Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 10.07.2018


Tirol

„Mafiaboss“ ruderte zurück

Um seinem Mitangeklagten das Leben nicht zu verbauen, stellte sich ein Italiener als großer Drogenboss dar. Vor Gericht nahm er den Mund nicht mehr ganz so voll.

© TT/BöhmDer Zweitangeklagte und der selbst ernannte Mafiaboss (im Hintergrund) im Gerichtssaal.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Im Zivilberuf knetete er in Seefeld und Innsbruck Pizzateig, beim Polizeiverhör wurde der Italiener ohne Not zum kalabresischen Mafiaboss. Die wohl etwas zu dick aufgetragene „Lebensbeichte“ führte dazu, dass der 42-jährige mit zwei Mitangeklagten nicht wie üblich vor einem Schöffensenat, sondern vor acht Geschworenen am Innsbrucker Landesgericht Platz nehmen musste. Für seine freimütigen Karriereschilderungen droht dem Pizzabäcker eine lebenslange Haftstrafe. Doch auf der Anklagebank ruderte der Süditaliener zurück und wollte nur noch ein Mitläufer gewesen sein.

Es war um den Jahreswechsel, als Tiroler Drogenfahnder den Italiener, einen 23-jährigen Landsmann und dessen deutsche Lebensgefährtin (22) festnahmen. Der Vorwurf: Das zeitweise in Wattens wohnhafte Trio soll mit Hilfe eines Albaners Marihuana und Kokain in großem Stil von Italien nach Tirol importiert haben. Der Großteil des Suchtgifts wurde dann über einen deutschen Geschäftspartner in dessen Heimat exportiert. Der Staatsanwalt ging beim Eröffnungsplädoyer von einem Handelsvolumen von mindestens 40 Kilo Marihuana und 2,3 Kilo Kokain aus.

Doch das war noch längst nicht alles: Schon bald nach seiner Festnahme bot der Hauptangeklagte der Staatsanwaltschaft an, eine „Lebensbeichte“ abzulegen. Und die sorgte für Erstaunen: „Ich habe 2011 bei einem Autounfall meine schwangere Frau verloren“, wiederholte der Süditaliener vor Gericht den traurigen Ausgangspunkt seiner Geschichte. „Ich bin tief gefallen und hab’ begonnen, Heroin zu nehmen“, ließ der 42-Jährige die Geschworenen in gutem Deutsch wissen. Mit drei Cousins habe er dann in Kalabrien einen Familienclan gegründet und sei ins Drogengeschäft eingestiegen. Seine Kontakte nach Spanien ermöglichten angeblich die Einfuhr von Kokain aus Südamerika. Und er, der Pizzabäcker, sei der Boss der ehrenwerten Gesellschaft mit bis zu 50 Mitgliedern gewesen, schilderte der 42-Jährige den Drogenfahndern. Und als er 2015 nach Tirol kam, habe er ebenfalls das Zepter bei den Drogenexporten nach Deutschland übernommen. Auf seinem Konto sollen weiterhin Zahlungen aus Süditalien eingegangen sein.

Vor dem Schwurgericht relativierte der Hauptandgeklagte dann seine Rollen in Kalabrien und Wattens. Er sei zwar Mitbegründer, aber nicht Boss der Organisation in Süditalien gewesen. „Meine Cousins haben mich mit Heroin erwischt“, erzählte der 42-Jährige im Zeugenstand; das sei nicht gut angekommen. „Als ich nach Tirol ging, wurde ich geköpft“, beschrieb der Italiener seine endgültige Entmachtung. Und aus den regelmäßigen Zahlungen wurden 1500 Euro, die ganze zwei Mal aus Kalabrien nach Tirol flossen.

Auch bei den Drogengeschäften in Tirol habe nicht er, sondern sein 23-jähriger Mitangeklagter die Fäden gezogen. Seinen Anteil am Geschäft beschränkte der „Mafiaboss“ auf den Verkauf von 880 Gramm Kokain und 8,5 Kilo Mariahuana. „Ich habe das alles nur erzählt, um meinem Partner das Leben nicht zu verbauen. Er ist erst 23, ich 42 und nach dem Tod meiner Frau hat mein Leben keinen Wert mehr.“ Doch ganz uneigennützig war die dick aufgetragene Lebensbeichte dann doch nicht: „Vereinbart war, dass mir der Mitangeklagte 150 Euro pro Monat zahlt. Doch das Geld ist nie geflossen“, begründete der Hauptangeklagte seinen Kurswechsel.

Der 23-Jährige bestätigte, dass der selbst ernannte Boss mit den Drogengeschäften kaum etwas zu tun hatte. Aber auch der Zweitangeklagte wollte kein Strippenzieher sein: „Ich habe nur gegen etwas Geld und vor allem Drogen für den Eigenbedarf den Schmuggel nach Deutschland für den Albaner organisiert. Ohne mich wäre ihn das viel teurer gekommen“, sagte der Italiener, der nach eigenen Angaben zehn Gramm Marihuana täglich und 15 Gramm Kokain wöchentlich konsumierte. Außerdem stellte er sich schützend vor seine Verlobte: „Ihre einzige Schuld war, mich zu lieben.“ Nicht ganz – die Drittangeklagte soll auch ein Kilo Marihuana nach Innsbruck gebracht und dem deutschen Schmuggler ausgehändigt haben.

Die Verhandlung wurde vertagt, um den Albaner befragen zu können.