Letztes Update am Do, 08.06.2017 14:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Geburt auf Flughafentoilette: Mutter soll Baby getötet haben

Sie hat schon zwei Mal abgetrieben. Als sie zum dritten Mal ungeplant schwanger wird, bringt die junge Frau das Baby auf einer Flughafentoilette zur Welt. Dort soll sie es getötet haben. Vor Gericht sagt die Mutter, das Kind habe nach der Geburt nicht geatmet.

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Köln – Sie spricht viel von der Traurigkeit. Viel davon, dass sie sich „nicht aufgefangen gefühlt“ habe. Die Frau, die am Donnerstag auf der Anklagebank des Kölner Landgerichts sitzt, soll ihr neugeborenes Baby getötet haben. Auf einer Toilette des Flughafens Köln/Bonn, nach der Rückkehr aus einem Gran-Canaria-Urlaub mit ihrem Freund.

Die Staatsanwaltschaft hat die 28-Jährige wegen Totschlags angeklagt. „In einem WC im Bereich der Gepäckausgabe“ habe sie im vergangenen November nachts ein Kind geboren, trägt der Staatsanwalt vor. „Einen Jungen mit einer Größe von 49 Zentimetern und einem Gewicht von 3045 Gramm.“ Dann habe die Mutter den Säugling bis über den Kopf in ein Kleid und ein Handtuch eingewickelt, so dass er erstickte. „Den Tod des Kindes nahm sie zumindest billigend in Kauf.“

Angeklagte schildert Geburt anders

Die Angeklagte stellt das Geschehen im entscheidenden Punkt anders dar. „Es ging ganz schnell, dann war auf einmal schon der Kopf da“, erzählt sie stockend. Sie habe versucht, das Kind aufzufangen, sei aber selber zusammengesackt. „Als ich wieder zu mir kam, habe ich an seinem Rücken und Bauch gefühlt, seine Hände gedrückt – aber da war nichts, keine Reaktion.“ Weil es so kalt gewesen sei, habe sie den Kleinen in ein Kleid gewickelt.

Immer wieder tupft sich die schlanke Angeklagte die Augen mit einem Taschentuch, streicht sich die langen Haare aus dem Gesicht, macht Pausen, seufzt tief. Mehrmals müssen ihre Verteidiger das Mikrofon näher heranrücken, weil sie so leise spricht. Ausführlich erzählt die Studentin aus Siegen von der Beziehung zu ihrem Freund, mit dem sie 2011 zusammenkam – und von den zwei Abtreibungen, die sie seitdem hinter sich hat.

Sie wollte drittes Kind behalten, er nicht

In beiden Fällen habe sie sich nicht bereit für ein Kind gefühlt, sagt sie. Nach Gesprächen mit ihrem Freund und bei Beratungsstellen habe sie die Schwangerschaften abbrechen lassen. Während sie die erste Abtreibung 2012 noch gut verkraftet habe, sei es beim zweiten Mal für sie „im Nachhinein viel schwerer zu ertragen“ gewesen.

Trotz Verhütung sei sie Anfang 2016 erneut schwanger geworden. „Ich habe meinem Freund gesagt, dass ich das Kind behalten will, dass ich noch einen Abbruch nicht durchstehe.“ Doch der Freund habe völlig hilflos reagiert und das Kind nicht haben wollen. „Seit dem Tag habe ich mich total eingeigelt, viel im Bett gelegen und geweint.“

Später habe sie ihrem Partner gesagt, sie sei bei einer Ärztin gewesen, so dass er wohl von einer Abtreibung ausgegangen sei. Er habe dann auch nicht mehr nachgefragt.

Vater will nichts vom Kind im Rucksack gewusst haben

Ihr Körper habe sich durch die Schwangerschaft kaum verändert, berichtet die 28-Jährige. Sie habe sich überlegt, das Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben.

Im November flog sie mit ihrem Freund nach Gran Canaria. Auf dem Rückflug habe sie unter starken Schmerzen gelitten. Als sie am Flughafen auf die Toilette ging, sei es zur Sturzgeburt gekommen. Mit einer Nagelschere habe sie die Nabelschnur durchtrennt.

Das leblose Kind habe sie in einen Beutel gesteckt und sei dann zu ihrem Freund gegangen, der vor der Tür gewartet habe. Noch auf dem Flughafengelände brach sie zusammen und kam in ein Krankenhaus. Dort stellten die Ärzte fest, dass sie erst kürzlich entbunden hatte, und alarmierten die Polizei. Den Beutel hatte der Freund in seinen Rucksack gesteckt und mitgenommen. Dass sich darin ein toter Säugling befand, soll er erst später bemerkt haben. Die Polizei fand die kleine Leiche in seiner Siegener Wohnung. (Petra Albers, dpa)