Letztes Update am Sa, 09.06.2018 13:48

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Nach Susannas Tod: Verdächtiger hat im Nordirak offenbar gestanden

Der 20-jährige Ali B. soll über den Landweg in seine Heimat eingereist sein. Er wurde daraufhin festgenommen. Er wird noch am Samstag zurück nach Deutschland gebracht.

© dpaBekannte und Angehörige trauern um Susanna.



Mainz – Der Verdächtige im Fall der getöteten 14-jährigen Susanna soll die Tat einem Medienbericht zufolge im Irak gestanden haben. Das meldete der kurdisch-irakische TV-Sender Rudaw am Freitagabend unter Berufung auf einen lokalen Polizeioffizier. Ali B. habe nach seiner Festnahme in den kurdischen Autonomiegebieten im Nordirak ausgesagt, es sei zu einem Streit mit dem Opfer gekommen, sagte Polizeigeneral Tarik Ahmed aus der Stadt Dohuk dem Sender. Er soll ausgesagt haben, mit Susanna befreundet gewesen und mit ihr in Streit geraten zu sein. Das Mädchen habe versucht, die Polizei anzurufen, was Ali B. dann zu der Tat getrieben habe. Bei einer späteren Pressekonferenz ergänzte der Polizeichef, der Verdächtige habe zugegeben, das Mädchen erwürgt zu haben.

Die deutschen Ermittler gehen davon aus, dass er die 14-jährige Susanna aus Mainz vergewaltigt und getötet hat. Ihre Leiche wurde am Mittwoch in Wiesbaden gefunden, nachdem der mutmaßliche Täter Anfang Juni mit seiner Familie von Düsseldorf aus über die Türkei in den Nordirak geflohen war.

Rückführung noch am Samstag

Nach Angaben lokaler Sicherheitskräfte ist Ali B. über Land in den Nordirak eingereist. Er habe den Übergang Ibrahim Chalil an der Grenze zur Türkei passiert und sei am Freitagmorgen in der nahe gelegenen Stadt Zakho festgenommen worden, hieß es am Samstag aus kurdischen Sicherheitskreisen. Demnach erhielten sie vorab die Information, dass Ali B. einreisen wolle. Sieben Stunden später sei er festgenommen worden.

Trauerbekundungen am Fundort von Susannas Leiche.
- Reuters

Auch vom internationalen Flughafen in der Stadt Erbil hieß es, der Verdächtige sei nicht über den Airport ins Land gekommen. Der tatverdächtige Iraker soll mit seiner Familie zunächst von Düsseldorf nach Istanbul geflogen sein.

Der 20-Jährige wird Presseberichten zufolge am Samstagabend am Frankfurter Flughafen landen. Dies meldeten der Wiesbadener Kurier und die Mainzer Allgemeine Zeitung am Samstag. Ali B. werde in Gewahrsam der Bundespolizei aus dem Irak nach Frankfurt gebracht, so die Zeitungen. Die Bundespolizeidirektion am Frankfurter Flughafen bestätigte die Berichte auf Anfrage nicht. Es sei dazu nichts bekannt, hieß es.

Demos und Gegendemos

Unter dem Motto „Stop the Violence – gegen sexualisierte Gewalt und Unterdrückung“ plant eine Initiative am Hauptbahnhof unterdessen eine Kundgebung und einen Zug zum Petersplatz nahe dem Schloss. Die „Gutmenschliche Aktion Mainz“ lädt dort zu einer Trauerkundgebung ein, um sich gegen Rassismus zu wenden. Die AfD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz will ganz in der Nähe unter dem Motto „Es reicht! Endlich Konsequenzen ziehen!“ vor der Staatskanzlei demonstrieren.

