Letztes Update am Fr, 15.03.2019 22:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Anschlag mit 49 Toten

Terror in Neuseeland: Was wir wissen – und was (noch) nicht

49 Tote und fast genauso viele Verletzte: Ein oder mehrere Rechtsextremisten richten im neuseeländischen Christchurch ein Blutbad an. Die Lage ist zwar unübersichtlich, einige Fakten gibt es dennoch. Sie sind erschütternd.

Zum Zeitpunkt des Anschlages befanden sich rund 300 Menschen in der Masjid-al-Noor-Moschee. 41 wurden getötet.

© dpaZum Zeitpunkt des Anschlages befanden sich rund 300 Menschen in der Masjid-al-Noor-Moschee. 41 wurden getötet.



WAS WIR WISSEN

DIE TAT: Mit Schüssen sind laut Polizei an zwei Moscheen in Christchurch 49 Menschen getötet worden. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern sprach von einem „terroristischen Angriff“. Die meisten Menschen starben in der Masjid-al-Noor-Moschee: 41 Besucher des Gebetshauses wurden getötet. Es sollen sich rund 300 Betende zum Zeitpunkt des Angriffs dort aufgehalten haben. Sieben Menschen starben in der zweiten attackierten Moschee im Stadtteil Linwood. Ein weiterer Mensch verstarb im Krankenhaus.

Den Gesundheitsbehörden zufolge wurden 48 weitere Menschen mit Schusswunden in Krankenhäuser gebracht. Der genaue Ablauf der Tat war auch nach Stunden noch nicht geklärt. Der Angriff begann gegen 13.40 Uhr Ortszeit. Klar ist, dass die Polizei nach dem Attentat die Innenstadt von Christchurch abgeriegelt und bewaffnete Beamte an mehrere Schauplätze in der Stadt entsandte hatte. An einem verdächtigen Auto wurden zwei selbstgebaute Sprengsätze entdeckt und entschärft. In der angespannten Lage sprengte das Militär zudem zwei herrenlose Taschen im Zentrum von Auckland. Ihr Inhalt erwies sich als harmlos.

DIE FESTNAHMEN: Als mutmaßlicher Haupttäter wurde ein 28-jähriger Australier festgenommen. Er soll am Samstag dem Haftrichter vorgeführt werden. Zudem gab es zwei weitere Festnahmen.

DAS VIDEO: Der Haupttäter zeigte den Angriff live auf Facebook aus der Ich-Perspektive in einem 17-minütigen Video. Auch die rund siebenminütige Autofahrt filmte er. Der Attentäter trägt einen Tarnanzug. Im Video ist auch zu sehen, dass mehrere Waffen und Magazine mit Namen und Schriftzügen versehen sind (dazu weiter unten mehr). Nach der Tat sagt der Angreifer, dass er bedauere, die Moschee nicht noch abgebrannt zu haben. Facebook teilte mit, das Video nach einem Hinweis der Polizei entfernt und die Profile des Attentäters sowohl auf Facebook als auch auf Twitter gesperrt zu haben. Die Ermittler forderten die Öffentlichkeit dazu auf, die Aufnahmen nicht im Internet zu verbreiten.

DAS LIED: Im Video ist vor der Tat im Auto des Angreifers ein serbisch-nationalistisches Kampflied zu hören. Das bestätigte der bosnische Botschafter in Neuseeland, Mirza Hajrić. Das Lied „Karadzic, führe deine Serben“ kursiert im Internet seit einigen Jahren im Zusammenhang mit einem anti-muslimischen Meme. Als Memes werden Bilder und Videos bezeichnet, die im Internet vielfach verbreitet werden.

DIE FOLGEN: Neuseeland ist geschockt – die Polizei spricht von einem „nie da gewesenen Ereignis“. Alle Moscheen im Land wurden aufgerufen, ihre Türen zu schließen. Der Öffentlichkeit wurde geraten, sich bis auf Weiteres von Moscheen fernzuhalten. Als Konsequenz verschärft das Land das Waffenrecht. Der Tatverdächtige hat im November 2017 einen Waffenschein erworben. Bei ihm seien fünf Schusswaffen gefunden worden, darunter zwei halbautomatische, die er legal habe erwerben können.

WAS WIR NICHT WISSEN

DIE HINTERGRÜNDE: Dazu äußerte sich die Polizei bisher nicht. „Wir sind in dieser Phase nicht in der Lage, Details dazu bekanntzugeben, was zu den Angriffen geführt hat“, teilte sie mit. Es gibt jedoch Hinweise auf einen islam- und ausländerfeindlichen Hintergrund des Attentats.

DAS MANIFEST: Im Internet kursiert ein 74-seitiges Schreiben, das der Haupttäter kurz vor der Tat veröffentlicht haben soll. Darin wird eine Tat in Christchurch angekündigt und seine rechtsextreme und fremdenfeindliche Motivation dargelegt. Die Polizei äußerte sich bisher nicht zur Echtheit des Dokuments – doch es gibt durchaus Anhaltspunkte für dessen Authentizität. Sollte sich das bewahrheiten, könnte das Dokument Hinweise auf den Hintergrund der Bluttat geben.

