Letztes Update am Mi, 07.06.2017 14:46

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anschlag in London

Jung, mutig, wehrlos: Die Todesopfer des London-Anschlags

Acht Tote und achtundvierzig Verletzte in acht Minuten. Sie alle schlenderten am Samstagabend über die London Bridge im Herzen der Stadt. So, wie es Millionen Menschen vor ihnen taten. Und Tausende an jenem Tag. Doch sie waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Viele Menschen legen in Gedenken an die Opfer Blumen und Briefe nahe der London Bridge nieder.

© ReutersViele Menschen legen in Gedenken an die Opfer Blumen und Briefe nahe der London Bridge nieder.



Von Tamara Stocker

London — Dienstagabend, kurz vor 20 Uhr. Etwa zwei Kilometer fernab der London Bridge treibt eine Leiche in der Themse. Polizisten bergen den leblosen Körper aus dem Fluss. Damit steigt die Zahl der Opfer, die bei dem Terroranschlag im Zentrum Londons am Samstagabend ums Leben kamen, auf acht. Einen Tag später steht fest: Bei dem Toten aus der Themse handelt es sich um den Franzosen Xavier Thomas (45).

Bereits kurz nach der Attacke sucht die Polizei die Themse nach möglichen weiteren Opfern ab - ohne Ergebnis. Erst am Dienstag bargen sie die Leiche eines vermissten Franzosen.
Bereits kurz nach der Attacke sucht die Polizei die Themse nach möglichen weiteren Opfern ab - ohne Ergebnis. Erst am Dienstag bargen sie die Leiche eines vermissten Franzosen.
- Reuters

Er schlendert am Samstagabend mit seiner Freundin Christine über die London Bridge, als ein weißer Van die beiden erfasst und Xavier in den Fluss schleudert. Seitdem galt der 45-Jährige als vermisst, seine Freundin kam schwer verletzt ins Krankenhaus. Nach einer Operation ist ihr Zustand stabil. Die psychischen Wunden werden noch lange nicht heilen, womöglich niemals.

Mit ihrem Schmerz ist Christine nicht alleine. Viele Menschen haben am vergangenen Wochenende einen ihrer Liebsten verloren. Partner, Kinder, Geschwister. Während sich die Behörden zurückhalten und nur wenig über die Opfer preisgeben, verarbeiten Angehörige und Freunde ihre Trauer öffentlich.

Sara Zelenak, 21 Jahre

Es ist eine aufregende Zeit für die junge Australierin. Seit März arbeitet die 21-Jährige als Au Pair in London. Ein Abenteuer, zu dem sie auch ihre Eltern ermutigen. Ende Mai hätte sie Karten für das Konzert von Ariana Grande in Manchester gehabt, sei aber nicht hingegangen, erzählt ihre Mutter der Daily Mail. Bei dem dortigen Anschlag starben 22 Menschen.

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Die Australierin ist das jüngste Todesopfer.
Die Australierin ist das jüngste Todesopfer.
- Reuters

Jeden Tag habe sie ihre Mama angerufen. Zuletzt am Freitagabend. Sie freue sich auf das Wiedersehen mit ihr und ihrem Stiefpapa in Paris Ende Juni, sagt sie.

Doch dazu sollte es nicht kommen. Am Samstag bleibt das Telefon ihrer Mutter im 16.500 Kilometer entfernten Brisbane stumm. Sara überlebt die blutige Attacke auf der London Bridge nicht.

Die junge Frau hätte an jenem Abend auf das Baby ihrer Gastfamilie aufpassen sollen. Als aber die Großmutter spontan vorbeikommt, verabredet sie sich mit Freunden am Borough Market. Im Chaos verlieren sie sich aus den Augen. Ihre beste Freundin schreibt später auf Facebook: „Ich kann nicht glauben, dass wir nicht zusammen alt werden."

Kirsty Boden, 28 Jahre

Seit 2009 lebt Kirsty in London. Sie liebt das Reisen. In ihrem Blog erzählt die Krankenschwester von ihren Erlebnissen in der Schweiz, Deutschland, Bulgarien oder Lettland. Zuletzt war sie in die Ukraine gereist, um ihr Heimatland Australien beim Eurovision Song Contest zu unterstützen. Sie schreibt: „Es mag klischeehaft klingen, aber das Leben ist kurz und darum sollten wir die Zeit, die wir haben, weise nutzen."

