Letztes Update am Di, 15.05.2018 20:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wien

Totes Kind in Wien: „Psychische Erkrankung des Täters möglich“

Experten zufolge könnte der Täter unter einer psychischen Erkrankung leiden. Mehrere Faktoren sprächen dafür. Aber auch eine geplante Tat lasse sich noch nicht ausschließen.

© APABlumen und Kerzen am Tatort in einer Wohnhausanlage in Wien-Döbling.



Wien – Der 16-Jährige, der am Montag in Wien-Döbling festgenommen wurde, weil er das in Wien-Döbling erstochen aufgefundene Mädchen getötet haben soll, will die Tat aufgrund seiner „allgemeinen Wut“ verübt haben. Laut dem Psychologen Cornel Binder-Krieglstein könne es mehrere Gründe für die Senkung der Aggressionsschwelle geben, bevor eine derartige Bluttat ohne Vorwarnung ausgelöst wird.

Zum einen sei es möglich, dass eine emotionale Ausnahmesituation zu einer Straftat im Affekt führt, sagte der Experte am Dienstagnachmittag im Gespräch mit der APA. Der Täter könne in Rage geraten oder das Gefühl haben, gefährdet zu sein und sich in einer Notwehrlage zu sehen. Eine zweite Möglichkeit besteht, wenn eine psychische Erkrankung vorliegt. „Das könnten z.B. wahnhafte Störungen sein, bei denen der Betroffene Stimmen hört, die ihm Handlungen befehlen“, erklärte Binder-Krieglstein.

„Seriöses dazu kann man aber derzeit nicht sagen. Die Umstände sprechen eher für eine psychische Erkrankung. Nachdem der Jugendliche von der Polizei als besonders gefühlskalt beschrieben wurde, könnte es bei ihm zu einer sogenannten Abspaltung gekommen sein. Dadurch gibt es keine emotionale Beteiligung. Das wäre eine mögliche Erklärung, wie so etwas entstehen könnte“, so der Psychologe. Bei Verfolgungswahn könnte der Täter in dem Mädchen etwa eine Bedrohung gesehen haben. „Dann wäre es auch vorstellbar, dass die Tat geplant gewesen war. Aber wir wissen es nicht – das spielt sich dann alles nur in der Welt des Täters ab.“

Gerade weil der 16-Jährige unauffällig, eher ruhig und ein guter Schüler war, hält es Binder-Krieglstein für plausibel, „dass er in sich immer mehr Druck aufgebaut hat, bis er sich nicht mehr anders zu helfen wusste“, ohne dass das Umfeld etwas bemerkte. „Unsere Gesellschaft ist leider nicht unbedingt eine, die großen Wert legt auf die ehrliche Antwort auf die Frage, wie es jemandem geht“, meinte der Experte. Es sei jedenfalls sinnvoll, eine psychologische Fachkraft aufzusuchen, wenn man Probleme bei Menschen in seinem Umfeld oder sich selbst vermutet. (APA)