Auf dem mittlerweile archivierten Facebook-Account sind zudem wenige Minuten vor dem Video-Post mehrere Links veröffentlicht worden, über die das „Manifest“ heruntergeladen werden kann. Es trägt den Titel „The Great Replacement“ (Der große Austausch). Der Titel geht auf eine aus Frankreich stammende rechtsextreme Verschwörungstheorie zurück, wonach die Bevölkerung in Europa durch Zuwanderer ersetzt werden soll, deren Geburtenrate deutlich höher sei.

Auch auf dem archivierten Twitter-Account waren die Links zum „Manifest“ gepostet worden. Außerdem gibt es dort Fotos von Waffen und Magazinen, die auch im Video des Angriffs zu sehen sind. Auch zu dem Video äußerte sich die Polizei bisher nicht.

Das Manifest selbst ist ein Konvolut von rassistischen Aussagen, Forderungen und Zeichen. Unter anderem zeigt es auf dem Deckblatt die sogenannte „Schwarze Sonne“, ein esoterisches Nazi-Symbol. In einem angeblichen Interview gibt der Verfasser Auskunft über sich und die Beweggründe für die Tat. Zugleich ruft er darin zu Anschlägen auf ranghohe Politiker auf, die er als „Feinde unserer Rasse“ bezeichnet. Ganz oben auf der Liste stehe Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel, erklärte er. Sich selbst beschreibt er in dem Manifest als 28-jährigen gebürtigen Australier aus einer einkommensschwachen Arbeiterfamilie. Nach eigenen Angaben war er mehrere Jahre in Frankreich, Spanien und Portugal unterwegs.

Das Schreiben nimmt auch auf den norwegischen rechtsextremen Massenmörder Anders Behring Breivik Bezug. „Ritter Justiziar Breivik“ nennt der Angreifer von Christchurch den norwegischen Rechtsextremisten – ein Begriff, den Breivik selbst geprägt hat. In einem 74-seitigen Manifest, das er vor dem Anschlag von Christchurch bei Twitter veröffentlicht hatte, nennt der Angreifer den Norweger eine „echte Inspiration“. Er habe zwar nur kurz mit Breivik Kontakt gehabt, er habe aber für seine Anschlagspläne „den Segen für meine Mission erhalten, nachdem ich dessen Mitritter kontaktiert“ habe.

Belegt ist der angebliche Kontakt zwischen den beiden nicht: Breiviks Anwalt, Oystein Storrvik, sagte der Zeitung „Verdens Gang“, er halte dies aufgrund der strengen Kontrollen, denen Breivik im Gefängnis unterliegt, für „unwahrscheinlich“.

DIE ERMITTLUNGEN: Bulgarien ermittelt jetzt, ob der Attentäter Kontakte in dem Balkanland gehabt hat, da auf seinen Waffen Namen von Kämpfern gegen die Osmanen eingraviert seien. Einige Beschriftungen verweisen auf die Belagerung Wiens durch die Türken 1683, die Schlachten im Russisch-Osmanischen Krieg 1877-78 am Schipkapass im bulgarischen Balkangebirge und den Kampf des albanischen Fürsten Skanderbeg (1405-1468) gegen die Osmanen.

Fest steht, dass der Attentäter im November 2018 Bulgarien als Tourist besucht und sich an historischen Orten aufgehalten hat. Anschließend sei er nach Rumänien und Ungarn weitergereist. Er habe nach den bulgarischen Erkenntnissen 2016 auch andere Balkanländer wie etwa Serbien besucht.

DER TÄTER: Neuseeländische Medien berichten unter Berufung auf die australische Polizei mit Namensnennung, dass es sich bei dem Angreifer um einen weißen gebürtigen Australier handle. Der Premierminister sprach von einem „rechtsextremistischen gewalttätigen Terroristen“. Die neuseeländischen Ermittler äußerten sich dazu bisher nicht. Die australische Polizei teilte der dpa mit: „Da dies eine laufende Ermittlung der neuseeländischen Behörden ist, bestätigen wir zu diesem Zeitpunkt keinerlei Namen.“ Australischen Medienberichten zufolge ist er 28 Jahre alt und arbeitete, bevor er nach Neuseeland kam, als Fitnesstrainer im australischen Ort Grafton nördlich von Sydney.

Unklar ist auch, ob es mehrere Angreifer oder nur einen gab. Neben einem dringend tatverdächtigen Australier wurden zwei weitere Männer und eine Frau festgenommen, von denen einer als entlastet gilt und entlassen werden konnte. Ebenfalls unklar ist, ob die Moscheen gleichzeitig oder eine nach der anderen attackiert wurden.

DIE OPFER: Bisher liegen keine genauen Angaben zu den Opfern vor. Unter den Verletzten waren ein Saudi-Araber, zwei Malaysier, zwei Indonesier, zwei Türken und mindestens fünf Jordanier. Vier Pakistaner wurden verletzt und fünf weitere vermisst, wie das pakistanische Außenministerium mitteilte. Nach Angaben des diplomatischen Vertreters Indiens werden neun Menschen vermisst, die die indische Staatsbürgerschaft haben oder indischer Abstammung sind. Unklar ist, ob die Zahl der Opfer noch steigen könnte. Insgesamt 48 Verletzte wurden im Krankenhaus von Christchurch behandelt, darunter auch kleine Kinder. 20 Schwerverletzte sollen sich unter den Opfern befinden.