlichkeit. So hatte ein Innsbrucker letzten März seinen 59-jährigen Vater als abgängig gemeldet. Trotz einer Fahndung, die die Polizei auch zur Schrebergartenhütte des Vermissten geführt hatte, konnte der Tiroler nicht aufgefunden werden. Ausgerechnet ein ATV-Kamerateam entdeckte Mitte April bei einem Dreh letztlich die Leiche des Vermissten – in einer nur noch spärlich mit Laub bedeckten Mulde in seinem Schrebergarten.

Der 44-jährige Mordverdächtige wird aus seiner Zelle geführt.
Der 44-jährige Mordverdächtige wird aus seiner Zelle geführt.
- Rottensteiner

Als Täter geriet schnell ein 45-jähriger Südtiroler ins Visier der Behörden. Er hatte bei dem 59-Jährigen Unterschlupf in dessen Gartenlaube gefunden und hatte ihn dort nach kurzem Streit in einer durch Bier, Jägermeister und Marihuana angeheizten Stimmung mit einem großen Stein erschlagen. Nachdem der Mann die Leiche erst so wirksam im Garten versteckt hatte, war er noch in die Wohnung des Opfers gefahren, um dessen Katze zu füttern. Den Hund des Getöteten, der Wochen zuvor die Zufallsbekanntschaft herbeigeführt hatte, nahm er zu sich und setzte ihn bei Kufstein aus. In München wartete der 45-Jährige darauf in einer kleinen Absteige förmlich auf seine Verhaftung.

Sie war das Ende einer 25-jährigen kriminellen Karriere und fast lebenslangen Flucht. Früh schon hatte der gelernte Metzger und Koch mit dem Cannabiskonsum begonnen und war in seiner Zeit in Deutschland im Zuge dessen bereits durch Diebstahl in 27 Fällen, minderschweren Raub und etliche andere Straftaten aufgefallen. Nach seiner Rückkehr nach Südtirol begann für den Mann eine Karriere als Kokainkonsument. Freundin, Arbeit, Ersparnisse und Existenz waren darauf bald dahin. Dem folgten teils langjährige Haftstrafen wegen Raubes und Gewaltdelikten.

Zuletzt floh der Mann allerdings nicht vor der Exekutive, sondern vor einem albanischen Dealer aus Bozen in die Südtiroler Berge. Ihm hatte er eine große Menge Kokain geschuldet. Als dann letztes Jahr ein weiterer Strafantritt über eineinhalb Jahre rechtskräftig geworden war, setzte sich der 45-Jährige mit dem Auto seines Chefs nach Innsbruck ab und lernte dort sein späteres Opfer kennen.

Obwohl der Mann von Psychiaterin Adelheid Kastner als zurechnungsfähig eingestuft worden war, konnte er seine Tat gestern vor dem Schwurgericht selbst kaum mehr erklären. Verteidiger Hannes Lederer versuchte anhand des Gutachtens Worte zu finden. Erklärungen für Kopfverletzungen am Opfer, die man laut Gerichtsmediziner mit einem Baseballschläger kaum zufügen könnte. „Mein Mandant bekam eine neurotische Persönlichkeitsstörung attestiert, die auf einer höhergradigen seelisch-geistigen Abnormität beruht. Im Zusammenspiel mit Marihuana und Alkohol ist mein Mandant nach der Meinungsverschiedenheit explodiert und hat sich zu der Tötung hinreißen lassen. Der Vulkan an aufgestauten Niederlagen und Ängsten ist ausgebrochen!“

Ob der Südtiroler auf den 59-Jährigen tatsächlich eingeschlagen hatte, weil dieser ihm sexuelle Avancen gemacht haben soll, ist schwer zu sagen. Dagegen spricht, dass der 45-Jährige ihm erst zweimal massiv auf den Hinterkopf geschlagen hatte. Erst darauf schlug er weiter auf den am Boden Liegenden ein. Nach der Tat hatte der Südtiroler aus der Geldtasche der Leiche noch 3000 Euro entwendet.

Zwischen Mord, Totschlag und Körperverletzung mit Todesfolge hatten die Geschworenen zu entscheiden. Das Urteil fiel relativ schnell mit 8:0 der Stimmen nicht rechtskräftig auf Mord. Richter Thomas Dampf: „Sie haben auf das Opfer noch eingeschlagen, als es am Boden lag. Hierfür ist lebenslange Haft schuld- und tatangemessen!“