Letztes Update am So, 13.01.2019 07:06

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Gewaltverbrechen

„Wenn ich sie nicht haben kann, dann auch sonst keiner“

Viele Gewaltverbrechen gegen Frauen basieren auf einem problematischen Beziehungsbild. Präventionsarbeit könnte Verbesserung bewirken.

Gewaltverbrechen gegen Frauen ereignen sich in den meisten Fällen im häuslichen Umfeld. Das Bild zeigt einen abgesperrten Tatort in Oberösterreich.

© APAGewaltverbrechen gegen Frauen ereignen sich in den meisten Fällen im häuslichen Umfeld. Das Bild zeigt einen abgesperrten Tatort in Oberösterreich.



Von Carmen Baumgartner-Pötz

Wien – Zwei tödliche Messerattacken auf Frauen in Niederösterreich – in beiden Fällen wurde der jeweilige Lebenspartner als Verdächtiger festgenommen. Ein Österreicher, der in Ungarn bei der Familie seiner Ex-Freundin Amok läuft. Ein junger Mann, der aus „Frust“, weil er sich nicht traut, Frauen anzusprechen, eine 25-Jährige mit einer Eisenstange attackiert: vier Beispiele für Gewalt gegen Frauen im Jahr 2019, die noch keine zwei Wochen alt sind. „Diese Häufung in jüngster Zeit hat auch mich schockiert“, sagt Birgitt Haller im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Die Juristin und Politikwissenschafterin ist Wissenschaftliche Leiterin des Instituts für Konfliktforschung mit Sitz in Wien. 2012 hat sie im Auftrag des Frauenministeriums eine Studie zum Thema Tötungsdelikte in Beziehungen und Hochrisiko-Opfer durchgeführt, basierend auf Verurteilungen in den Jahren 2008–2010.

Die jüngsten Zahlen für 2018 aus dem Bundeskriminalamt zeigen: 41 als Mordopfer geführte Frauen waren (auch ohne Dezember-Auswertung) ein Höchstwert der vergangenen zehn Jahre. Dass es generell einen Anstieg bei Gewalt gegen Frauen gibt, glaubt Haller allerdings nicht: „Es wird aber mehr angezeigt als früher, die Sensibilisierung ist höher.“ Dabei ziehen sich Muster von Gewalt- und Kontrollbeziehungen durch alle gesellschaftlichen Schichten, „was mit der männlichen Gesellschaftsstruktur zu tun hat“, wie Haller erklärt. Und in dieser betrachte ein angesehener Herr Primar seine Frau genauso als sein Eigentum wie ein einfacher Straßenkehrer.

Ein problematisches Verständnis von Beziehungen ist bei vielen Gewalttaten die Grundlage, weiß Haller aus ihrer langjährigen Erfahrung in der Gewaltforschung. „Hinter einem Gutteil von Beziehungstaten steckt Eifersucht; Trennungen

Scheidungen sind eine gefährliche Situation, aber auch in anderen Lebensumbruchphasen wie etwa der Pensionierung kann es zur Zuspitzung kommen“, so Haller. „Wenn ich sie nicht haben kann, dann auch sonst keiner“, so formulierten viele Männer ihr Motiv, wenn sie im Rahmen einer Trennung zum Gewalttäter wurden – laut Studie war das bei der Hälfte der untersuchten Fälle so. Problematisch kann auch die Kombination von erwerbstätiger Frau und arbeitslos gewordenem Mann werden, wenn dieser das Gefühl hat, seine „Funktion als Ernährer zu verlieren und nicht mehr wichtig zu sein“, sagt Haller.

Die Gewaltforschung kennt mehrere Hebel, an denen angesetzt werden kann. Ein Punkt ist Gewaltpräventionsarbeit, die bereits im Kindergarten

Schulalter beginnen müsste. Analog zu etablierten Missbrauchspräventionsprogrammen, die Kindern die Botschaft „Mein Körper gehört mir“ vermitteln, könnte in diesem Fall die Message sein: „Ein Mensch gehört nur sich selbst und niemand anderem.“ Haller sieht in einem Ausbau der Bubenarbeit eine echte Chance, Klischees und Rollenbilder aufzubrechen.

Bei so genannten Hochrisiko-Fällen (z. B. bei bestehender Gewaltbeziehung, Betretungsverbot, angekündigter Trennung) sollten alle Einrichtungen – Polizei, Kriseninterventionszentren etc. – noch vernetzter als bisher agieren, rät Haller. So könnten komplexe Gewaltgeschichten besser dokumentiert werden. Weil gerade hoch gefährdete Frauen von sich aus das institutionelle Hilfssystem häufig nicht nutzen, sei es wichtig, aktiv auf sie zuzugehen. In vielen Fällen kann das Einschreiten der Polizei massive Gewalt erfolgreich verhindern – das setzt allerdings voraus, dass diese benachrichtigt wird.

Was kann man also tun, wenn man den Verdacht hat, dass sich eine Frau in einer Gewaltbeziehung befindet? „Die Wahrscheinlichkeit, dass angebotene Hilfe angenommen wird, ist sicher höher, wenn man behutsam vorgeht“, rät Haller. Wenn man etwa zu einer Nachbarin schon eine Beziehung aufbauen konnte, wird diese eventuell empfänglicher für ein Gesprächsangebot oder eine Begleitung zu Behörden sein. Aus der Forschung wisse man aber, dass eher das Opfer selbst bei der Polizei anruft als besorgte Nachbarn – eine Konsequenz aus dem Phänomen zunehmender Vereinzelung der Gesellschaft.

So hilfreich aber das Gewaltschutzgesetz, die Präventionsarbeit und Zivilcourage sein mögen: Nicht jeder Mord lasse sich verhindern, davon ist die Expertin überzeugt.