Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 09.10.2017


Exklusiv

Einfacher Radunfall, teures Verfahren

Ein verstopftes Rigol führte zu einem Radunfall. Nach 55.000 Euro Gerichtskosten kam es nun zum Vergleich.

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Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Scheinbar einfachste Sachverhalte des Alltags können sich als rechtlich hochkomplex herausstellen, wie nun wieder einmal eine Schadenersatzklage am Landesgericht zeigte. Diese drehte sich um einen an sich banalen Radunfall, der sich aufgrund eines verstopften Rigols – eine mit Stahlgitter bedeckte Entwässerungsrinne am Boden – ereignet hatte. An einem Augusttag war eine Innsbruckerin mit dem Rad wie stets in die Tiefgarage ihrer Wohnanlage eingefahren, beim Rigol ausgerutscht und gestürzt. Kein Wunder: Stand im Bereich der Rinne schon das Wasser und war auch der anschließende Asphalt durch die Dauerfeuchtigkeit bereits in Mitleidenschaft gezogen. Von einer Mitschuld wollten erst jedoch weder Hausverwaltung noch Eigentümer etwas wissen. Erst recht nicht, nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen fahrlässiger Körperverletzung mangels Fremdverschulden eingestellt hatte.

Für den Innsbrucker Rechtsanwalt Martin Moser war eine haftungsbegründende Mitverantwortung aufgrund des überquellenden Rigols jedoch geradezu offensichtlich. Und so klagte RA Moser Wohnungseigentümergemeinschaft und Hausverwaltung auf 15.000 Euro Schmerzensgeld. War doch seine Mandantin an Kopf sowie Knien schwer verletzt worden und musste deshalb bis zum darauffolgenden März Behandlungen über sich ergehen lassen. Laut Moser hätten es beide Beklagten verabsäumt, die Reinigung des durch Schmutz verstopften Rigols sicherzustellen. Die Beklagten machten hierauf reines Eigenverschulden geltend. Wenn eine Verstopfung bereits länger vorgelegen sei, hätte die Frau ihr Rad eben in die Tiefgarage schieben müssen.

Der erfahrene Bausachverständige Günther Mair sah in seinen Gutachten aber letztlich klar das Rigol als Unfallverursacher. Mair auszugsweise in den Gutachten: „Durch die Rückstauung von Wasser wurde der Asphalt in seiner Rutschhemmung deutlich verringert (...), bei ordnungsgemäßer Wartung ist im Rinnenkörper eine einwandfreie Entwässerung gewährleistet“ und „aufgrund der Erfahrung des Sachverständigen ist zu vermuten, dass eine Wartung jedenfalls mehrere Monate (drei bis sechs Monate) unterlassen wurde.“ Klare Worte, die einen positiven Verfahrensausgang für die Radfahrerin eigentlich bereits vorweggenommen hatten. Da man sich bei Gericht aber wohl nie zu sicher sein sollte und allfällige Rechtsmittel drohten, stimmte die Radfahrerin einem Vergleich über 9000 Euro zu – schließlich waren bereits 55.000 Euro Prozesskosten aufgelaufen. Anwalt Moser: „So konnte das Verfahren für meine Mandantin in absehbarer Zeit positiv beendet werden. Weitere 13 Zeugen wären sonst angestanden.“

Analyse dazu auf Seite 2




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