Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 25.09.2017


Exklusiv

Kiffer tun es in Tirol immer öfter öffentlich

Den Tirolern steigt immer öfter der verbotene Duft von Haschisch in die Nase. Eine Entwicklung, die auf die Entkriminalisierung der Droge zurückgeführt wird. Und auf die steigende Akzeptanz von Cannabis.

© Julia Hammerle



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Samstagnachmittag auf der Innsbrucker Innpromenade: Überall Spaziergänger, Kinder auf Zwei- und Dreirädern, fast alle Parkbänke sind besetzt. Und mitten in der Freizeitgesellschaft ein junges Paar, das von einer Rauchwolke verfolgt wird. Der Duft von Cannabis liegt in der Luft. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die Zigarette in der Hand des verliebten Burschen als Joint. Ganz offen reicht er den eigentlich verbotenen Glimmstängel an seine Freundin weiter. Dass dabei Dutzende Menschen zu Augen- und Nasenzeugen werden, scheint das Paar nicht zu stören.

Kein Einzelfall: Zwei Kilometer weiter und eine halbe Stunde später sitzt ein etwa 40-jähriger Vollbartträger beim Malfattiheim auf der Innmauer in der Herbstsonne und bläst Marihuana-Wolken in die Luft. Dass auch am Skaterplatz hinter der Sport-Uni ein Entspannungsjoint die Runde macht, entspricht ohnehin dem Klischee.

„Die Leute sch...en sich nichts mehr“, sagt ganz unverblümt der klinische Psychologe Dietmar Kamenschek von der Suchtberatung Tirol: „Es fehlt zunehmend das Bewusstsein, etwas Unrechtes zu tun.“ So sieht es auch Manuel Hochenegger von der Drogenarbeit Z6: „Man kann schon sagen, dass in der Öffentlichkeit mehr gekifft wird.“ Ein Eindruck, den auch Polizeibeamte teilen: „Es riecht immer öfter verdächtig“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. In Parkanlagen, auf der Innpromenade oder auch an lauen Abenden in der Innsbrucker Innenstadt.

Exekutivbeamte und Suchtmittelexperten sind sich in einem weiteren Punkt einig: Dass der Konsum von Cannabis-Produkten in der Öffentlichkeit zunimmt, „liegt wohl am geänderten gesetzlichen Rahmen“, sagt Hochenegger. Der sieht vor, dass die Staatsanwaltschaft gegen einen erwischten und angezeigten Haschisch-Konsumenten nur noch in Ausnahmefällen ein Strafverfahren eröffnet. Vordergründig ist es jetzt Aufgabe der Bezirksverwaltungsbehörde (BH oder Magistrat), den Fall zu beurteilen und bei Bedarf so genannte „gesundheitsbezogene Maßnahmen“ anzuordnen. Im Klartext heißt das, der Amtsarzt entscheidet und schickt den Kiffer nach eigenem Ermessen weiter. Etwa zur Suchtberatung Tirol – „von unseren 800 Klienten kommen 400 nicht freiwillig, sondern auf Anweisung der Behörde“, sagt Psychologe Kamenschek: „Wir versuchen dann, die Leute über die Substanz aufzuklären.“ Verpflichtende Drogentests seien nicht vorgesehen. Wie Hansjörg Mayr, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, erklärt, „eröffnen wir nur dann ein Verfahren, wenn die Gesundheitsbehörde meldet, dass ein betroffener Konsument ihre Anweisungen nicht befolgt“. Selbst wenn ein Kiffer mehrmals von der Polizei erwischt und angezeigt wird, ist ein Strafverfahren nicht mehr vorgesehen. Experten und Behördenvertreter beurteilen die rechtliche Entwicklung als Liberalisierung bzw. Entkriminalisierung des Themas Cannabis.

Fest steht aber auch: Der Trend zum öffentlichen Konsum von Haschisch und Marihuana ist nur durch subjektive Eindrücke, aber nicht durch offizielle Zahlen belegbar. In den Statistiken wird nicht erfasst, wo das Suchtmittel eingenommen wurde. Die Anzahl der Gesamtanzeigen (alle illegalen Drogen) steigt allerdings langsam, aber kontinuierlich – in Tirol von 2029 im Jahr 2008 auf den Rekordwert von 4023 im Vorjahr. Heuer ist ein weiterer Rekord möglich: Im Vergleichszeitraum beträgt das Plus bereits 100 Anzeigen. Auch bei der beschlagnahmten Menge geht der Trend nach oben: Im Vorjahr stellte die Tiroler Polizei über 152 Kilo Cannabis-Produkte sicher – mehr war es nur 2009 mit knapp 181 Kilo. Immer noch ein Klacks verglichen mit der Gesamtmenge in Österreich – das Gesundheitsministerium meldet 7,8 Tonnen Haschisch- und Marihuana-Sicherstellungen im Vorjahr. Ins Bild passt auch der Trend zum Eigenanbau – wie Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamtes, bestätigt, wurden heuer in Tiroler Wohnungen bereits 80 Hanfplantagen sichergestellt. Zum Vergleich: 2014 waren es im gesamten Jahr 48 Indoor-Zuchtanlagen. Bei etwa 50 Prozent handelt „es sich um Mikroplantagen mit maximal fünf Pflanzen“, sagt Pupp. Eine Größe also, mit der in der Regel der Eigenbedarf gedeckt wird. Die Polizeidaten sind als Gradmesser allerdings nur bedingt geeignet: weil die Anzahl der Anzeigen, Kilos, Plantagen etc. zu einem guten Teil auch vom Engagement der Exekutive abhängt.

Mehr Aussagekraft haben die Untersuchungen des Gesundheitsministeriums. Und die ergaben, dass der Anteil der Cannabis-Konsumenten an der Gesamtbevölkerung seit 1995 kontinuierlich steigt: in den vergangenen zwölf Monaten von 6,5 Prozent auf 8,7 Prozent bei den Männern und von 2,3 Prozent auf 5,3 Prozent bei den Frauen zwischen 18 und 59 Jahren. Von den 18- bis 25-Jährigen haben im vergangenen Jahr 15 Prozent Cannabis konsumiert.

Abseits der Zahlenspiele schätzt der Innsbrucker Experte Manuel Hochenegger, dass „die Anzahl der Kiffer eher zugenommen hat. Für viele sind Haschisch und Marihuana mittlerweile eine Alternative zum Alkohol.“ Psychologe Kamenschek glaubt sogar, dass 30 bis 40 Prozent der jungen Erwachsenen Erfahrungen mit Cannabis-Produkten gesammelt haben. „Das ist weiter verbreitet, als viele glauben“, verweist er auf die zunehmende Anzahl von „Growshops“, deren Angebot vom Hanfsamen bis zur Plantagenausrüstung reicht. Hochenegger und Kamenschek betonen aber auch, dass viele Konsumenten ihr Leben im Griff haben. „Das ist wie beim Alkohol. Die meisten trinken ihn, aber nur wenige haben ein Problem damit“, so der Psychologe.