Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 31.10.2018


Tirol

Kinderporno: Strafprozess in Tirol uferte aus

66-jähriger Biedermann lehrte im Prozess um 28.000 Kinderpornos das Grauen. Fall soll nun an ein Schöffengericht gebracht werden.

Landesgericht Innsbruck.

© TT/Thomas BöhmLandesgericht Innsbruck.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Bei Prozessen wegen Kinderpornografie erscheinen nicht selten vermeintlich widersprüchliche Persönlichkeiten als Angeklagte vor dem Strafgericht. Den Gipfel setzte nun am Landesgericht ein 66-Jähriger auf, der nicht nur wegen dessen Bekleidung als Synonym eines Biedermanns erschien. Schon zu Prozessbeginn war klar, dass der Fall schwer wiegt. So fanden sich auf dessen Festplatten mehr als 49.000 kinderpornografische Dateien. „Da haben wir die Gutachter dann aus Kostengründen gestoppt. Als hochgeladen angeklagt sind von diesen heute 28.000 Dateien!“, klärte Richterin Sandra Presslaber den Angeklagten auf. Dieser hatte zuvor beschworen, dass er sein Leben lang ein braver und rechts- treuer Mensch gewesen sei.

Auch hatte sich der 66-Jährige anklagekonform typisch verantwortet: „Und wissen S’, Frau Rat, ich kenn’ mich ja am Computer gar nicht aus. Dauernd kamen übers Internet solche Bilder daher.“ Richterin Presslaber konfrontierte den Mann daraufhin mit seinen Aktivitäten im Internet, die den 66-jährigen Ehemann über einschlägige Portale auch auf Seiten für Homosexuelle führten. Dazu hatte sich der, der sich „nicht auskennt“, sogar den Browser für das Darknet installiert.

Unter dem Web-Namen „Hoti4all“ tauschte der Mann so über Jahre Kinderpornografie, welche die Vorstellungskraft normal Veranlagter zu Leid, Verzweiflung und krimineller Energie übersteigt. Wie so oft bei solchen Prozessen vermochte sich dann auch der Angeklagte mit den Bildern und Filmen nicht mehr zu identifizieren: „Ich liebe Kinder. Meine Enkel, auf dem Spielplatz, ich bin doch kein Pädophiler, Frau Rat!“

Punkt zwei der Anklage brachte anderes hervor. Hier war der 66-Jährige mehrfach mit einem Chat-Partner in Kontakt. In Verabredung mit ihm vergriff er sich an dessen zweijähriger Tochter und belegte dies auch noch bildlich. Für den Angeklagten trotzdem „ein Rollenspiel“, das er für rein fiktiv gehalten haben wollte.

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Richterin Presslaber zog darauf die Reißleine, da aus dem Prozessverlauf der Verdacht der Bestimmung oder des Beitrages zum Missbrauch Unmündiger sichtbar wurde. Ein Unzuständigkeitsurteil durch die Einzelrichterin erging. Nun soll der Fall vor ein Schöffengericht. Dort drohen statt drei zehn Jahre Haft. Es gilt die Unschuldsvermutung.