Letztes Update am Mi, 05.10.2016 13:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Bayern

30 Jahre im Elternhaus isoliert: Verwahrloster Mann in Therapie

Noch ist vieles unklar, doch der Fall sorgt schon jetzt für Aufsehen. Mehrere Jahrzehnte wurde ein Mann in Bayern in seinem Elternhaus isoliert. Wie es scheint, nicht gegen seinen Willen. Nun ist zu klären, ob den Eltern etwas vorzuwerfen ist.

(Symbolfoto)

© APA/dpa/Uwe Zucchi(Symbolfoto)



Hollfeld – Nach der Entdeckung eines von der Außenwelt abgeschotteten 43-Jährigen in seinem Elternhaus in Oberfranken ist der Mann in Therapie. „Ihm geht es den Umständen entsprechend, er wird durch unser qualifiziertes Personal versorgt“, sagte ein Sprecher des Bezirks Oberfranken am Mittwoch.

Der Mann aus dem Hollfelder Ortsteil Freienfels im Landkreis Bayreuth war von der Polizei ins Bezirkskrankenhaus gebracht worden. „Die Therapie wird bis auf Weiteres in unserem Hause durch unser spezialisiertes Team von Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften erfolgen“, so der Sprecher. Es soll auch geprüft werden, ob der Mann geistig behindert oder krank ist. Weitere Auskünfte gaben der Bezirk und der zuständige Arzt zunächst nicht.

Mann wollte nicht mit dem Rettungsdienst mit

Der 43-Jährige war als Kind zunächst zur Grundschule gegangen und auch einige Zeit in die Gesamtschule. Spätersei er aber als nicht schulfähig eingestuft worden. Damals sei der Mann etwa 13 Jahre alt gewesen. Danach lebte er nach Angaben der Polizei 20 bis 30 Jahre lang bei seinen Eltern. Am 21. September hatte die Polizei ihn nach einem Hinweis abgeholt. Von einer „Befreiung“ wollte der Polizeisprecher Jürgen Stadter aber nicht sprechen.

Nach bisherigen Erkenntnissen konnte sich der Mann in dem Haus relativ frei bewegen. Angekettet oder fixiert sei er nicht gewesen. Bei seiner Einweisung mit dem Rettungsdienst Ende September habe der Mann nicht mitgewollt. „Er hat sich anscheinend da gut aufgehoben gefühlt“, sagte der Sprecher. Gewalt aber habe die Polizei nicht anwenden müssen. „Wir konnten das kommunikativ lösen.“

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Mutter spricht von beschützen: „Er wollte doch nicht raus.“

Die Polizei weiß noch nicht genau, ob seine Eltern den Mann gegen seinen Willen festgehalten hatten oder ob er die Möglichkeit hatte, das Anwesen zu verlassen – dies aber nicht wollte. Der Mann sei verwahrlost, aber nicht unterernährt gewesen. Gegen die Eltern werde wegen Körperverletzung durch Unterlassung und auch Freiheitsberaubung ermittelt. Ob dieser Verdacht aber haltbar sei, stehe noch nicht fest. Die Eltern seien „um die 80 Jahre alt.“

Die Polizei bezeichnet den Fall als persönliche Tragödie, nicht als Kriminalfall. Darum habe man den Fall zunächst auch nicht öffentlich mitgeteilt. Die Mutter des 43-Jährigen sagte am Dienstag dem in Bayreuth erscheinenden „Nordbayerischen Kurier“, ihr Sohn sei keineswegs befreit worden: „Er wollte doch nicht raus. Er wollte bei uns bleiben.“ Man habe ihn also nicht im Haus eingesperrt. Und weiter: „Wenn ich Ihnen erzähle, was wir mitgemacht haben, glauben Sie es doch nicht.“ Man habe ihn beschützen wollen. Außerdem sei er beim Einwohnermeldeamt registriert gewesenn Nun werde man sämtlichen Hinweisen nachgehen, um auch zu klären, ob und in wie fern das Bayreuther Jugendamt in den Fall involviert war.

Von wem der Hinweis auf die Situation des Mannes gekommen sei, könne er nicht sagen. Auch auf den Ablauf des Einsatzes in dem Haus wollte Stadter nicht näher eingehen. (TT.com, dpa)