Letztes Update am Do, 09.03.2017 16:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Europol

Mehr als 5.000 kriminelle Organisationen in der EU unter Beobachtung

Das Geschäftsfeld der Organisationen verschiebt sich immer mehr in Richtung Cyberkriminalität. Verbindungen zwischen Terrororganisationen und dem organisierten Verbrechen sind zwar selten, aber durchaus vorhanden, teilt Europol in dem Bericht mit.

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© iStockphotoSymbolfoto.



Den Haag - In der EU stehen mehr als 5.000 kriminelle Organisationen unter Beobachtung der Polizeibehörden. Das geht aus dem zweiten sogenannten SOCTA-Bericht 2017 (Serious and Organised Crime Threat Assessment) hervor, den die europäische Polizeiagentur Europol am Donnerstagnachmittag in Den Haag veröffentlicht hat. Beim ersten derartigen Bericht aus dem Jahr 2013 waren rund 3.600 Gruppen vermerkt.

Europol-Direktor Rob Wainwright führte diesen Anstieg vor allem auf die stark verbesserte Informationsgrundlage gegenüber dem ersten Report zurück. „Es ist aber auch ein Indiz für Umschichtungen bei den kriminellen Märkten sowie für das Hochkommen kleinerer krimineller Gruppen und krimineller Einzelunternehmer in spezifischen kriminellen Aktivitäten, vor allem bei denen, die online durchgeführt werden", schrieb der Europol-Chef in seinem Vorwort.

Cyberkriminalität rückt mehr und mehr in Fokus

Der Untertitel „Crime in the Age of Technology" besagt bereits, wo Europol einen Schwerpunkt sieht: Kriminelle Gruppen fokussieren sich immer mehr auf den Einsatz neuester Technologien zur Unterstützung ihrer Aktivitäten. Das betrifft sowohl das Erschließen neuer „Geschäftsfelder" - zum Beispiel im Cybercrime - als auch die Unterstützung traditioneller „Zweige" wie den Suchtgifthandel oder die Schlepperei.

Einer der Autoren des Berichts brachte im Jänner im Gespräch mit der APA ein Beispiel: Schlepperbanden benutzen Websites, auf denen Mitfahrgelegenheiten angeboten werden, immer mehr, um gezielt Migranten anzusprechen. Dass mittlerweile das Darknet einer der wichtigsten Vertriebswege für den Drogen- und den Waffenhandel ist, dürfte bereits hinlänglich bekannt sein.

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Verdächtige aus 180 Nationen

Der Bericht dokumentiert auch die sehr weitgehende Internationalisierung der Organisierten Kriminalität (OK): Bei den rund 5.000 beobachteten Gruppen wurden Verdächtige aus mehr als 180 Nationen registriert. 70 Prozent der Organisationen sind jeweils in mehr als drei Staaten tätig. Zehn Prozent gehen ihren Geschäften sogar in mehr als sieben Ländern nach. 45 Prozent der Organisationen sind polykriminell, das bedeutet, sie betreiben mehrere Geschäftszweige gleichzeitig.

Vergleichsweise traditionell sind die Strukturen. Die meisten Gruppen der Organisierten Kriminalität sind strikt hierarchisch organisiert, vor allem in den traditionellen Bereichen. Allerdings gibt es unterschiedliche Typen: Etwa 30 bis 40 Prozent sind nur lose verbunden, 20 Prozent sind überhaupt als kurzfristige Kooperationen gedacht. Mehr als drei Viertel der Gruppierungen bestehen aus mehr als sechs Mitgliedern.

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- APA

Europol schreibt von einer Fragmentierung in der Landschaft der Schweren und Organisierten Kriminalität, die allerdings nicht alle Märkte betraf. Das Phänomen sei vor allem in Verbindung mit stark cyber-abhängigen kriminellen Aktivitäten zu beobachten. „Eine steigende Zahl von kriminellen Einzelunternehmern kommt dabei auf einer Adhoc-Basis für spezifische kriminelle Unternehmungen zusammen oder, um CaaS anzubieten", heißt es.

CaaS steht für „Crime as a Service" (Verbrechen als Dienstleistung, Anm.) und bezeichnet Angebote, die sich an kriminelle Gruppierungen richten. Ein Beispiel wäre eine von einem Hacker programmierte Cryptoware, die er über das Darknet an cyberkriminelle Organisationen verkauft.

Verbindungen zwischen Terror und Organisierter Kriminalität

Zwischen Gruppen der OK und terroristischen Vereinigungen gibt es Europol zufolge einige Verbindungen. Zwar sei die „profitgetriebene Natur von organisiert kriminellen Aktivitäten in vielen Fällen inkompatibel mit terroristischen Akten, die ein hohes Maß an Aufmerksamkeit bei Medien und Strafverfolgungsbehörden auf sich ziehen", heißt es im SOCTA 2017. Aber es gibt Verbindungen: Europol weist auf die Benützung von Schleppernetzwerken hin, um Terroristen in die EU zu schleusen. Dazu kommen Verwicklungen von Terrorverdächtigen in den Drogenschmuggel sowie persönliche Kontakte mit Waffenschmugglern und Dokumentenfälschern.

Die Bedrohung von Verbindungen zwischen OK und Terroristen gebe es auf zwei Ebenen: Einerseits betrifft das die Nutzung der kriminellen Infrastruktur zur Beschaffung von Waffen und gefälschten Dokumenten und zum Schmuggel derselben wie auch von Attentätern. Andererseits geht es um die Finanzierung terroristischer Aktivitäten. (APA)