Letztes Update am Fr, 10.11.2017 18:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Steiermark

Profiler zu Bluttat in Stiwoll: „Auslöser war tiefe Kränkung“

Werner Schlojer und sein Team gehen nicht von einer „tiefen Tatplanung aus“. Der Fallanalytiker des Bundeskriminalamts geht nicht davon aus, dass der Flüchtige eine Person ist, die Suizid verübt.

© APADie Polizei am Schauplatz der Schießerei in Stiwoll.



Graz, Stiwoll – Der Fallanalytiker („Profiler“) des Bundeskriminalamtes, Werner Schlojer, geht von einer „tiefen Kränkung“ als Auslöser der Bluttat von Stiwoll Ende Oktober aus: „Der mutmaßliche Täter fühlt sich als Opfer.“ Den tödlichen Schüssen auf zwei Nachbarn war ein jahrelanger Streit um einen Weg über sein Grundstück vorausgegangen. Schlojer und sein Team gehen nicht von einer „tiefer Tatplanung aus“.

„Der Kernpunkt der Arbeit des Fallanalytikers ist die Tatrekonstruktion, das heißt, das Täterverhalten am Tatort, davon geht alles aus“, sagte der gebürtige Steirer Schlojer (50), Angehöriger des Bundeskriminalamtes (BK), am Freitag bei einem Mediengespräch in Graz. Es werde genau seziert, welche Handlungen am Ort des Geschehens und auch, was nicht gemacht wurde. Weiters werde das Verhalten nach dem Verbrechen analysiert. Man erarbeite Fallcharakteristika, was genau spezifisch am Fall sei, führe eine Motivbewertung durch: „Was in diesem Zusammenhang augenscheinlich ist, was im Vordergrund steht, ist vielleicht etwas Anderes als das, was dahinter steckt. Uns geht es darum, ein vertieftes Fallverständnis herbeizuführen - worum geht es in diesem Fall? Wir suchen nicht die Nadel im Heuhaufen, sondern den Heuhaufen.“

„Die Langwaffe war da, die Opferauswahl gezielt“

Der Entschluss des Todesschützen sei „situativ“ am Tattag entstanden. Den Zeitpunkt hätten zwar sozusagen die Opfer vorgegeben, weil die Aussprache von Samstag auf Sonntag verschoben worden war, aber er hat alles andere ausgewählt. „Die Langwaffe war da, die Opferauswahl gezielt, und er hat den Ausführungsort gewählt, in seinem Lebensmittelpunkt, seinem Zuhause“, nicht vor einem Gericht, wo er auch Auseinandersetzungen geführt hatte. In der Beurteilung gingen Schlojer und sein Team davon aus, dass mit der Tötung und Verletzung dreier Nachbarn die Tathandlung beendet war.

„Dann hat er die Flucht aufgenommen, da sind wir im Bereich der Nach-Tat-Phase“, sagte der Analytiker. Die Flucht erfolgte mit eigenem Auto, neun Kilometer weit: „Auf einer Routinestrecke, wo er sich auskennt. Er musste aber damit rechnen, dass sein Fahrzeug bekannt ist, daher der Entschluss, es an einer ihm bekannten Örtlichkeit, einem Waldweg, abzustellen.“ Danach habe er aber einen Entschluss gefasst, der für ihn ein Problem darstelle. Die weitere Flucht erfolgte zu Fuß, der Bewegungskreis war eingeschränkt und man nehme an, dass er keine Vorbereitungen getroffen habe, mit entsprechender Kleidung, Nahrung und ohne Kommunikationsmittel. „Er hat sich in eine schwierigere Lage begeben, aber er hat einen Vorteil: Er wählte ein Gebiet für die Flucht, wo er sich auskennt und sicher fühlt. Er ist ein Einzelgänger, im Wald fühlt er sich wohl, da geht er auch seiner Passion, dem Filmemachen, nach.“

Aus seiner Persönlichkeit sei eine narzisstische Akzentuierung und eine Paranoia herauszulesen: „Er ist eine Person, die sich nach außen als mächtig darstellt, aber dahinter ist er unsicher.“ Er habe sich mit seinem Problemumfeldern (etwa Behörden und Gerichte, Anm.) verbal, schriftlich oder aktionistisch auseinandergesetzt. Das stellte offenbar eine Emotionsregulierung dar“, urteilte der BK-Mann. „Der mutmaßliche Täter handelt strukturiert, auch im Alltag, pflegt als durchschnittlich intelligenter Einzelgänger keine tiefen Freundschaften und hat ganz wenige emotionale Bezugspersonen.“ Fluchthelfer schließe er, Schlojer, aus. Und der Todesschütze ziehe sich eher zurück, aber man könne auch nicht ausschließen, dass er sozusagen die letzte Kugel für sich aufhebe“, sagte der Analytiker auf Befragen.

Analytiker geht nicht von Suizid aus

Ganz allgemein sagte Schlojer, dass das menschliche Verhalten nicht vorhersehbar sei. „Das müssen wir zur Kenntnis nehmen. Wir arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten, was ist aus dem bisherigen Verhalten ablesbar? Es wäre aber gefährlich, bei einem auf der Flucht befindlichen, bewaffneten Täter zu sagen, es gibt keine Gefahr.“ Im Moment sei keine konkrete Gefährdung für seine Problemfelder erkennbar, auch nicht für die Allgemeinheit: „Wenn er letzteres wollte, hätte er das schon längst tun können.“

Auf Journalistenfragen meinte der Analytiker, er gehe nicht davon aus, dass der Flüchtige eine Person ist, die Suizid verübt. „Ich würde nicht ausschließen, dass er sich stellt, und sich sozusagen erklärt. Die Frage ist, wem er diese Erklärung geben will.“ Schlojer glaubt auch nicht, dass der Mann bereits tot sei. Polizeisprecher Jürgen Haas sagte dazu auch, dass die Gegend mehrfach abgesucht worden sei: „Und unsere Spürhunde sind verdammt gut ausgebildet.“

Falls der Mann gefasst wird oder sich stellt, dann wird der Analytiker das Gespräch mit ihm suchen: „Es geht da auch um Vergleiche, wo lagen wir richtig, wo falsch. Da haben wir starkes Interesse.“ (APA)

Zur Person:

Werner Schlojer (50) ist gebürtiger Steirer und hat als Polizist gearbeitet, Psychologie studiert und ist in klinischer und Gesundpsychologie ausgebildet. In Deutschland wurde er zum Sonderlagenberater geschult, die bei Großverbrechen wie Erpressung oder Entführung herangezogen werden. Des weiteren erhielt er ebenfalls in Deutschland eine Ausbildung zum operativen Fallanalytiker. Seit 2012 leitet er im BK die Verhandlungsgruppen, seit einiger Zeit auch den Kriminalpsychologischen Dienst. Zu seinem Kernteam gehören eine Psychologin sowie zwei frühere Kriminalbeamte. In den Bundesländern stehen noch drei weitere Kripo-Beamte zur Verfügung, die bei Bedarf hinzugezogen werden können.