Das tut die 28-Jährige bis zum Schluss. Auf der London Bridge eilt sie Verwundeten zu Hilfe. Sie will Gutes tun — und bezahlt dies mit ihrem Leben. Ihre Familie zollt Kirsty Tribut: „Wir sind stolz auf ihren Mut, der zeigt, wie selbstlos, fürsorglich und heroisch sie war. Nicht nur in dieser Nacht, sondern während ihres ganzen Lebens."

Ignacio Echeverria, 39 Jahre

Ignacio und sein Skateboard sind unzertrennlich. Auch an diesem Samstagabend ist der Spanier nahe der London Bridge mit seinem Gefährt unterwegs. Am Borough Market sieht er plötzlich, wie einer der drei Terroristen eine wehrlose Frau angreift. Der 39-Jährige zögert nicht, rennt zu ihr und attackiert den Jihadisten mit seinem Skateboard. Seine Zivilcourage kostet auch ihn das Leben.

Sebastien Belanger, 26 Jahre

Samstagabend. Champions-League-Finale. Sebastien verabredet sich mit seinen Kumpels im Lokal „The Barrowboy & Banker" unweit der London Bridge zum Fußball gucken. Nach dem Match zieht die Gruppe weiter zur Weinbar „Boro Bistro", die nur ums Eck liegt.

Sebastians Freundin Gerda suchte mit Zetteln und auf Facebook nach dem Vermissten.
Sebastians Freundin Gerda suchte mit Zetteln und auf Facebook nach dem Vermissten.
- REUTERS

Doch auf dieser kurzen Strecke geraten sie mitten in den Terror. Zurerst vermuten sie einen Autounfall. Es vergehen fünf bis zehn Sekunden, in denen sich die Freunde aus den Augen verlieren. Sie rennen um ihr Leben. Für Sebastian endet dieser Abend tödlich.

Alexandre Pigeard, 27 Jahre

Alexandre und Sebastien Belanger sind gut befreundet. Die Franzosen wollen sich nach dem Champions-League-Finale noch im Boro Bistro sehen, wo Alexandre als Kellner arbeitet. Aber auch der 27-Jährige überlebt nicht, einer der Angreifer rammte ihm ein Messer in den Hals. Sein Chef Vincent Le Berre muss die Gräueltat mit ansehen, steht nur zwei Meter entfernt. „Ich sah den Hass in seinen Augen", sagte er der BBC. Vincent überlebt.

Nur zwei Tage vor dem Anschlag absolvierten die Mitarbeiter eine Anti-Terror-Übung. „Aber es ging alles viel zu schnell, ich konnte meinen Freund nicht beschützen", schildert der Barbesitzer.

Christine Archibald, 30 Jahre

Christine entscheidet sich für ein Leben in Europa. Die Kanadiern will sich mit ihrem Verlobten Tyler eine gemeinsame Zukunft in London aufbauen. Am Samstagabend spazieren die beiden Hand in Hand über die London Bridge. Der Van rast auf das Paar zu. Christine stirbt in den Armen ihrer großen Liebe. Tylers Schwester schreibt später auf Facebook: „In einer einzelnen Sekunde zerbrach das Leben meines Bruders in tausend Einzelteile. Sein Schluchzen am Telefon zu hören, während er versucht, mit dem Erlebten umzugehen, zerreißt mich."

Freunde riefen in Gedenken an „Chrissy" eine Spendenaktion ins Leben. Sie sammeln Gelder für das Obdachlosenheim, in dem die 30-Jährige bis zuletzt arbeitete.


James McMullan, 32 Jahre

Es ist der erste Abend seit langem, an dem James sich mit Freunden in einer Bar verabredet. Denn es gibt etwas zu feiern. Zwei Jahre lang arbeitete er rund um die Uhr an seinem Start-Up-Unternehmen. Jetzt war er kurz davor, den Vertrag über 1,5 Millionen Dollar zu unterzeichnen. Doch als er die Bar „The Barrowboy and Baker" verlässt, stirbt er. Später wird seine Bankomatkarte auf einer Leiche gefunden.

Sein Vater schwor, am Vermächtnis seines „außergewöhnlichen Sohnes" weiterarbeiten zu wollen. James' Schwester Melissa gibt auf dem Sender SkyNews unter Tränen ein Statement ab. Sie dankt allen, die ihr Möglichstes taten, um die Bürger Londons vor diesen „verstörten und verblendeten Individuen zu schützen." Über ihren großen Bruder sagt sie: „Worte werden niemals in der Lage sein, seinem Wesen zu entsprechen. Es wird immer nur einen James geben."