Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 11.10.2017


Justiz und Kriminalität

„Ein reiner Indizienprozess“

Die Mordanklage gegen den Schwiegervater einer 26-jährigen Wörglerin ist seit gestern rechtskräftig. Die Verteidigung will nun Suizidabsichten der Verstorbenen beweisen.

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© APA



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Am ersten April war beim Wasserkraftwerk Kirchbichl eine Frauenleiche aus dem Inn geborgen worden. Nach der Obduktion war es traurige Gewissheit: Es handelte sich um Jennifer V. Die 26-jährige Wörglerin und zweifache Mutter galt seit dem 2. Februar als verschwunden. Bald schon konzentrierten sich die Ermittlungen der Behörden auf das familiäre Umfeld der Frau. So befand sich ihr Ehemann kurz in Untersuchungshaft, wurde aber schon bald entlassen. Darauf häuften sich Indizien in Richtung Schwiegervater – der 43-Jährige wurde darauf im März in Untersuchungshaft genommen, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt. Als Jennifers Leiche schließlich aus dem Inn geborgen worden war, wechselte der Schwiegervater erneut als U-Häftling in die Justizanstalt. Der Aufenthalt war wieder von kurzer Dauer – Mitte April hob der Ermittlungsrichter die Untersuchungshaft auf. Eine Entscheidung, mit der das Oberlandesgericht wiederum nicht einverstanden war: Seit Mitte Mai sitzt der 43-Jährige wieder im Ziegelstadl. Von Anfang an hatte er seine Unschuld beteuert. Dies wird der 43-Jährige wahrscheinlich noch heuer vor einem Schwurgericht tun.

Seit gestern ist die von ihm noch beeinspruchte Mordanklage nämlich rechtskräftig, wie der Kitzbüheler Rechtsanwalt und Verteidiger Mustafa Tuncer bestätigte. Staatsanwaltschaft und Gericht orten ein Tötungsdelikt, da es für einen Unfall oder Selbstmord keinerlei Hinweis gibt. V. hob seit ihrem Verschwinden kein Geld mehr ab, ihr iPhone ist seither abgeschaltet.

Gegen den Mordangeklagten spricht zudem, dass er gegoogelt hat, ob ein abgeschaltetes iPhone geortet werden kann. Außerdem versandte er im Namen der damals noch Vermissten eine Abschieds-SMS. Laut Staatsanwaltschaft um vorzutäuschen, dass die 26-Jährige seinen Sohn und die beiden gemeinsamen Kinder (zwei und vier Jahre) verlassen hat. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür keinen Hinweis.

Für Verteidiger Tuncer kein Wunder: „Es ist Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. In diesem Fall war es umgekehrt. Der Ehemann der Frau hatte schon seit Längerem eine neue Partnerin. Hätte Jennifer V. deshalb aber ihren Mann verlassen, wären im serbischen Kulturkreis beide Kinder der Frau jedenfalls beim Mann verblieben.“ Im Zuge dieses Zwiespalts habe die 26-Jährige deshalb laut Verteidigung mehrfach vor Zeugen geäußert, dass sie sich das Leben nehmen könnte. Tuncer zur TT: „Diese Zeugen werden wir zum Prozess natürlich stellig machen. Konkret könne laut Verteidigung auch die ebenso aus Serbien stammende Mutter der Frau bezeugen, dass Jennifer ihrem Mann angedroht habe, sich umzubringen, falls er sie verlassen würde.“

Tage nach dem Verschwinden von Jennifer V. sei der Ehemann übrigens mit seiner Freundin zusammengezogen. Tuncer: „Mein Mandant wollte ganz im Gegenteil auf das Weiterbestehen der Ehe einwirken und vermitteln.“ Ansonsten handle es sich bei dem Fall ohnehin um einen reinen Indizienprozess, wie er laut Tuncer selten angeklagt wird: „Es gibt ja nicht einmal einen einzigen Hinweis auf ein Fremdverschulden!“