Letztes Update am Mi, 20.03.2019 16:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Wien

Mobbing an Wiener Schule: Schüler durften nicht auf Toilette gehen

Eine ehemalige Schülerin der Lehrerin, der Mobbing an der AHS in Wien-Währing vorgeworfen wird, befindet sich noch immer in psychotherapeutischer Behandlung. Die Wiener Bildungsdirektion sammelt derzeit Stellungnahmen Betroffener.

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© Böhm/TTSymbolbild.



Wien – Eine ehemalige Schülerin jener Mathematiklehrerin, der vorgeworfen wird, Schüler an einem Wiener Gymnasium erniedrigt zu haben, hat bis heute mit dem Erlebten zu kämpfen. Die junge Frau befindet sich immer noch in psychotherapeutischer Behandlung, wie sie im Gespräch mit der APA erzählte. Zwei Jahre ging sie auf die Schule, ehe sie wegen der mutmaßlichen Erniedrigungen durch die Lehrerin die Einrichtung verließ.

„Wir durften nicht auf die Toilette und mussten in der Ecke stehen“, berichtete die junge Frau von der Stimmung im Klassenzimmer. „Ich musste mich oft übergeben in der Schule. Deshalb bin ich rausgegangen. Ich wusste nicht, was ich sonst machen sollte“, sagte die ehemalige Schülerin. Vor zehn Jahren kam das Mädchen im Teenageralter mit ihren Eltern von Ungarn nach Wien und konnte naturgemäß noch nicht so gut Deutsch. Bei ihren Mathematikschularbeiten wurden jedoch auch die Grammatikfehler gerechnet und es hagelte Punkteabzüge, sagte sie.

„Die Lehrerin hat gesagt, ich soll die Schule abbrechen, weil ich nicht gescheit genug bin. Ich soll lieber gleich eine Lehre bei einem Supermarkt machen“, sagte die Frau, die mittlerweile erfolgreich studiert. Es sei keine körperliche Bedrohung gewesen, aber psychischer Terror im Teenageralter. „In einer Zeit, wo man sich selbst findet.“ Wenn sie morgens vor der Schule stand, habe sie zu weinen begonnen und Panikattacken bekommen.

Erste Vorwürfe gegen Lehrerin bereits 2013

In der Bildungsdirektion hat es bereits 2013 erste Vorwürfe gegen die Lehrerin gegeben. Auch die junge Frau wandte sich in ihrer Schulzeit an die Behörden. Gespräche mit der Pädagogin im Beisein der Mutter sowie mit der Direktorin hätten nichts genutzt. Deshalb habe man Hilfe beim Wiener Stadtschulrat (heute Wiener Bildungsdirektion, Anm.) gesucht. „Es ist nichts passiert“, sagte die Betroffene.

„Sonst habe ich die Schule gemocht. Ich hatte einen lieben Klassenvorstand, der mir geholfen hat, rasch Deutsch zu lernen“, sagte die Frau. Vor einigen Jahren sei sie von einer Gruppe von Eltern angeschrieben worden, um gemeinsam gegen die Lehrerin vorzugehen. „Aber ich hatte die Kraft nicht dazu“, sagte sie. „Jetzt habe ich die Kraft. Jemand muss es machen.“ Auch aus Schutz für die anderen Kindern, sagte die Studentin.

Die Wiener Bildungsdirektion (früher Stadtschulrat) sammelt in dem Fall bis Freitagnachmittag Stellungnahmen Betroffener. Eine Gruppe, in der auch Juristen vertreten sind, soll diese sichten und bei nicht anonym vorgebrachten Vorwürfen versuchen, sie zu verifizieren.

„Wir nehmen das Problem ernst, wir werden die Vorwürfe zügig überprüfen“, hieß es am Mittwoch aus dem Büro von Bildungsdirektor Heinrich Himmer. Erste Stellungnahmen seien bereits mit Bekanntwerden der aktuellen Vorwürfe eingelangt.

