Letztes Update am Sa, 30.09.2017 20:22

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Nach Haftbefehl: Babynahrungs-Erpresser hat gestanden

Spuren, Videobilder und weitere Funde machten die Ermittler sicher: Ein bei Tübingen gefasster Mann soll der Supermarkt-Erpresser sein, der Gläschen mit Babynahrung vergiftet hat. Trotz seines Geständnisses geben die Behörden noch keine endgültige Entwarnung.

Uwe Stürmer vom Polizeipräsidium Konstanz hält  bei einer Pressekonferenz beispielhaft eine Plastikflasche in der Hand, um die Menge des gefundenen Giftes zu zeigen.

© dpaUwe Stürmer vom Polizeipräsidium Konstanz hält bei einer Pressekonferenz beispielhaft eine Plastikflasche in der Hand, um die Menge des gefundenen Giftes zu zeigen.



Konstanz – Der mutmaßliche Supermarkt-Erpresser hat die Vorwürfe gegen ihn gestanden. Außerdem habe er dem Haftrichter gesagt, dass er keine weiteren vergifteten Lebensmittel verteilt habe. Das teilten Staatsanwaltschaft und Polizei am Samstagabend in Konstanz mit.

Gegen den 53-Jährigen aus dem Kreis Tübingen war Haftbefehl erlassen worden, er wurde bereits in eine Justizvollzugsanstalt gebracht. Der Vorwurf gegen den Verdächtigen lautet auf versuchte räuberische Erpressung.

Die Beweislast gegen den Mann war erdrückend. Die Polizei hatte Hunderte Hinweise aus der Bevölkerung erhalten.

Verdächtiger wollte Beweismittel vernichten

Bei einer Wohnungsdurchsuchung am Freitag in Ofterdingen habe man eine Flasche mit dem Gift Ethylenglycol gefunden, mit dem die sichergestellte Babynahrung in Friedrichshafen versetzt worden war. DNA-Spuren an den vergifteten Gläschen deuteten ebenfalls auf den Mann hin. Der Verdächtige habe die Vernichtung von Beweismitteln vorbereitet. Einen Laptop fanden die Beamten in einem Altkleider-Container. Die Polizei geht von einem Einzeltäter aus. Der Verdächtige lebte demnach seit 2005 in Baden-Württemberg. Zuvor war er in Bayern gemeldet gewesen.

Trotz der Festnahme sollen die Menschen beim Einkauf weiterhin vorsichtig sein, mahnten die Behörden. „Es wäre vorschnell, schon eine komplette Entwarnung zu geben“, sagte Polizeivizepräsident Uwe Stürmer. Der Erpresser hatte damit gedroht, bis Samstag 20 vergiftete Lebensmittel in Umlauf zu bringen und per E-Mail einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag gefordert. Die sichergestellte Menge von etwa 250 Millilitern Ethylenglycol in einer halbvollen Flasche hätte nach Stürmers Angaben ausgereicht, weitere fünf Gläschen zu vergiften. Nach Stürmers Einschätzung wurde jedoch der gesamte Giftvorrat des Verdächtigen gefunden.

Motiv unklar, Mann Strafrechtlich vorbelastet

Die Warnmeldung bleibe jedoch bestehen, bis mehr Klarheit herrsche. Die Menschen sollten beim Einkauf weiter darauf achten, ob Produkte manipuliert seien, und im Zweifelsfall die Polizei informieren. Es gebe derzeit keine Erkenntnisse, dass der festgenommene Mann in Supermärkten oder Drogerien mehr vergiftete Lebensmittel als die bereits gefundenen Gläschen mit Babynahrung platziert habe.

Der Vorwurf gegen den Verdächtigen lautet auf versuchte räuberische Erpressung. Laut Boger drohen ihm im Fall einer Verurteilung zwischen 5 und 15 Jahren Haft. Er schloss eine mögliche Beschuldigung auch wegen versuchter Tötung nicht aus. In dem Fall wäre eine lebenslange Strafe möglich. Noch gebe es keine Erkenntnisse zum möglichen Motiv.

Der 53-Jährige sei ein Mann mit psychischen Auffälligkeiten und Brüchen in der Biografie, sagte Stürmer. Er sei ein exzentrischer Einzelgänger. Weitere Angaben wollte der Vizepräsident wegen des Persönlichkeitsrechts des Verdächtigen nicht machen. Boger sagte, der Mann sei nach ersten Erkenntnissen strafrechtlich vorbelastet. Details nannte er nicht, weil ihm die Akte noch nicht vorliege.

Nach Auffassung des Kriminologen und Psychologen Martin Rettenberger handelt es sich um einen äußerst seltenen Verbrechensfall. „Das ist auf jeden Fall eine ungewöhnliche Konstellation“, sagte der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden der dpa.

Eine Gemeinsamkeit von Erpressungsversuchen mit vergifteten Lebensmitteln sei, dass die Täter innerhalb kurzer Zeit bundesweit, zum Teil darüber hinaus, einen „maximalen Aufmerksamkeitsfokus“ erhielten. Er vermutet beim Täter ein „ausgeprägtes Geltungsbedürfnis“. Wenn es nur um die Gier nach Geld ginge, ließen sich für Täter andere Wege finden.

Der baden-württembergische Verbraucherminister Peter Hauk (CDU) reagierte mit Erleichterung auf die Festnahme. Er dankte den Verbrauchern, die besonnen und aufmerksam reagiert hätten, und der Polizei für ihre professionelle Arbeit. Bis zur endgültigen Aufklärung sollten Verbraucher aufmerksam bleiben. (dpa)