Letztes Update am Fr, 08.06.2018 13:17

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Ungarn

A4-Prozess: Verhandlung soll nach einem Jahr zu Ende gehen

Nächsten Donnerstag soll der Prozess gegen die Schlepperbande, die für den Erstickungstod von 71 Flüchtlingen in einem Kühl-Lkw verantwortlich sein soll, zu Ende gehen.

Der im Juni 2017 eröffnete Prozess mit 14  Angeklagten soll nächste Woche zu Ende gehen.

© APA/GEORG HOCHMUTHDer im Juni 2017 eröffnete Prozess mit 14 Angeklagten soll nächste Woche zu Ende gehen.



Kecskemet/Parndorf – Der Prozess um das A4-Flüchtlingsdrama am Gericht im südungarischen Kecskemet soll am Montag fortgesetzt werden und am Donnerstag mit Urteilssprüchen zu Ende gehen. Staatsanwalt Gabor Schmidt hatte in seinem Schlussplädoyer für die vier Hauptangeklagten lebenslange Haft gefordert, für drei von ihnen ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung.

Aussagen wiederholt verweigert

Das am 21. Juni 2017 begonnenen Hauptverfahren war gekennzeichnet durch Verlesungen von Einvernahmeprotokollen, weil wiederholt Angeklagte die Aussagen vor Gericht verweigerten. Insgesamt sind 14 Personen – elf Bulgaren, zwei Afghanen sowie ein bulgarisch-libanesischer Staatsbürger – beschuldigt. Sie sollen schuld am Erstickungstod von 71 Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, dem Iran und dem Irak sein. Drei der Angeklagten sind noch auf der Flucht.

Die 71 Leichen waren Ende August 2015 in einem an der Ostautobahn bei Parndorf im Burgenland abgestellten Lkw entdeckt worden. Die Migranten, unter ihnen vier Kinder, sind allerdings noch auf ungarischem Staatsgebiet verstorben.

Erstangeklagter wies Schuld von sich

Begonnen hatte der Prozess unter großem Medienandrang und unter Protesten des afghanischen Erstangeklagten gegen die Übersetzungen der Gerichtsdolmetscherin. Die beiden Köpfe der Bande, der Chef und sein Vize, verweigerten bereits am zweiten Verhandlungstag die Aussage. Richter Janos Jadi verlas daraufhin die Protokolle der Einvernahmen der Männer durch Ermittler und Untersuchungsrichter. Dabei belastete der „Vize“ seinen Chef schwer: „Er wurde zu gierig.“

Der Erstangeklagte wiederum will nicht der Bandenchef gewesen sein, wie er wiederholt wissen ließ. Er habe nichts von Sauerstoffproblemen im Lkw gewusst, beteuerte er bei einem Prozesstag im Mai. Zum Lärm im Kühl-Lkw, der Lenker vernahm Klopfen und Schreie, meinte er, dabei hätte es sich auch um einen Streit unter Frauen handeln können. Das sei „charakteristisch bei Schleppungen“. Der Afghane gab die Schuld an der Tragödie dem Lenker des Schwerfahrzeugs. Denn es gab „keinen Befehl“, dass dieser nicht anhalten oder die Tür öffnen hätte dürfen.

Der Lkw-Chauffeur wiederum betonte in seiner schriftlichen, vor Gericht verlesenen Aussage, die beiden Chefs der Bande sowie der Begleitfahrer hätten ihm verboten zu stoppen. Der Vize-Chef habe behauptet, „ich stehe in Kontakt mit den Insassen“. Es gehe ihnen gut. Laut Überwachungsprotokoll telefonierte der 27-Jährige mehrmals mit seinen Komplizen. Er berichtete des Öfteren über die Schreie und das Trommeln der Flüchtlinge im Laderaum.

Menschen seien absichtlich in den Tod geschickt worden

Die ersten vier Angeklagten seien verantwortlich für die Tragödie, resümierte der Staatsanwalt. Sie hätten die Menschen absichtlich in den Tod geschickt. Deren Aussagen, sie hätten weder gewusst, wie viele Menschen im Laderaum seien, noch dass Kinder darunter waren, würden Abhörprotokolle widerlegen, führte Schmidt weiter aus. Das Verlesen dieser Abhörprotokolle hatte beim Prozess viel Zeit in Anspruch genommen.

„Eindeutig nachweisbar“ sei der Befehl des Erstangeklagten, trotz des Klopfens und der Schreie nicht anzuhalten. Zugleich betonte der Ankläger, das würde den bulgarischen Chauffeur jedoch nicht entlasten, da er Entscheidungsfreiheit hatte. Die Angeklagten hätten außerdem gewusst, dass der Lkw nicht für den Transport von Menschen geeignet war.

Am Montag geht der Prozess mit den Plädoyers der Verteidiger ins Finale, diese sind für zwei Tage angesetzt. Danach haben die Angeklagten das Recht auf das letzte Wort. Am Donnerstag will der Richter ab 13.00 Uhr die Urteile verkünden. (APA)