Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 06.06.2017


Exklusiv

Fall Lucile: Tiroler Mordgruppe nimmt Verdächtigen in die Zange

Noch diese Woche soll der Tatverdächtige im Mordfall Lucile vom LKA Tirol in Deutschland einvernommen werden. Ihm drohen zwei Prozesse.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Freiburg – Nach dem Fahndungserfolg rund um einen rumänischen Lkw-Fahrer, der seit Freitag im dringenden Verdacht steht, 2014 in Kufstein die französische Austauschstudentin Lucile und 2016 in Freiburg die Joggerin Carolin G. (27) sexuell missbraucht und ermordet zu haben, gönnen sich die Ermittler in Tirol und Baden-Württemberg keine Verschnaufpause.

Walter Pupp, Leiter des Tiroler Landeskriminalamtes (LKA), gestern zur TT: „Ich rechne damit, dass wir noch diese Woche in Freiburg mit Vernehmungen des Tatverdächtigen beginnen können.“ Diese werden für das Tiroler LKA zum Mordfall Lucile durch den Chef der Gruppe „Leib und Leben“ und dessen Mitarbeiter durchgeführt werden.

Zuvor muss jetzt nicht nur noch ein offizieller EU-Haftbefehl gegen den die Taten leugnenden 40-Jährigen erlassen, sondern seitens der Staatsanwaltschaft Innsbruck auch ein Rechtshilfeersuchen bei den Kollegen in Freiburg gestellt werden. Da dies alles auf elektronischem Wege erledigt werden kann, rechnet Pupp mit einer relativ schnellen Bewilligung weiterer Ermittlungsarbeit im benachbarten Ausland.

Spurensicherung am Inn: In der Nacht auf 12. Jänner 2014 wurde die junge Französin ermordet.
Spurensicherung am Inn: In der Nacht auf 12. Jänner 2014 wurde die junge Französin ermordet.
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Staatsanwalt Hansjörg Mayr für die Tiroler Ermittlungsbehörde: „Beide Ermittlungsverfahren zu den vorliegenden Verdachtsfällen werden aber komplett separat weitergeführt.“ So erlaube ein Mordverdacht an einer Französin durch einen Rumänen in Kufstein nicht die Einbeziehung des Verfahrens in den deutschen Fall. Das wäre allenfalls möglich, wenn beispielsweise auch das Mordopfer in Kufstein eine deutsche Staatsbürgerin wäre. So wird laut Mayr im Fall einer späteren Anklage gegen den Rumänen – für diesen gilt die Unschuldsvermutung – auch der Mordprozess im Fall Lucile am Innsbrucker Landesgericht geführt werden. Ob die Ermittlungsverfahren nun in Deutschland oder in Österreich schneller beendet werden und allenfalls in einem Prozess enden können, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch völlig offen.

Sollte der Rumäne jedoch in Deutschland bereits verurteilt worden sein, so würde er aus der verhängten Strafhaft dennoch zum Prozess an ein Innsbrucker Schwurgericht ausgeliefert werden. Der Zeitpunkt einer allfälligen Verurteilung könnte zudem auch bestimmen, in welchem der beiden Länder eine Haftstrafe (es droht in Österreich und Deutschland lebenslänglich) vom verdächtigen Lkw-Fahrer verbüßt werden muss.

Allfällige zivilrechtliche Schadenersatzansprüche (Trauerschmerzensgeld, Psychotherapien, Begräbniskosten) durch die Hinterbliebenen von Lucile könnten wiederum nach französischem Recht bewertet werden müssen.

Nicht nur für LKA-Leiter Pupp bleibt der Fall indes weiter spannend. Schließlich könnte die Konstellation eines Lkw-Fahrers, der durch ganz Europa fährt und in einzelnen Ländern zufällig nach Opfern greift, noch Überraschungen in sich bergen.

Pupp: „Die kriminalistische Erfahrung sagt uns, dass der Verdächtige auch noch weitere Verbrechen begangen haben könnte. Durch seine Ergreifung haben wir nun aber das vollumfängliche DNA-Profil des Mannes vorliegen. Und diese Datensätze gehen bereits durch ganz Europa. Das wird jetzt für uns noch spannend!“