Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 08.06.2017


Kufstein

Versäumnisse? Vorwürfe gegen Tiroler Ermittler im Fall Lucile

Eine deutsche Lokalzeitung berichtet von angeblichen Versäumnissen der Tiroler Polizei im Mordfall Lucile. In Tirol werden die Vorwürfe dementiert. Ermittlungen gegen den Lkw-Fahrer wurden nach Rumänien ausgeweitet.



Kufstein, Endingen – Der Applaus für die Klärung der beiden Frauenmorde in Kufstein und Endingen (Deutschland) ist noch nicht verhallt, da tauchen plötzlich Vorwürfe auf. Vorwürfe, die die Badische Zeitung veröffentlicht hat und die sich gegen die Ermittler des Landeskriminalamtes in Innsbruck richten. Dabei geht es um die Frage, warum die Tiroler Kriminalisten angeblich drei Jahre lang nicht herausfanden, dass die Hubstange, mit der Lucile K. im Jänner 2014 in Kufstein erschlagen wurde, von einem Lkw der Marke Iveco stammt. Diese Erkenntnis blieb offenbar der Freiburger Polizei vorbehalten, die seit Jänner eng mit den Tiroler Kollegen zusammenarbeitet. Die Iveco-Hubstange sei dann auch der Schlüssel zum Ermittlungserfolg geworden, meldet die Badische Zeitung. Ein Vergleich mit den Tiroler Mautdaten habe in der Folge ergeben, dass sich in der Mordnacht zum 12. Jänner 2014 genau 13 Schwerfahrzeuge dieses Fabrikats im Raum Kufstein aufhielten. Die Freiburger Ermittler konnten die 13 Iveco-Lenker rasch identifizieren. Dabei fiel auf, dass ein bei Freiburg lebender Fernfahrer aus Rumänien mit seinem Handy am 6. November 2016 im Funknetz von Endingen eingeloggt war. An jenem Tag und an jenem Ort also, an dem die Joggerin Carolin G. (27) vergewaltigt und ermordet worden war. Der Durchbruch für die Ermittler: Wie berichtet, wurde Catalin C. nach einem positiven DNA-Abgleich am Freitag festgenommen.

„Die Vorwürfe sind aus der Luft gegriffen, unsere Arbeit war entscheidend für die Klärung beider Fälle“, sagt Pupp.
„Die Vorwürfe sind aus der Luft gegriffen, unsere Arbeit war entscheidend für die Klärung beider Fälle“, sagt Pupp.
- dpa

Anders ausgedrückt: Laut Badischer Zeitung könnte der 40-Jährige bereits seit 2014 hinter Schloss und Riegel sitzen. Und Carolin G. aus Endingen in der Folge noch am Leben sein.

Vorwürfe, die die Ermittler diesseits und jenseits der Grenze nicht gelten lassen. „Die Vorwürfet sind aus der Luft gegriffen, unsere Arbeit war entscheidend für die Klärung beider Mordfälle“, sagt Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamtes in Innsbruck: „Sowohl die Tiroler als auch die deutsche Polizei hätten jeder für sich nicht erfolgreich sein können. Die Festnahme war eine Folge der Zusammenarbeit.“

Richard Kerber, Leiter der Sonderkommission in Endingen, erklärte zu den Vorwürfen gegen die Tiroler Kollegen: „Von dort wurde alles gemacht, was möglich war.“ Und auch der Freiburger Oberstaatsanwalt Michael Mächtel betont, dass die Zusammenarbeit „mit den österreichischen Behörden hervorragend war“. Immerhin habe die Tiroler Polizei die Tatwaffe 2014 aus dem Inn gefischt – „eine reife Leistung“. Dirk Klose von der Freiburger Polizei-Pressestelle bestätigte den Bericht der Badischen Zeitung, dass die Ermittlungen zur Herkunft der Hubstange zu den 13 Iveco-Lkw geführt haben. Zu weiteren Spekulationen über die Arbeit der Tiroler Kollegen wollte Klose keine Stellung nehmen. Er betonte aber, dass besagte Hubstange ein „wichtiges Puzzlestück“ bei der Klärung beider Morde war. Ohne die Tiroler Kollegen hätte dies gefehlt. Hansjörg Mayr, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, bestätigt, „dass wir die Mautdaten angefordert haben“. Die Frage, was mit diesen Daten in der Folge geschah, müsse das Landeskriminalamt beantworten. Aber auch Mayr erklärt, dass „erst die Zusammenführung der Ermittlungsergebnisse zum Erfolg geführt hat“.

Die Kufsteiner Tatwaffe war der Schlüssel zum Ermittlungserfolg, der am Samstag in Endingen präsentiert wurde.
Die Kufsteiner Tatwaffe war der Schlüssel zum Ermittlungserfolg, der am Samstag in Endingen präsentiert wurde.
- LKA Tirol

Doch zurück zum mutmaßlichen Doppelmörder Catalin C.: Bei der neuerlichen Einvernahme am Dienstag bestritt der Rumäne weiterhin, für die Gewalttaten verantwortlich zu sein. Dennoch wurden die Ermittlungen ausgeweitet – die Freiburger Polizei prüft jetzt in Zusammenarbeit mit den rumänischen Kollegen, ob C. für weitere Morde in seiner Heimat verantwortlich sein könnte. Die Kriminalisten interessieren sich dabei vor allem um die Anhalterin Mioarei Anuta Manea, die im Mai 2004 nahe der rumänischen Stadt Vaslui vergewaltigt und erwürgt wurde. Der 40-jährige Lkw-Fahrer stammt aus der Gegend und hat damals dort gelebt. Die rumänische Polizei hat bereits das ehemalige Wohnhaus des dreifachen, aber von seiner Familie getrennt lebenden Vaters und ein Auto untersucht. Im Raum Vaslui sind zwischen 2000 und 2004 insgesamt vier Frauen bei Gewaltdelikten ums Leben gekommen.

Auch aus Freiburg gibt es Neuigkeiten. So prüft die Polizei einen Hinweis, dass Catalin C. Carolin G. gekannt hat – der Mordverdächtige und das 27-jährige Opfer sollen sich in einer Pizzeria bei Endingen begegnet sein. (mw, tom)