Letztes Update am Sa, 26.05.2018 12:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

88 Anzeigen: Gewalt an Tirols Schulen nimmt zu

Von 2014 bis 2017 stieg die Zahl der jährlich angezeigten Gewaltdelikte in Tirol um 400 Prozent an. Bildungslandesrätin Palfrader warnt vor Panikmache und fordert mehr Mittel vom Bund.

In 60 Fällen wurde an Tirols Schulen Körperverletzung angezeigt. Vier Mal wurden Fälle von schwerer Körperverletzung gemeldet.

© iStockIn 60 Fällen wurde an Tirols Schulen Körperverletzung angezeigt. Vier Mal wurden Fälle von schwerer Körperverletzung gemeldet.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Es zeige sich ein „verheerendes Bild“, tat Chris­tofer Ranzmaier, Bildungssprecher der FPÖ im Tiroler Landtag, gestern in einer Aussendung kund. Grund dafür ist eine vom Innenministerium veröffentlichte Statistik, wonach die Zahl der angezeigten Gewaltdelikte an Tirols Schulen von 16 Fällen im Jahr 2014 auf 88 im Jahr 2017 angestiegen ist.

2013 war es gar nur eine einzige Anzeige gewesen. Nicht nur bei besorgten Eltern dürfe dies laut Ranzmaier „die Alarmglocken zum Schrillen bringen. Die Politik ist gefordert, das Problem ernst zu nehmen und alle Hebel in Bewegung zu setzen, um diese bedenkliche Entwicklung zu stoppen. Damit Tirols Schulen nicht nur den Hort der Bildung, sondern auch wieder den Hort der Sicherheit darstellen.“

Mehr zum Thema

Bei den 2017 an Tiroler Schulen gemeldeten Gewaltdelikten handelte es sich überwiegend um Körperverletzungen. 60 derartige Fälle scheinen in der Statistik auf, viermal wurde gar schwere Körperverletzung gemeldet. Die restlichen Anzeigen betreffen die Delikte Nötigung (7), schwere Nötigung (2), gefährliche Drohung (11) und vier Fälle von sexuellem Missbrauch bzw. sexueller Belästigung.

93.250 Schüler vs. 88 Fälle

Jeder einzelne Fall von Gewalt sei einer zu viel und ernst zu nehmen, sagt Beate Palfrader, Bildungslandesrätin und Präsidentin des Landesschulrates. „Aber bei insgesamt 93.250 Schülern in Tirol wurden 88 Fälle angezeigt. Diese Relation muss man sehen. Und den Schulen deshalb zu unterstellen, kein Hort der Sicherheit mehr zu sein, ist reinste Panikmache“, mahnt Palfrader.

Philipp Bechter, Leiter der Schulsozialarbeit, wagt einen Erklärungsversuch für den Anstieg der angezeigten Gewaltdelikte. Und stellt gleich eingangs klar: „Grundsätzlich hat es Gewalt an Schulen immer schon gegeben. Möglicherweise reagieren Schulen und Lehrer einfach viel sensibler auf das Thema. Und verfolgen deshalb auch mehr Fälle. Die Zahlen wirken jedenfalls schlimmer, als sich die Wirklichkeit an Tirols Bildungseinrichtungen darstellt.“

„Migration hat damit nichts zu tun“

Keine Erklärung für die gestiegenen Zahlen hat Landesrätin Palfrader. „Es ist bei vielen so, dass sich die in den Familien erlebte Gewalt auch auf die Schule auswirkt.“ Das könne man oft schwer überblicken. Sicher ist sie sich jedoch, dass Migration, entgegen den Behauptungen einiger Politiker, nichts damit zu tun hat. Und unterlegt dies mit Zahlen: „In den Innsbrucker Pflichtschulen gab es im vergangenen Jahr 15 Suspendierungen vom Unterricht. Die überwiegende Mehrzahl davon erging an Kinder ohne Migrationshintergrund.“

Es ist falsch, die ganze Verantwortung wieder auf die Länder abzuschieben.“
Beate Palfrader (Bildungslandesrätin)

In die Pflicht nimmt Palfrader nun die Bundesregierung. „Es ist falsch, die ganze Verantwortung wieder auf die Länder abzuschieben. Wir haben 20 Schulpsychologen, 21 Vollzeitstellen für Schulsozialarbeiter. Das ist zu wenig, das kann nicht gut gehen. Wie soll das zu bewältigen sein?“ Immer wieder habe sie Wien dazu aufgefordert, die Mittel für diese Stellen aufzustocken. Wenig sei bisher passiert. Palfrader: „Wenn die Zahlen die Bundespolitik dermaßen schockieren, dann wäre es jetzt an der Zeit, etwas dagegen zu unternehmen. Wir vom Land Tirol werden dieses Vorhaben dann gerne unterstützen.“