Letztes Update am Sa, 03.06.2017 05:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Justiz und Kriminalität

Luciles Mörder wohl gefunden: Ungewissheit hat ein Ende

Chefermittler Walter Pupp glaubte immer daran, dass der Mörder der französischen Studentin Lucile doch noch gefasst wird. Jetzt wurde ein Verdächtiger verhaftet, ein weiterer Mord in Deutschland brachte die Wende.

© ZOOM-TirolDie Stelle, an der Lucile K. in der Nacht zum 12. Jänner 2014 ermordet wurde.



Kufstein, Endingen – Es ist diese quälende Ungewissheit. Und die Trauer, die Eltern, Angehörige und Freunde beinahe erdrückt. Ein geliebter Mensch wurde ermordet. Am Grab konnte man Abschied nehmen, doch nicht loslassen. Weil sich der Mörder irgendwo noch frei bewegt. Es gibt kein Gesicht zu jenem Menschen, der das Leben der damals 20-jährigen Lucile aus Lyon in Kufstein ausgelöscht hat. In den fast dreieinhalb Jahren der vielen Fragen nach dem schicksalshaften Warum könnte es heute Nachmittag Antworten geben. Denn der mutmaßliche Gewaltverbrecher, der Lucile in der Nacht zum 12. Jänner 2014 erschlagen hat, dürfte gefasst sein.

Freitag klickten im deutschen Freiburg die Handschellen, ein dort arbeitender Lkw-Fernfahrer wurde verhaftet. Seit Jänner verfolgten die Soko „Erle“ in Deutschland und das Landeskriminalamt Tirol die Spur eines Serientäters. Denn ein und derselbe Mann soll Anfang November auch eine 27-jährige Joggerin in Endingen bei Freiburg in Deutschland getötet haben. Die Ermittler hatten an beiden Opfern DNA-Spuren einer Person gefunden. Das war nach vielen Rückschlägen der Durchbruch auch im Mordfall Lucile. Anfang April 2017 wurde außerdem ein Phantombild des mutmaßlichen Mörders veröffentlicht.

12. Jänner 2014: Polizisten finden am Innufer in Kufstein die Leiche der französischen Studentin.

13. Jänner 2014: Für die Ermittler stellt sich schnell heraus, dass es sich um ein Gewaltverbrechen handelt. Hinweise auf den oder die Täter bzw. auf die Tatwaffe gibt es vorerst keine.

27. Jänner 2014: Bei einem Tauchgang im Inn finden Polizeitaucher die Tatwaffe. Dabei handelt es sich um ein 58 Zentimeter langes Rohr mit einem 2,3 Zentimeter großen Durchmesser. Die 1,7 Kilogramm schwere Eisenstange kommt laut Ermittlern bei der Bedienung von hydraulischen Hebesystemen, aber auch bei Lastkraftwagen zum Einsatz, um die Fahrerkabine anzuheben.

24. Juni 2015: Der Fall wird in der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst" ausgestrahlt. In den folgenden Tagen gehen etliche Hinweise ein. Laut Ermittlern befindet sich aber nichts Brauchbares darunter.

26. Jänner 2017: Ein Verbrechen in Deutschland gibt dem Fall eine neue Wende: Am Tatort einer Anfang November in Endingen bei Freiburg getöteten 27-jährigen Joggerin stellen die Ermittler DNA-Fragmente sicher, die mit den Spuren im Fall Lucile übereinstimmen.
5. April 2017: Die deutschen Kriminalisten veröffentlichen ein Phantombild. Eine heiße Spur ergibt sich daraus noch nicht.

2. Juni 2017: Die deutschen Ermittler vermelden die Festnahme eines Verdächtigen — es handelt sich um einen Fernfahrer.

Der Mord an Lucile K. war von Anfang an ein schwieriger Fall für die Polizei: kein eindeutiges Motiv, kaum Zeugen, selbst die Tatwaffe war zunächst unauffindbar. Unklar war auch, ob der gewaltsame Tod der Studentin ein Raubmord (Handy und Tasche gestohlen), ein Sexualdelikt oder eine Beziehungstat war. Die Leiche der Französin, die aus der Gegend von Lyon stammte und im Rahmen eines Auslandssemesters in Kufstein studiert hatte, war von Polizisten am Ufer des Inns entdeckt worden. Freunde und Studienkollegen hatten die junge Frau als vermisst gemeldet. Todesursache waren laut Obduktion heftige Schläge auf den Kopf. Taucher fanden schließlich die Tatwaffe im Inn, eine Eisenstange.

Aufgeben wollte das Team um den Chefermittler des Tiroler Kriminalamts Walter Pupp aber nie. „Ich bin zuversichtlich, dass wir den Mordfall klären können“, sagte er etwa im Jänner 2016, zwei Jahre nach der Tat. Seine Vermutung, dass die zwar unvollständige, aber beim Mordopfer sichergestellte DNA die Polizei letztlich doch noch zu Luciles Mörder führen könnte, dürfte sich als richtig herausstellen.

Die Mordermittlungen an der deutschen Joggerin brachten schließlich die Wende. Die am Tatort in Kufstein gefundene DNA wurde hochgerechnet und dieses Profil dann mit den in Deutschland sichergestellten Fragmenten direkt verglichen. Das Ergebnis lasse keinen vernünftigen Zweifel zu, dass es sich nicht um dieselbe Person handelt, hatten die Ermittler im Jänner bekannt gegeben. Und die Tatbilder waren ähnlich.

Heute wollen die deutschen und Tiroler Ermittler über die Hintergründe der Verhaftung aufklären. Walter Pupp: „Die Hinweise sind sehr konkret, dass der mutmaßliche Mörder von Lucile gefasst wurde.“

Auch in Kufstein löst sich nach Jahren dieses Gefühl der Ohnmacht. Bürgermeister Martin Krumschnabel: „Eine Hochachtung vor dieser hervorragenden Polizeiarbeit. Das Täterprofil dürfte ja gut gepasst haben. Jetzt können wir definitiv ausschließen, dass der Täter aus unserem Bereich kommt.“ Das sei ja lange Zeit unklar gewesen. Der bis jetzt ungeklärte Mord an der jungen französischen Studentin habe sich auch negativ auf das subjektive Sicherheitsempfinden in der Festungsstadt niedergeschlagen.

Der Schmerz bleibt, die Erinnerung an das furchtbare Verbrechen ebenfalls. Aber vielleicht können Luciles Angehörige jetzt endgültig Abschied nehmen. Weil sie ihren Mörder kennen, der dafür auch bestraft wird. (TT)