Letztes Update am Sa, 03.06.2017 20:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kufstein/Endingen

Mutmaßlicher Mörder von Lucile und Carolin in U-Haft

Tausende Spuren und Hinweise wurden abgearbeitet: Das Profil eines 40-jährigen rumänischen Fernfahrers, der im Raum Endingen lebt und arbeitet, passte zu dem gesuchten Mordverdächtigen im Fall Lucile und im Fall Carolin. Die Beweislage ist erdrückend.

Ein 40-jähriger Lkw-Fahrer soll für den Mord an Lucile in Kufstein verantwortlich sein. Die Indizien sind erdrückend.

© Zoom-TirolEin 40-jähriger Lkw-Fahrer soll für den Mord an Lucile in Kufstein verantwortlich sein. Die Indizien sind erdrückend.



Kufstein/Endingen – 1237 Tage sind vergangen. 1237 Tage der Trauer für Luciles Familie in Frankreich, 1237 Tage der Angst bei der Kufsteiner Bevölkerung. Wer hat die hübsche Studentin aus Lyon so brutal erschlagen und missbraucht? Wo ist der Täter hin? Wann schlägt er wieder zu? Diese Fragen haben in den letzten dreieinhalb Jahren nicht nur die Polizei beschäftigt. Auch viele Tiroler waren nach dem Mord am 12. Jänner 2014 verunsichert.

Lange Zeit sah es nicht danach aus, als könnte der Täter gefasst werden. „Die Spurenlage war schlecht, es gelang uns zwar DNA sicherzustellen, aber nur Fragmente“, erklärte Walter Pupp, Leiter des Tiroler Landeskriminalamtes. Der Fund der Tatwaffe führte die Ermittler zwar weiter, den erhofften Durchbruch brachte er aber vorerst nicht. Wohl auch, weil darauf zwar DNA von Lucile sichergestellt werden konnte, nicht aber die des Täters.

Doch der Mörder machte einen Fehler: Er schlug wieder zu und hinterließ auch dabei seine Spuren. Nicht viele – aber am Ende reichte es, um die Schlinge zuziehen zu lassen. Als die Endingerin Carolin G. tot und vergewaltigt in den Weinbergen ihres Heimatortes entdeckt wurde, waren viele Spuren des Täters bereits verwischt. Der Regen hatte sie regelrecht davongespült, während die Leiche der jungen Frau mehrere Tage lang im Gebüsch lag.

Für die Polizei vor Ort begann ein Spießrutenlauf, war doch wenige Tage zuvor eine junge Studentin im nahegelegenen Freiburg ermordet worden. Zwei Sonderkommissionen arbeiteten eng zusammen – auch unter dem Verdacht, dass die Fälle zusammenhängen könnten. Letztlich stellte sich dieser Verdacht als haltlos heraus, im Fall der jungen Studentin wurde ein Asylwerber als Täter ausgeforscht und verhaftet. Während eine Sonderkommission aufgelöst werden konnte, blieb die „Soko Erle“ bestehen und suchte weiter fieberhaft nach Carolins Mörder.

Spur von Tirol nach Endingen

Es dauerte nicht lange, und der Abgleich in der internationalen Datenbank brachte einen weiteren Erfolg: Die DNA-Profile im Fall Caroline stimmten mit den DNA-Fragmenten im Fall Lucile überein. Ein Serientäter war am Werk, davon waren die Tiroler und die deutschen Behörden überzeugt und starteten eine enge Zusammenarbeit. „Getrennt voneinander wären die beiden Fälle wohl nicht lösbar gewesen. Erst durch die enge Zusammenarbeit gelang die Ausforschung des Täters“, ist Pupp überzeugt.

Von den Tiroler Ermittlern wusste die „Soko Erle“, dass als möglicher Täter ein Fernfahrer in Betracht kam, denn das Tatwerkzeug, das bei der Ermordung Luciles verwendet worden war, benötigt man auch, um einen Lkw mit hydraulischem Werkzeug hochzuheben. Auch Carolin war mit heftiger Gewalteinwirkung, vielleicht sogar ebenfalls mit einer Eisenstange, erschlagen worden. Außerdem passierten beide Morde an einem Sonntag – ein Tag, an dem sowohl in Österreich als auch in Deutschland Lkw-Fahrverbot herrscht. Die jungen Frauen waren beide sexuell missbraucht worden.

„Wir haben von den Tiroler Ermittlern die Go-Box-Daten des Lkw-Verkehrs im betroffenen Zeitraum erhalten und die mussten wir dann massiv eingrenzen, immerhin handelte es sich um rund 50.000 Daten. Danach haben wir dann die betroffenen Speditionen angeschrieben, die in Frage kamen“, erklärte Richard Kerber, Leiter der „Soko Erle“, die Vorgehensweise.

Spur 4334 brachte Durchbruch

Tausende Spuren, Tausende Hinweise waren bis dahin abgearbeitet. Das forensische Labor hatte auf Hochtouren gearbeitet, auch am Wochenende, auch in der Nacht. Die Spur mit der Nummer 4334 brachte schließlich den Durchbruch: Das Profil eines 40-jährigen Rumänen, der in der Nähe von Endingen wohnte und auch seine Arbeitsstätte hatte, passte. Die Polizei ist sich sicher, den Richtigen gefasst zu haben, auch wenn er selbst die Vorwürfe bestreitet.

„Konkretisiert hat sich die Spur zu dem Festgenommenen am Mittwoch. Es gab mehrere Indizien, die gegen ihn sprechen. So war er am Tattag des 6. Novembers mit seinem Handy in der Nähe des Tatortes eingeloggt, auch sein Privatfahrzeug passte auf ein Modell, nachdem die Polizei gesucht hatte“, so Staatsanwalt Dieter Inhofer. Ein Speicheltest ließ die Vorwürfe erdrückend werden. In beiden Fällen gab es eine Übereinstimmung. Am Freitag um 13.40 Uhr klickten die Handschellen.

„Das Amtsgericht Freiburg hat wegen des dringenden Tatverdachts der Vergewaltigung und des Mordes Haftbefehl erlassen“, erklärt Inhofer. Seit Samstag sitzt der Rumäne in Untersuchungshaft. Näheres zu seiner Person wollten die Ermittler aber nicht bekannt geben.

Haftbefehl gilt vorerst nur für Deutschland

Nach dem Ermittlungserfolg stehen die Behörden jetzt allerdings vor der Kleinarbeit. Der Haftbefehl bezieht sich nur auf den Fall Carolin G., was daran liegt, dass es laut der deutschen Gesetzgebung nicht möglich ist, einen Ausländer, der im Ausland eine Straftat an einer Ausländerin verübt hat, vor ein deutsches Gericht zu stellen.

„Es wird ein zweites Ermittlungsverfahren im Fall Lucile geben. Dann wird der Täter mittels europäischem Haftbefehl auch nach Innsbruck überstellt“, erklärt Pupp. Wann das sein wird, ist allerdings noch unklar. „Uns ist ein Stein vom Herzen gefallen, dass der Fall Lucile geklärt zu sein scheint. Wir haben gestern die Eltern der jungen Studentin angerufen. Die haben gar nicht mehr daran geglaubt, dass der Täter noch gefunden wird.“ 1237 Tage später kann endlich Ruhe einkehren. (rena/mw)