Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 12.10.2018


Exklusiv

Gewalt gegen Frauen: Am gefährlichsten ist es zu Hause

Die Zahl der Gewaltdelikte gegen Frauen und Kinder ist in Tirol gestiegen. Die meisten Taten passieren im familiären Umfeld oder im Bekanntenkreis. Zugenommen hat auch die Gewalt gegen Frauen im Netz.

© dpaSymbolbild.



Von Anita Heubacher

Innsbruck — „Ich sage es einmal salopp", meint Katja Tersch, stellvertretende Leiterin des Landeskriminalamtes. „Dass der große Unbekannte irgendwo hervorspringt und Ihnen etwas antut, ist eher nicht der Fall." Von den 3624 Gewaltdelikten in Tirol im Jahr 2017 sind die meisten im Bekannten- und Familienkreis passiert. 21 Prozent der Täter haben laut Tersch eine familiäre Beziehung zum Opfer, 29 Prozent eine Bekanntschaft. Unter den Titel Gewaltdelikte fallen die vorsätzliche Tötung ebenso wie Körperverletzung und gewisse Sexualdelikte wie beispielsweise Vergewaltigungen.

„Oft kommen die Frauen erst sehr spät in die Gewaltschutzzentren oder zur Polizei", sagt Tersch. Das liege auch darin begründet, dass die körperlichen, psychischen oder sexuellen Übergriffe in den eigenen vier Wänden oder eben von einem Bekannten unternommen würden. „Opfer und Täter stehen oft in einer langjährigen Beziehung und nach wie vor ist das eine Gewaltspirale, die da in den meisten Fällen in Gang gesetzt wird. Der Ausstieg ist für die Opfer sehr schwer."

549-mal sprach die Polizei 2017 in Tirol Betretungsverbote für Wohnungen und in weniger häufigen Fällen für Schulen oder Horte aus. 2016 waren es 458. Die Zahl der Wegweisungen ist damit leicht gestiegen. Tersch führt das unter anderem auf eine erhöhte Sensibilisierung für das Thema Gewalt und auf die Präventionsarbeit zurück. „Es herrscht ein verstärktes Bewusstsein und es trauen sich mehr Frauen, eine Anzeige zu machen."

Der Kriminalbeamtin ist wichtig, zu betonen, „dass Gewalt gegen Frauen oder Kinder in allen sozialen Schichten vorkommt". Es sei ein Irrglaube, dass nur sozial Schwache betoffen wären. „Es gibt studierte Gewalttäter ebenso wie arbeitslose", sagt Tersch.

Ebenso gestiegen ist die Gewalt gegen Frauen im Internet. „Im Zeitalter der Digitalisierung verlagert sich auch die Gewalt in den Cyberraum." Dort sei es besonders schwierig, den Täter auszuforschen. „Wenn sich jemand bedroht fühlt, ist es wichtig, den Chatverlauf auf jeden Fall zu sichern und sich an die Opferschutzeinrichtungen und die Polizei zu wenden."

Hilfe und Prävention

Gewaltschutzzentrum Tirol: Der gemeinnützige Verein ist Anlaufstelle für Frauen und Kinder und bietet Beratung und Unterstützung. Telefonnummer: 0512-571313. Die Hilfe ist kostenlos und Vertraulichkeit ist garantiert.

Kuratorium sicheres Österreich: Ein Schulungsfilm zeigt die Vielfalt von Gewalt in der Familie und wie sie sich aufschaukelt. Der Film soll als Unterrichtsmaterial verwendet werden und steht zum kostenlosen Download unter www.kuratorium-sicheres-oesterreich.at bereit. Drehbuchautor Uli Brée setzte den Film um, Brigitte Jaufenthaler und Martin Leutgeb spielen mit.

Under 18: Seit dem heurigen Schuljahr hat die Polizei österreichweit das Präventionsprogramm „Under 18" gestartet. Speziell geschulte Beamte informieren Kinder und Jugendliche zu Suchtdelikts- und Gewaltprävention. Infos unter www.under18.at

Im Gewaltschutzzentrum Tirol wurden letztes Jahr 1200 Personen beraten. 82 Prozent davon waren Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt oder von Stalking wurden, in 18 Prozent der Fälle waren Männer die Opfer. 727 Kinder leben in den betroffenen Haushalten und wurden dadurch zumindest Zeugen von Gewalt. 111 Kinder haben selbst Gewalt erfahren. „Die Frauen halten viel aus oder wollen die Beziehung retten, bevor sie zu uns kommen", sagt die stellvertretende Leiterin des Gewaltschutzzentrums, Andrea Laske. „Wenn sie erst einmal da sind, ist ein großer Schritt getan."

