Letztes Update am Fr, 12.01.2018 21:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Mordprozess um tote Wörglerin: 20 Jahre Haft für Schwiegervater

Der Mordprozess gegen den Schwiegervater der lange vermissten Wörglerin Jennifer endete mit einem Schuldspruch. Der 43-Jährige wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt.

© Rudy De MoorDer 43-Jährige stritt vor Gericht ab, seine Schwiegertochter vor knapp einem Jahr getötet zu haben.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Zwei Tage lang dauerte am Innsbrucker Landesgericht der Schwurgerichtsprozess um die im Februar verschwundene 26-jährige Wörglerin Jennifer V. Die Staatsanwaltschaft ging von Mord aus, angeklagt war der 43-jährige Schwiegervater der zweifachen Mutter. Er leugnete bis zum Prozessende jegliches Mitwirken am Tod der jungen Frau. Durch etliche Falschaussagen und durch das Legen falscher Fährten hatte sich der Mann jedoch verdächtig gemacht, auch wenn aufgrund des schlechten Zustandes der Innleiche ein klarer Beweis für eine Tötung fehlte.

In einem über zwei Tage vollbesetzten Schwurgerichtssaal kam es so zu einem reinen Indizienprozess. Dabei widersprach sich der 43-Jährige, wonach Jennifer mit einem Liebhaber durchbrennen wollte oder doch Selbstmord begangen hätte. Die Geschworenen befanden ihn mit 7:1 Stimmen für schuldig. Das nicht rechtskräftige Urteil: 20 Jahre Haft. Die Verteidigung meldete sofort Berufung und Nichtigkeitsbeschwerde an.

Auseinandersetzung nach dem Urteil

Die mittlerweile verfeindeten Familien wurden schon beim Prozess von einem großen Polizeiaufgebot beobachtet, um jegliche Auseinandersetzung in Zaum zu halten. Kurz nach dem Urteil wurde im Schwurgerichtssaal von den zahlreich angereisten Angehörigen der Ermordeten applaudiert und gejubelt. Während die Angehörigen beider Seiten darauf in einem Polizeikorridor das Gericht verlassen hatten, begann außerhalb sofort eine lautstarke und teils gewalttätige Auseinandersetzung. Mehrere Männer und Frauen gerieten sich dabei in die Haare. Polizeibeamte konnten die Situation - die sich mittlerweile in die Maximilianstraße verlagert hatte - innerhalb weniger Minuten unter Kontrolle bringen.

Außerhalb des Gerichts gerieten sich die Angehörigen beider Seiten in die Haare.
- Fellner

Dass das Schicksal der Jennifer V. bewegt, zeigte der Andrang zum Prozess. Auch am zweiten Verhandlungstag war der große Schwurgerichtssaal bis zum letzten Platz gefüllt. Der Ehemann von Jennifer war an einer öffentlichen Thematisierung des Falls indes nicht interessiert – er entschlug sich der Aussage. Um vieles mehr wollte anschließend so manche Zeugin erzählen – und so wurden vom Schwurgerichtsvorsitzenden Josef Geisler etliche Gerüchte und Erzählungen vom Hörensagen ins Reich der Fabelwesen verwiesen.

Dabei drehte sich alles um Zwischenmenschliches: eine behauptete Untreue des nunmehrigen Witwers, der auffallend liebevolle Umgang des letztlich angeklagten Schwiegervaters mit seiner Schwiegertochter und ein Arbeitskollege, der wiederum ein Auge auf die adrette Jennifer geworfen hatte. Die Gerüchteschatulle öffnete sich sogar so weit, dass davon die Rede war, dass eines von Jennifers Kindern (1, 3) vom Angeklagten stammen könnte. All dies konnte jedoch zur Lösung der Schuldfrage wenig beitragen.

Vielmehr offenbarten Aussagen, dass Jennifer an Selbstmord wohl nie gedacht hatte. Alltagshandlungen, die man wohl nicht tätigen würde, wenn man vorhat, aus dem Leben zu scheiden, hatten dies belegt. Eindrucksvoll Jennifers Mutter: „Sie hat am Tag ihres Verschwindens noch mit mir den Skitag am Wochenende geplant und gefragt, ob ihr Bruder eh auch nach Tirol kommt. Ihre kleinen Kinder hat sie über alles geliebt, Jennifer hätte sie niemals alleine gelassen“, so die Mutter, die sich selbst Vorwürfe macht, ihre Tochter in die Hände der ihrer Meinung nach noch sehr konservativ-patriarchisch denkenden serbischen Familie gegeben zu haben. Die Mutter: „Ich weiß gar nicht mehr, wer jetzt hier sitzt. Hier sitzt nur mehr mein Körper, aber mein Herz ist kaputt. Ich habe mit der Welt abgeschlossen, aber man lebt halt weiter.“

Neffe belastete 43-Jährigen schwer

Der Neffe des angeklagten 43-Jährigen belastete darauf seinen Onkel schwer: „Es fällt mir schwer, das zu sagen, aber nach dem Verschwinden von Jennifer hat er mich gebeten, für ihn ein anonymes SMS an die Familie zu senden, in dem ein Ehrenmord durch einen türkischen Liebhaber angedeutet werden sollte.“ Für Staatsanwalt Florian Oberhofer passte dies exakt ins Bild, da der Angeklagte ja unter dem Ermittlungsdruck bereits zugestanden hatte, dass er mit den vorhergehenden SMS im Namen von Jennifer gegenüber der Familie eine falsche Fährte legen wollte. Oberhofer sah es so nach zwei Prozesstagen als erwiesen an, dass der 43-Jährige seine Schwiegertochter am 2. Februar mit dem Taxi von der Arbeit abgeholt, getötet und wohl in den Inn geworfen hatte. „Ich gehe ohne Zweifel davon aus, dass der Angeklagte der Mörder ist. Mit Lügen und falschen Fährten wollte der Angeklagte passend machen, was nicht passend ist. Aber es gelang ihm einfach nicht, eine passende Erklärung für seine Geschichten zu finden. Es gab keinen Liebhaber und schon gar keinen Suizid. Die Frage ist, ob er Jennifer umgebracht hat – nicht wie“, resümierte der Staatsanwalt. Zuletzt stellte Oberhofer fest, dass „die SMS des Angeklagten ja nur Sinn machen, wenn man weiß, dass Jennifer bereits tot ist.“

Verteidigerin Eva Kathrein weckte aber Zweifel. Niemand würde so dilettantisch vorgehen und mit den SMS den Verdacht teils auf sich selbst lenken. Auch hätten die medizinischen Gutachten eindeutig belegt, dass auf Jennifer keinerlei massivere Gewalt eingewirkt hatte. Auch keine Würgemale seien bei ihr festgestellt worden. Schon gar nicht könne jedoch sicher erwiesen werden, ob der Angeklagte seine Schwiegertochter tatsächlich ermordet und anschließend in den Inn geworfen hatte.

Die Geschworenen gingen mit den Eindrücken aus zwei Prozesstagen in die Beratung. Sie dauerte nicht allzu lange. Mit 7:1 der Stimmen erkannte das Schwurgericht auf Mord. Es wurden nicht rechtskräftig 20 Jahre Haft verhängt.




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