Letztes Update am Di, 25.09.2018 17:26

APA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA

Trauma durch Schock-Inhalte? Facebook droht Sammelklage in USA

Bei Facebook werden massenhaft anstößige und verstörende Bilder und Videos veröffentlicht, die von Mitarbeitern unter hohem psychischen Stress beseitigt werden müssen. Weil der Konzern angeblich nicht genug zu ihrem Schutz tut, droht nun ein großer US-Rechtsstreit.

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© AFP(Symbolfoto)



San Mateo, Menlo Park – Der Arbeitsalltag in Facebooks Löschzentren ist nichts für schwache Nerven: Tagtäglich werden die Mitarbeiter als eine Art menschlicher Filter mit verstörenden Bildern und Videos konfrontiert. Die Frage, ob sich der Konzern ausreichend um sie kümmert, wird nun zum Rechtsstreit. Eine ehemalige Mitarbeiterin hat Facebook verklagt, weil die ständige Belastung sie krank gemacht habe. Es könnte ein größeres Verfahren werden: Denn die Anwälte der Frau aus San Francisco streben eine Sammelklage an, der sich auch andere Beschäftigte anschließen könnten.

Die Vorwürfe klingen heftig: Die als Zeitarbeiter eingestellten sogenannten Facebook-Moderatoren würden „täglich mit Tausenden Videos, Bildern und Live-Übertragungen von sexuellem Missbrauch von Kindern, Vergewaltigungen, Folter, Tiersex, Enthauptungen, Suiziden und Morden bombardiert“, erklärte Klägeranwalt Korey Nelson von der Kanzlei Burns Charest am Montag (Ortszeit). Hauptklägerin in dem Verfahren ist Selena Scola, die ab Juni 2017 neun Monate im Auftrag einer Zeitarbeitsfirma für Facebook gearbeitet und durch den Job ein posttraumatisches Belastungssyndrom erlitten haben soll.

Spezielles Training und psychologische Hilfe

„Wir prüfen die Behauptungen derzeit“, teilte Facebook in einem Statement mit. Der Internetriese räumte ein, dass die Arbeit häufig schwierig sei. „Darum nehmen wir die Unterstützung unserer Moderatoren unglaublich ernst“. Die Mitarbeiter erhielten spezielles Training, zudem biete man ihnen psychologische Hilfe an. Facebook-Angestellten stehe dies hausintern zur Verfügung, auch von Partnerfirmen würden entsprechende Ressourcen verlangt. Über die Arbeitsbedingungen in Facebooks sogenannten Löschzentren unter anderem in Asien gab es bereits wiederholt negative Medienberichte.

In den Löschzentren werden unter anderem anstößige Videos und Bilder, Hassrede oder Gewaltdarstellung gesichtet und entfernt. In der US-Klage, die bei einem Gericht im kalifornischen San Mateo eingereicht wurde, wird Facebook beschuldigt, seine Pflicht zu ignorieren, für die Sicherheit dieser Mitarbeiter zu sorgen. Der Konzern greife beim Ausmisten seiner Plattform auf Zeitarbeiter zurück, die angesichts der schockierenden Inhalte irreparable traumatische Schäden erlitten. Das bei der Hauptklägerin diagnostizierte Leiden PTSD ist etwa bei Soldaten nach Schreckenserlebnissen im Krieg ein bekanntes Phänomen.

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Die Klage richtet sich neben Facebook auch gegen die Zeitarbeitsfirma Pro Unlimited aus Boca Raton im US-Bundesstaat Florida, für die Scola tätig war. Ihre Rechtsanwälte streben eine Sammelklage im Namen aller betroffenen Facebook-Mitarbeiter an und fordern unter anderem die Einrichtung eines Fonds für medizinische Tests und Versorgung der Moderatoren. Facebook beschäftigt derzeit insgesamt rund 7500 solcher Mitarbeiter. Ob das Verfahren als Sammelklage zugelassen wird, muss das zuständige Gericht allerdings erst noch entscheiden. (dpa)