Frauenlandesrätin Gabriele Fischer von den Grünen verweist in diesem Zusammenhang auf das Frauenvolksbegehren. Es beinhalte die Forderung nach dem bundesweiten Ausbau von leicht zugänglichen, kostenfreien Einrichtungen und Beratungsstellen. Laske meint dazu, dass es in Tirol genug Beratungsstellen, aber zu wenig Plätze in Frauenhäusern gebe. Hier hinke Tirol im EU-Vergleich hinterher.

Besorgniserregend ist für Fischer die Entwicklung im Internet. Sie verweist auf eine EU-Studie aus dem Jahr 2014. Demnach hätten bereits 2014 elf Prozent der Frauen bereits damals unangemessene Annäherungsversuche in sozialen Medien erlebt oder E-Mails und SMS-Nachrichten mit eindeutig sexuellem Inhalt erhalten. „Von jungen Frauen zwischen 18 und 29 Jahren waren 20 Prozent Opfer solcher Formen der Belästigung."

Das Problem mit der Anonymität im Netz

Nach dem Urteil gegen die Ex-Politikerin Sigrid Maurer hat man den Eindruck, man sei machtlos gegenüber Hass und Gewalt im Netz.

Erik Kroker: Das Urteil ist ein sehr unglückliches. Für mich zeigt es eine Rechtsschutzlücke auf. Ich verstehe, dass sich Frauen nicht zur Wehr setzen, weil der Eindruck entsteht, dass sie am Ende die Dummen sind.

Sie meinen die Lücke, dass nach diesem Urteil keiner für den Inhalt seines Facebook-Accounts Verantwortung hat?

Kroker: Oder ich die Verantwortung nicht beweisen kann. Auf die Spitze getrieben könnte das heißen, dass ich einen Facebook-Account einrichte, mehreren einen Zugang gewähre, um ihre Meinung zu äußern, und ich nicht für den Inhalt verantwortlich bin. Ich könnte immer sagen, ich hätte nicht gewusst, dass dort gedroht oder verunglimpft wird. Macht mich jemand auf Hasspostings aufmerksam, dann müsste ich den einen Account abdrehen und einen neuen machen.

Was ist mit Internetforen, wo jeder seine Meinung kundtun, jemanden denunzieren oder bedrohen kann? Haftet der Betreiber für den Inhalt?

Kroker: Das Problem dabei ist, dass in solchen Foren die Leute anonym oder unter einem Fake-Account posten können. Der Betreiber der Seite, der Host-Provider, ist für den Inhalt nicht verantwortlich. Wenn Sie sich bedroht, belästigt oder verleumdet fühlen und Sie sich an den Betreiber der Seite richten, muss der tätig werden. Er muss die Eintragung löschen und Ihnen Daten aushändigen, falls er sie hat. Zum Sammeln der Daten ist der Host-Provider nicht verpflichtet. Oft weiß der Betreiber auch nicht, wer der Verfasser einer Nachricht ist. Wie soll er das auch, wenn jeder anonym posten kann? Selbst der Betreiber der Seite könnte hinter einem anonymen Post stecken.

Wann hat eine Klage eine Chance?

Kroker: Solche Foren, aber auch Facebook-User nutzen aus, dass die Betroffenen nicht klagen. Die Leute tun das oft auch nicht, weil sie Angst haben, dass eine Klage alles schlimmer macht und die Sache aufbauscht. Außerdem fürchten sie die Kosten und ein Verfahren dauert auch seine Zeit.

Wie kann es sein, dass Host-Provider keine Verantwortung trifft, Sigrid Maurer aber vorgeworfen wurde, sie hätte die journalistische Sorgfaltspflicht nicht beachtet, sie hätte den Absender fragen müssen, ob er er ist.

Kroker: Und wenn er, wie zu erwarten ist, nicht antwortet? Oft lässt sich kaum herausfinden, wer der Täter ist. Vielleicht erhalten Sie eine IP-Adresse, aber wenn die zu einem Internet-Café gehört, sind Sie am Ende der Recherchemöglichkeit. Das ist ein gesetzliches Manko.

Die TT stellt einen Mitarbeiter pro Tag ab, der unsere Foren ausmistet. Das wurde oft als Zensur gewertet.

Kroker: Das ist ein gesellschaftliches Problem. Meinungsfreiheit wird oft mit unflätiger Beschimpfung verwechselt. Und Sie werden immer einen finden, der das dann auch noch weitergibt und teilt. Ich persönlich finde, jeder sollte für das einstehen müssen, was er behauptet.

Das Gespräch führte Anita Heubacher




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