Letztes Update am So, 24.02.2019 18:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Indien

Hunderte Tee-Arbeiter vergifteten sich mit Schnaps – mehr als 150 Tote

In Indien ist illegal gebrannter Schnaps viel billiger als Importware. Doch der selbst gebraute Alkohol ist oft gestreckt und kann zum tödlichen Gift werden. In Assam bezahlen viele Plantagen-Arbeiter einen Umtrunk mit ihrem Leben.

Zwischenzeitlich wurden knapp 300 Menschen wegen der Vergiftungen im Krankenhaus behandelt.

© AFPZwischenzeitlich wurden knapp 300 Menschen wegen der Vergiftungen im Krankenhaus behandelt.



Golaghat – In Indien wächst die Zahl der Opfer nach dem Konsum von gepanschtem Schnaps immer weiter. Am Wochenende starben mindestens 58 weitere Menschen an den Folgen des schwarz gebrannten Getränks, wie die Polizei des nordöstlichen Bundesstaat Assam am Sonntag mitteilten. Damit stieg die Zahl der Toten binnen weniger Tage auf über 155.

Mindestens 200 Menschen wurden in Krankenhäusern behandelt. Manche Patienten seien in einem ernsten Zustand, sagte Behördensprecherin Roshni Aparanji Korati. Es gilt deshalb als wahrscheinlich, dass die Zahl der Toten im nördlichen Bundesstaat Assam noch ansteige.

Erhebliche Mengen Methanol

Die Opfer arbeiteten alle auf den Teeplantagen in der Region, unter ihnen sind auch viele Frauen. Die ersten Arbeiter waren nach Polizeiangaben am Donnerstagabend erkrankt, nachdem sie gepanschten Schnaps getrunken hatten. Seitdem kommen täglich neue Opfer hinzu.

Betroffen sind die Bezirke Golaghat und Jorhat. Um sich um all die Opfer kümmern zu können, wurden dort zusätzliche Ärzte, Pfleger und Medikamente in die Krankenhäuser entsandt.

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Nach Angaben von Ärzten leiden die Patienten unter starkem Brechreiz, Brustschmerzen und Atemnot. Inzwischen gebe es aber auch eine Art Psychose unter den Arbeitern, sagte Assams Gesundheitsbeauftragte Samir Sinha. „Viele Bewohner sind besorgt und melden sich bei den Krankenhäusern, auch wenn es schon vier oder fünf Tage zurückliegt, dass die den Schnaps getrunken haben“.

In den ärmlichen ländlichen Gebieten Indiens wird viel selbst gebrannter Schnaps verkauft, weil er billig ist. Oft wird dem Fusel hochgiftiges Methanol beigemischt, um den Alkoholgehalt zu erhöhen. Große Mengen davon können zu Blindheit, Leberschäden und zum Tod führen.

Fahndung nach Panscher: Elf Festnahmen

Im aktuellen Fall wartet die Polizei noch auf Testergebnisse aus dem Labor, wie Vize-Polizeichef Agarwala sagte. Nach Angaben der Polizei im Distrikt Golaghat wurden der Besitzer einer örtlichen Brennerei sowie zehn weitere Männer, die mit der Herstellung und dem Vertrieb des Schnapses in Verbindung stehen sollen, festgenommen.

Assams Gesundheitsminister Himanta Biswa Sarma besuchte einige Opfer im Krankenhaus in Jorhat und kündigte an, „die Täter jener Tragödie nicht zu verschonen“. Die Hinterbliebenen jedes Todesopfers sollen 200.000 Rupien (knapp 2500 Euro) erhalten.

Die Behörden beurlaubten zudem zwei Beamte, weil sie keine Vorkehrungen gegen den Verkauf des Alkohols getroffen hätten. Assams Regierungschef Sarbananda Sonowal ordnete eine Untersuchung an.

Kein Einzelfall

Jedes Jahr sterben in Indien hunderte Menschen an sogenanntem Moonshine (Mondlicht), wie der schwarz gebrannte Schnaps auch genannt wird. Erst vor knapp zwei Wochen waren in den nordindischen Bundesstaaten Uttar Pradesh und Uttarakhand mehr als hundert Menschen an gepanschtem Alkohol gestorben.

40 Prozent der schätzungsweise fünf Milliarden Liter Alkohol, die jährlich in Indien konsumiert werden, stammen nach Angaben des Indischen Spirituosen- und Weinverband aus illegaler Produktion. Versuche mehrerer Bundesstaaten, Alkohol zu verbieten, hätten die Lage nur noch weiter verschärft, sagen Kritiker. (dpa)