Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 31.03.2016


Justiz und Kriminalität

Pfefferspray kann den Reiz verlieren

Der Run auf Pfeffersprays ist derzeit enorm. Selbstverteidigungstrainer Ado Dulas warnt allerdings: Die Waffe kann schnell gegen einen selbst verwendet werden. Eine TT-Redakteurin wagte den Versuch.

Die nachgestellten Szenen mit Selbstverteidigungstrainer Ado Dulas zeigen: Es ist weder leicht, die Augen des Täters zu treffen, noch den Spray in einer Notsituation schnell aus der Tasche zu ziehen.

© Thomas Boehm / TTDie nachgestellten Szenen mit Selbstverteidigungstrainer Ado Dulas zeigen: Es ist weder leicht, die Augen des Täters zu treffen, noch den Spray in einer Notsituation schnell aus der Tasche zu ziehen.



Von Nicole Strozzi

Innsbruck – Es ist gegen 18 Uhr. Ich will gerade in einer Tiefgarage in Innsbruck mein Auto aufsperren, als ein Mann mich von hinten angreift. Ich versuche noch, meinen Pfefferspray aus der Jackentasche zu ziehen, doch die Spraydose verfängt sich. Während ich nervös an meiner Jacke nestle, hat mich der Angreifer schon längst in einen Würgegriff genommen. Mir bleibt die Luft weg, ich kann mich nicht mehr wehren.

Die Szene ist gottlob nur gestellt. Mein „Angreifer“ heißt Ado Dulas, ist Selbstverteidigungstrainer International, Personenschützer und Inhaber der Schule für Selbstverteidigung & Sicherheit RSDC-Tirol. Der fingierte, aber realitätsnahe Überfall soll demonstrieren, dass der Einsatz von Pfefferspray alles andere als unproblematisch ist – wenn man den Umgang damit nicht beherrscht.

„Ich bin kein Freund von Pfeffersprays“, sagt Dulas. Zu leicht könnte man selbst oder ein Helfer durch eine falsche Reaktion etwas vom Reizgas in die Augen bekommen. Außerdem, so zeigt auch das Beispiel, ist das Opfer derart auf den Spray konzentriert, dass es ganz vergisst, sich mit Händen oder Füßen zu wehren.

Das Bedürfnis, sich zu schützen, ist derzeit extrem groß. Gerade Frauen fühlen sich unwohl, alleine im Dunkeln unterwegs zu sein, besorgte Eltern sind hochsensibilisiert. „Immer öfter werden Minderjährigen deshalb Pfeffersprays in die Hand gedrückt. Eltern sagen, sie würden die Verantwortung für ihre Kinder übernehmen. Das halte ich für äußerst gefährlich“, sagt der Selbstverteidigungsprofi. Ein Pfefferspray ist eine Waffe nach dem Waffengesetz, der Besitz unter 18 Jahren illegal. In Deutschland werden solche Sprays etwa nur zur Tierabwehr vertrieben, in einigen Ländern seien sie ganz verboten.

In einer Notsituation ist es auch nicht leicht den Pefferspray aus der Tasche zu ziehen.
In einer Notsituation ist es auch nicht leicht den Pefferspray aus der Tasche zu ziehen.
- Thomas Boehm / TT

Dass solche Reizgassprays vor Kurzem als Wahlwerbegeschenk ohne Einschulung an Frauen ausgegeben wurden, könne Dulas nicht verstehen.

Dulas selbst gibt mehrstündige Pfefferspraytrainings für Personen, die solche Sprays beruflich brauchen, also Sicherheitsleute oder Polizeibeamte. „Ich spiele auch bei Frauenselbstverteidigungsseminaren immer wieder Angriffsszenen durch, bei dem wir ein eigenes Trainingsspray ohne Chili als Reizstoff verwenden. Obwohl die Damen wissen, dass der Angreifer nicht echt ist und der Spray wirkungslos, sind die meisten so nervös, dass sie sich nicht trauen zu sprühen“, erzählt Dulas und geht auch noch mit mir ein zweites Szenario durch: Diesmal komme ich durch die Eingangstür der Tiefgarage, plötzlich steht ein Mann vor mir. Ich greife nach dem Pfefferspray und sprühe. Nur acht Sekunden habe ich dafür Zeit, genau so lange dauert es nämlich nur, bis die 50 Milliliter aus der schwarzen Dose aufgebraucht sind. Der Täter hält sich den Arm vors Gesicht, das Zielen fällt mir schwer, obwohl ich weiß, dass mir nichts passiert. Ich treffe nur seine Stirn, er kommt auf mich zu. Ich bin chancenlos.