"Opfer der Toleranz" hat jemand auf ein Kreuz geschrieben. In Wiesbaden gab es am Freitagabend bereits Demonstrationen.
- dpa

Bereits am Freitagabend versammelten sich Menschen in der Nähe des Fundorts der Leiche zu einem Trauermarsch in Gedenken an Susanna. Zur Teilnehmerzahl machte die Polizei keine Angaben. Der Körper des Mädchens aus Mainz war am Mittwoch bei Wiesbaden gefunden worden. Ein 20 Jahre alter Tatverdächtiger aus dem Irak wurde nach seiner Flucht in seiner Heimat festgenommen.

Der Fall löste auch eine heftige politische Debatte aus. Nach Auffassung der Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Frankfurter Goethe-Universität, Susanne Schröter, sollte sich die deutsche Gesellschaft Konzepte für den Umgang mit patriarchalisch geprägten und aggressiven Männern überlegen. „Das ist jetzt kein Einzelfall mehr“, sagte die Ethnologin der Deutschen Presse-Agentur zum Fall Susanna.

Der mutmaßliche Täter wurde auf kurdischem Boden festgenommen.
- dpa

Patriarchalische Normen legitimieren Gewalt

Im Islam wie auch in anderen Religionen gebe es patriarchalisch geprägte Normen, die Gewalt und sexuelle Übergriffe legitimierten, sagte die Forscherin. Im Fall Susanna könne dies der Hintergrund sein: „Dieser junge Mann hatte ganz offensichtlich überhaupt keinen Respekt.“ Weder vor der deutschen Gesellschaft, noch vor Frauen oder Polizisten, sagte die Forscherin. Es gebe aber in Deutschland auch sehr, sehr viele muslimisch geprägte junge Männer, die Frauen und Werte achteten und selbst gegen patriarchalische Strukturen ankämpften.

Der Fall der getöteten Susanna wecke Ängste in Teilen der Bevölkerung, die auch durch Fehleinschätzungen entstünden, sagte der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner der dpa. „Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir Wahrnehmungsfehlern unterliegen und zur Überschätzung der tatsächlichen Zustände neigen, wenn es um den Zusammenhang von Kriminalität und bestimmten Gruppen geht.“ Man könne den Sorgen aber begegnen, sagte der Psychologe. Etwa indem man sich bewusst mache, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst oder das eigene Kind Opfer einer solchen Tat werde, gering sei.

Neuerliche Diskussion um Asylverfahren

In der CDU/CSU-Bundestagsfraktion wird inzwischen der Ruf nach einer Verkürzung der Asylklageverfahren laut. Der Asylantrag des verdächtigen Irakers war bereits Ende 2016 abgelehnt worden, er hatte aber Rechtsmittel dagegen eingelegt, so dass eine Abschiebung damit gestoppt war. Der innenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Mathias Middelberg (CDU) sagte der Rheinischen Post (Samstag): „Es darf nicht sein, dass ein abgelehnter Asylbewerber sein Aufenthaltsrecht allein durch eine Klage um deutlich mehr als ein Jahr verlängern kann.“ Die Verwaltungsgerichte müssten mehr Personal bekommen. Außerdem sei zu überlegen, „wo wir das Asylprozessrecht verändern müssen“.

Die 14-jährige Susanna wurde vergewaltigt und getötet. In Iraker steht unter Verdacht.
- dpa

Der Vorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, kritisierte, dass Deutschland offensichtlich nicht über die rechtlichen Instrumente verfüge, um solche ausreisepflichtigen Gewalttäter zu inhaftieren. Der 20 Jahre alte Verdächtige war bereits mehrfach polizeilich aufgefallen und auch mit der Vergewaltigung eines Kindes in Verbindung gebracht worden.

„Das bayerische Polizeigesetz sollte Musterpolizeigesetz für Deutschland werden“, schlug Wendt in der Passauer Neuen Presse (Samstag) vor – also eine Art rechtlicher Orientierungsrahmen für die anderen Länder. Denn: „Das neue bayerische Polizeigesetz sieht vor, dass Menschen, von denen eine Gefahr ausgeht, in Gewahrsam genommen werden können. Gefährliche Personen müssen auch in anderen Bundesländern auf richterliche Anordnung hin in Gewahrsam genommen werden.“ (dpa)