Letztes Update am Fr, 23.12.2016 15:41

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anschlag in Berlin

Suche nach Attentäter von Berlin zu Ende: Was noch offen bleibt

Der mutmaßliche Attentäter von Berlin ist tot. Die Ermittlungen haben Staub aufgewirbelt und für einige Kritik gesorgt. Welche Antworten man darauf geben kann.

Bei einer Kontrolle zog der mutmaßliche Attentäter eine Waffe und feuerte auf Polizisten. Diese erwiderten das Feuer.

© REUTERSBei einer Kontrolle zog der mutmaßliche Attentäter eine Waffe und feuerte auf Polizisten. Diese erwiderten das Feuer.



Von Matthias Sauermann

Mailand/Berlin/Innsbruck – Fünf Tage nach dem Anschlag auf einen Weihnachtsmarkt in Berlin melden die Behörden: Anis Amri, der mutmaßliche Täter, ist tot. Er wurde erschossen, von Polizisten – in einem Feuergefecht. Damit geht die europaweite Fahndung nach einem Mann zu Ende, der ganz Europa in Atem hielt. Die Suche nach möglichen Hintermännern geht indes weiter.

Die Öffentlichkeit beschäftigen nach dem Attentat dennoch weiterhin Fragen rund um die Ermittlungen. Nicht alles lief reibungslos ab, viele Fragezeichen bleiben stehen. Wir haben uns einige angesehen.

Die Polizei fand erst am Tag nach dem Anschlag Papiere des mutmaßlichen Täters im Lkw. Wie konnte das passieren?

Tatsächlich haben die Ermittler, soweit bekannt wurde, mit der Durchsuchung des Lkw erst einmal abgewartet. Der Wagen wurde erst vom Tatort gebracht und von Spürhunden durchsucht. Währenddessen befragten die Behörden einen vorübergehend festgenommenen Pakistaner. Er wurde aufgrund einer Zeugenaussage für den Täter gehalten. Erst später stellte sich heraus, dass der Mann zu Unrecht beschuldigt wurde.

Gleichzeitig wurde, unbestätigten Meldungen zufolge, der tatsächliche mutmaßliche Attentäter in Berlin gefilmt. Die Polizei ließ also in jedem Fall wertvolle Zeit verstreichen, ehe die Ermittler tatsächlich den Wagen gründlich durchsuchten und so die Papiere von Anis Amri fanden, die schließlich die entscheidende Spur sein sollten.

Der späte Suchhundeeinsatz wird laut Medienberichten dadurch gerechtfertigt, dass eine frühere Durchsuchung die Spuren für die Suchhunde verwischt hätte – zumindest wurde das befürchtet. Zudem glaubte man, wie bereits erwähnt, ohnehin bereits den richtigen Täter in Haft zu haben. Das stellte sich als falsch heraus.

Der Attentäter soll die Papiere im Wagen gelassen haben. Ist das glaubwürdig?

Spurensicherung an dem Ort, wo der mutmaßliche Attentäter von Berlin von Polizisten erschossen wurde.
Spurensicherung an dem Ort, wo der mutmaßliche Attentäter von Berlin von Polizisten erschossen wurde.
- REUTERS

Die Ermittler haben offenbar eine Brieftasche von Amri im Wagen entdeckt. Darin befanden die Duldungspapiere des mutmaßlichen Täters. Gerade in sozialen Netzwerken wurde vielfach kritisiert, es sei nicht glaubwürdig, dass ein Terrorist seine Papiere einfach vergessen würde.

Ausgeschlossen werden kann es nicht, dass die Papiere unabsichtlich im Wagen vergessen wurde, auch wenn es unwahrscheinlich erscheint. Plausibel ist jedoch eine andere Erklärung: Dass die Papiere absichtlich im Wagen gelassen wurden. Bei einer solchen Tat rechnen die Attentäter wohl nicht damit, mit dem Leben davonzukommen. Die Papiere sollen so dafür sorgen, dass die Täter posthum bekannt und zu Märtyrern werden. Dieses Muster kam in der Vergangenheit bei einigen Anschlägen zur Anwendung. Den Tätern geht es in vielen Fällen um Aufmerksamkeit, nicht darum, keine Spuren zu hinterlassen.

Der Täter wurde erschossen, nicht lebend gefangen genommen. Dadurch wird man nie erfahren, ob er wirklich der Täter ist.

Das ist nur zum Teil richtig. Tatsächlich kann Amri nicht mehr persönlich Rechenschaft ablegen. Beweise können jedoch auch abseits von Geständnissen gesammelt werden. So sollen auch Fingerabrücke des mutmaßlichen Täters auf dem Lkw gefunden worden sein. Ein angebliches Bekennervideo wurde vom IS veröffentlicht. Und die Waffe, mit denen Amri auf die Polizisten feuerte, soll identisch sein mit jener, mit der der polnische Lkw-Fahrer getötet wurde. Letzteres müssen Untersuchungen erst klären.

Laut übereinstimmenden Aussagen von offiziellen Stellen gibt es jedenfalls nahezu keine Zweifel mehr, dass Amri hinter dem Steuer des Fahrzeuges saß. Dennoch wäre es wohl auch den deutschen Behörden lieber gewesen, den Mann lebend zu fassen, um ihn befragen zu können.

Der mutmaßliche Täter soll bereits zuvor amtsbekannt gewesen sein – als Gefährder. Trotzdem wurde er nicht abgeschoben. Braucht es eine Verschärfung der Gesetze?

Erst wurde bekannt, dass Amri keine Papiere besaß und Tunesien sich weigerte, den Mann zurückzunehmen, obwohl eine Abschiebung geplant war. Die Süddeutsche Zeitung beschreibt jedoch, dass es auch nach geltender Rechtslage dennoch möglich gewesen wäre, den Mann als Gefährder in U-Haft zu nehmen. Die Gesetze wären in diesem Fall nur anzuwenden gewesen. Das Medium stellt die Frage, warum das nicht geschehen ist.

Über Konsequenzen aus dem Attentat wird nun in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten beraten werden. Nach dem Tod von Amri meinte Deutschlands Innenminister Thomas de Maiziere (CDU), nun sie Zeit gekommen, um über Konsequenzen zu beraten. Was dabei herauskommt, wird sich zeigen.