„Die besten Waffen zur Selbstverteidigung sind Hände, Füße, lautes Schreien und Davonlaufen“, weiß Dulas. Für sinnvoll erachtet er außerdem, einen stumpfen Gegenstand in der Hand zu halten, wie etwa eine Taschenlampe oder einen so genannten Self-Defense-Stick, ein ca. 15 cm langer Verteidigungsstab, der z. B. am Schlüsselbund angebracht werden kann.

Alternativen zum Pfefferspray: Verteidigungsstäbe am Schlüsselanhänger, stumpfe Gegenstände wie z. B. Taschenlampen oder Taschenalarme.
Alternativen zum Pfefferspray: Verteidigungsstäbe am Schlüsselanhänger, stumpfe Gegenstände wie z. B. Taschenlampen oder Taschenalarme.
- Thomas Boehm / TT

Ohne viel Kraft anzuwenden, könnte man damit den Täter am Körper attackieren und ihn an Schmerzpunkten treffen. Ebenfalls effektiv: Trillerpfeifen bzw. Taschenalarme (z. B. im Internet erhältlich), die einen ohrenbetäubenden Lärm verursachen, die den Angreifer schockieren und Helfer alarmieren.

Auch die Innsbrucker Rechtsanwältin Birgit Streif, Prozessvertreterin für Opfer sexualisierter Gewalt, würde von Pfefferspray eher abraten, vor allem wenn die Frauen im Umgang nicht geschult sind.

Die Mitglieder der Wörgler Selbsthilfegruppe „Lebenslang, doch endlich frei!“, denen selbst sexualisierte Gewalt widerfahren ist, sehen das genauso: „Zu groß ist die Gefahr, selbst zum Opfer zu werden“, sagen sie. Trotzdem ist der Verkauf solcher Sprays in letzter Zeit enorm gestiegen, in Waffengeschäften sind Pfeffersprays beispielsweise oft ausverkauft. Vielfach werden die Sprühdosen daher im Internet bezogen, oft mit wechselnder Qualität.

Was die rechtliche Situation betrifft, so dürfe man in Österreich in einer Notwehrsituation einen Pfefferspray verwenden, wenn der Angriff das Leben, die Gesundheit, die Freiheit, die körperliche Unversehrtheit oder das Vermögen bedroht und dem Opfer keine anderen Mittel zur Verfügung stehen.

Die Juristin rät dazu, nach dem Angriff die Polizei zu rufen, wenn der Täter durch das Reizgas geschädigt wurde. Denn grundsätzlich muss auch bei einer zugefügten Verletzung, die aus einer Notwehrsituation heraus folgt, Erste Hilfe geleistet werden. Allerdings ist es für Opfer von sexuellen Übergriffen nicht zumutbar, sich durch die Hilfeleistung erneut in Gefahr zu bringen, sagt Streif. Deswegen sollte durch das Absetzen des Notrufes der Hilfeleistung Genüge getan sein. Zu beachten sei außerdem, dass der Besitz oder das Führen von Pfeffersprays in anderen Ländern zu Problemen führen kann, wie z. B. in Belgien, wo Pfeffersprays verboten sind.

Streif versteht die derzeitige Angst der Frauen durchaus. „Es ist wichtig, dass jede Belästigung angezeigt wird“, sagt sie. Frauen dürften nicht ihrer Freiheit beraubt werden. Selbstverteidigungskurse hält die Juristin für sehr sinnvoll, genauso wie ein selbstbewusstes Auftreten und eine aufrechte Körperhaltung.