Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 10.04.2016


Tirol

„Es kann überall passieren, aber keine Frau muss Opfer werden“

Weltmeisterliche Tipps zu Prävention und Verteidigung geben die Gebrüder Weinold. Übergriffe auf ein Familien­mitglied gaben den Anstoß.

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© Andreas Rottensteiner / TT



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Die Innsbrucker Charly und Peter Weinold zählen zu den sportlichen Aushängeschildern Österreichs. Das Zwillingspaar holte für die Republik dreimal die Weltmeisterschaft im Kickboxen und Karate, zuletzt 2008 mit 52 Jahren. Dazu auch noch den Weltcupsieg. Peters Tochter Verena – heute 22 – verspürte bis 2012 trotzdem keine besondere Lust, sich des Themas anzunehmen.

Bis die Sekretärin eines Tages in einem IVB-Bus sexuell belästigt wurde. Verena schrie den Mann an, dieser flüchtete. Später erkannte sie den Mann zufällig in der Innsbrucker Innenstadt. Er wurde verhaftet. Ein Gefühl der Unsicherheit blieb.

Und so besuchte Verena den Anfängerkurs im Kickboxen. Nur wenig später wurde sie auf der Bürgerstraße von einem jungen Mann angesprochen: „Plötzlich griff er mir heftig aufs Gesäß. Ich wehrte mich dagegen mit einem Haken und einem Sidekick-Tritt. Der Widerling lief darauf sofort davon“, schilderte Verena die große Wirkung nach einem halben Jahr Kurs. Vater Peter Weinold: „Es kann überall passieren, aber keine Frau muss zum Opfer werden!“

Aufgrund der Vorfälle in der eigenen Familie und den bekannten sexuellen Übergriffen von Köln starteten die Zwillinge im März ihren ersten Lehrgang „Mit mir nicht! – Grundlagen der Selbstverteidigung für Frauen“. Über 90 Teilnehmerinnen erfuhren dabei von den heutigen Experten der Sicherheitsbranche, dass Prävention und Selbstanalyse der erste Weg zur Vermeidung eines Übergriffs ist.

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Charly Weinold: „Der Griff, der Schlag, der Wurf sind das Letzte. Analysieren Sie erst Ihre Verhaltensweisen. Wer ein Bewusstsein für die eigene Sicherheit bildet, nicht überall zu jeder Uhrzeit mitgeht und eine gesunde Skepsis hat, der kann schon viel abwehren. Jede Frau sollte analog zum Eigenheim die eigene Alarmanlage eingeschaltet haben.“

Dazu gehöre laut den Gebrüdern Weinold auch ein geändertes Praxisverhalten. So sei die heile Welt in Tirol trügerisch. Joggerinnen sollten beispielsweise niemals mit Kopfhörern laufen, da sie die Wahrnehmung beeinflussen. Einsame Laufstrecken seien genauso zu meiden wie zu direkte Nähe zu Hauseingängen, in die man leicht hineingezerrt werden kann. Auch mysteriöse Handwerkerbesuche sollte man hinterfragen und im Internet äußerst vorsichtig mit der Preisgabe von Persönlichem sein.

In Lokalen sollten Frauen zudem ihr Glas immer im Blick haben und von Fremden überbrachte Getränkeeinladungen ablehnen. K.o.-Tropfen könnten darauf die Sinne rauben. Ein selbstbewusstes Auftreten verschrecke aber ohnehin die meisten Täter.

Sollte es dennoch zum Übergriff kommen, raten die Zwillinge zu gekonnter Selbstverteidigung oder Kampfsport. Charly: „Mit der Hand kann man alles. Jeder Gegner hat eine Nase, einen Kehlkopf und Kniescheiben. Entscheidend ist der Überraschungsmoment. Die meisten Männer rechnen nicht mit ernsthafter Wehrhaftigkeit einer Frau. Wenn es zur Sache geht, muss man aber radikal sein – Zögern verboten. Je länger man mit der Abwehr wartet, desto geringer die Chancen!“

So helfe auch eine Schockstarre nur den Tätern, die meist Macht ausüben wollen.

Schläge und Griffe müssen laut Peter Weinold aber geübt sein. „Man bekommt durch den Kampfsport schon schnell eine ganz andere Wahrnehmung und lernt als Frau, Hemmungen zu überwinden. Bereits beim dritten Kursbesuch schlägt man mit ganz anderer Kraft!“

Wer Interesse am nächsten Lehrgang hat: office@olympic-fit.at