Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.11.2017


Exklusiv

Drogenmarkt in Innsbruck: Afghanen im Polizei-Fokus

Von den Marokkanern ist nur noch wenig zu hören, von den Afghanen immer mehr: Um die Strukturen zu durchleuchten, hat die Polizei eine Arbeitsgruppe eingerichtet.

© audivirEin Foto aus längst vergangenen Tagen: Polizeibeamte kontrollieren bei einer Razzia Nordafrikaner.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Immer mehr Gewalttaten, immer tiefer im Drogengeschäft, immer häufiger Schlagzeilen: Ein Teil der etwa 500 in Innsbruck lebenden Afghanen bereitet der Polizeiführung zunehmend Kopfzerbrechen: „Auffälligkeiten sind durchaus da“, räumt Innsbrucks Stadt-Polizeikommandant Martin Kirchler ein. Auffälligkeiten, die bereits zu Gegenmaßnahmen führten: „Wir haben eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit der Sache beschäftigt und auch prüft, wie viele Afghanen kriminell in Erscheinung treten. Wir wollen eine Entwicklung wie bei den Nordafrikanern verhindern.“

Eine Entwicklung, die vor 15 Jahren in Innsbruck einsetzte: Damals tauchten plötzlich immer mehr Migranten auf, die die Polizei zunächst für Süditaliener hielt. Nach kurzer Zeit beherrschten die Einwanderer, die tatsächlich aus Nordafrika stammten, den Cannabis-Markt und sorgten mit Raubdelikten, Gewalttaten und Kleinkriminalität für ein Unsicherheitsgefühl in der Bevölkerung. In den Jahren 2015 und 2016 belegten Marokkaner bei der Anzahl der Anzeigen den zweiten Platz unter den Ausländern in der Tiroler Kriminalstatistik. Nur hinter den 70.000 Zuwanderern und 500.000 Urlaubern aus Deutschland, aber deutlich vor den 12.000 Tiroler Türken. Nach unzähligen Polizeioffensiven scheint das Problem jetzt weitgehend gelöst: „Sowohl die Anzahl der Personen als auch die Anzahl der Anzeigen ist seit dem Frühjahr stark rückläufig“, bestätigt Kirchler. Viele befinden sich in Haft und auch die Abschiebungen in die Heimatländer Marokko und Algerien sollen mittlerweile leichter möglich sein als in den vergangenen Jahren. Ein Kriminalbeamter schätzt die nordafrikanische Dealerszene in Innsbruck auf aktuell „etwa 50 bis 70“ Mitglieder. Kein Vergleich zu früheren Jahren, als inoffiziell bis zu 200 meist junge Männer aus den Maghreb-Staaten die Inns- brucker Polizei beschäftigten.

Zurück zu den Afghanen: Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamtes, beurteilt die Lage als durchaus ernst: „Wir müssen beobachten, dass ein Teil der Afghanen verstärkt in den Kriminalitätsbereich drängt.“ Wie die Nordafrikaner scheinen auch die Migranten aus Asien ihr Glück in der Drogenbranche zu suchen. Zu Konflikten zwischen den beiden eigentlich konkurrierenden Gruppen sei es bisher noch nicht gekommen. „Aber wir können das über kurz oder lang nicht ausschließen“, sagt Pupp.

Derzeit ist der Markt noch geteilt: Während die verbliebenen Marokkaner und Algerier meist mit Haschisch und auch Kokain aus Italien handeln, haben die Afghanen vorwiegend „Gras“ im Angebot. Marihuana, das sich in der Szene aufgrund der überdurchschnittlich guten Qualität großer Beliebtheit erfreuen soll. Woher das Gras stammt, ist unklar. Wie Polizeibeamte bereits feststellen konnten, arbeiten die Gruppen bei Engpässen aber durchaus zusammen und helfen sich gegenseitig aus.

Auch bei den Afghanen kommt es regelmäßig zu Konflikten. So wurde erst vor einer Woche ein 27-Jähriger nach einer Messerattacke gegen einen Landsmann festgenommen. Kein Einzelfall, wie Kirchler bestätigt: „Es kam schon zu mehreren Gewalttätigkeiten.“ Die Ermittlungen sind allerdings schwierig – die Solidarität unter den Afghanen sei größer als zwischen den Nordafrikanern, so Kirchler weiter.

Die Asiaten gelten auch als deutlich besser organisiert – die Fäden laufen angeblich bei Capos zusammen. Wenn es zu Konflikten kommt, ist rasch Verstärkung da. Die Nordafrikaner sind hingegen in kleine Gruppen zersplittert, die um Marktanteile konkurrieren. Wenn’s sein muss, auch mit Gewalt.

Apropos Gewalt – für die Polizeibeamten an der Front gelten die Afghanen bei Amtshandlungen als die deutlich unangenehmeren Gegner: „Sie sind hart im Nehmen, kriegserprobt und haben auch weniger Hemmungen, auf uns loszugehen.“ Weiters gilt ein Teil als nicht besonders integrationswillig. „Aber sie können leichter abgeschoben werden als die Nordafrikaner“, so ein Beamter.