Die Direktorin der betreffenden AHS wollte auf Anfrage der APA nichts zu dem Fall sagen. In einer schriftlichen Stellungnahme betonte sie allerdings ihre Sorge um ihre Schule, da diese Angelegenheit die Schulgemeinschaft stark polarisiere und für Verunsicherung sorge. „Ich hoffe auf eine Lösung, die uns das bringt, worauf die SchülerInnen ein Recht haben: eine gute Lernatmosphäre.“

In Wien „einige Dutzend“ Verdachtsfälle pro Jahr

Lehrer, denen systematische Erniedrigung von Schülern vorgeworfen wird, seien in Wien „die absolute Minderzahl“. Bei 26.000 Pädagogen gebe es „einige Dutzend Fälle pro Jahr“, bei denen die Bildungsdirektion wegen gravierender Vorwürfe genau prüft, heißt es auf APA-Anfrage. „Weniger als eine Handvoll“ Lehrer werden wegen schwerer Verfehlungen (darunter auch strafrechtliche Verurteilungen) entlassen.

Werden der Bildungsdirektion Verdachtsfälle gemeldet, werden die Fälle zunächst geprüft und Gespräche mit der Personalvertretung geführt. Je nach Schwere kann die Bildungsdirektion verschiedene Maßnahmen setzen: Bei pragmatisierten Lehrern möglich sind neben Ermahnungen und Weisungen ein Verweis, Geldbußen oder – als letzte Möglichkeit – eine Entlassung. Bei Vertragslehrern stehen Ermahnung, Weisungen, Kündigung und Entlassung im Maßnahmenkatalog.

Die Voraussetzungen für eine Entlassung sind dabei abhängig vom Dienstverhältnis: Bei pragmatisierten Pädagogen führen bestimmte strafrechtliche Verurteilungen automatisch zur Entlassung, darüber hinaus kann die Behörde das Dienstverhältnis auch wegen mangelnden Arbeitserfolgs beenden. Die Entlassung kann außerdem als Strafe in einem Disziplinarverfahren ausgesprochen werden.

Anders bei Vertragsbediensteten: Fristlos entlassen werden darf im Falle einer besonders schweren Verletzung der Dienstpflicht, bei einer Vernachlässigung des Dienstes in wesentlichen Belangen und im Falle einer Weigerung, den Dienst ordnungsgemäß zu verrichten. Darüber hinaus kann auch aus bestimmten Gründen eine Kündigung ausgesprochen werden – etwa wenn ein Lehrer seine Dienstpflicht gröblich verletzt (aber aufgrund der Schwere noch keine Entlassung infrage kommt) oder er „ein Verhalten setzt oder gesetzt hat, das nicht geeignet ist, das Vertrauen der Allgemeinheit in die sachliche Wahrnehmung seiner dienstlichen Aufgaben aufrechtzuerhalten“. (APA/TT.com)

Bildungsministerium schaltet sich ein

Das Bildungsministeriums schaltet sich in der Causa um eine Lehrerin einer Wiener AHS ein, der von Schülern Erniedrigung vorgeworfen wird. Man werde sich auf dem kurzen Dienstweg informieren lassen, welche Schritte in der Sache bisher gesetzt wurden und hinterfragen. Damit will man im Ressort bis Mitte nächster Woche ein Bild bekommen, ob in der Sache alle notwendigen Maßnahmen gesetzt wurden.

Die ersten Vorwürfe gegen die Pädagogin wurden in der Bildungsdirektion 2013 dokumentiert. Sie musste deshalb in der Vergangenheit bereits verpflichtend an einer Schulung der Sozialkompetenz teilnehmen. Bereits 2017 hat die Volksanwaltschaft in diesem Fall ein Prüfverfahren eingeleitet. Ergebnis war damals, dass die Behörde im Rahmen ihrer Möglichkeiten alle nötigen Maßnahmen gesetzt habe. Nach einer Beschwerde von Eltern hat die Volksanwaltschaft nun ein weiteres Verfahren eingeleitet.