Letztes Update am Di, 02.04.2019 16:28

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Islamismus

Neuer Islamisten-Trend im Netz: Subtile Kampagnen statt Enthauptungen

Wenn salafistische Indoktrination und jihadistische Propaganda im Netz cool und jugendgerecht verpackt sind, kommen Eltern nur schwer dagegen an. Wenn sie denn überhaupt merken, dass Islamisten ihre Kinder online geködert haben.

Eine Internetseite wirbt für die Terrormiliz "Islamischer Staat".

© Felix Kästle/dpa Eine Internetseite wirbt für die Terrormiliz "Islamischer Staat".



Berlin – Islamistische Gruppierungen nutzen in Deutschland verstärkt „Lifestyle“-Themen und Twitter-Kampagnen wie „#NichtOhneMeinKopftuch“, um Kinder und Jugendliche für ihr extremistisches Weltbild zu gewinnen. Hinrichtungsvideos und andere drastische Gewaltdarstellungen waren auf ihren Kanälen dagegen zuletzt etwas seltener zu sehen, wie der aktuelle Lagebericht „Islamismus im Netz 2018“ zeigt.

Experten aus den Bereichen Islamismus-Prävention und Deradikalisierung berichten, Islamisten hätten selbst die Debatte über den Rückzug von Mesut Özil aus der Fußball-Nationalmannschaft missbraucht, um über Postings zu dem Thema online neue Kontakte zu knüpfen.

Drei Gründe

Der Bericht, den das Kompetenzzentrum Jugendschutz.net am Dienstag gemeinsam mit der deutschen Familienministerin Franziska Giffey (SPD) in Berlin vorstellte, kommt zu dem Ergebnis: „Für islamistische Akteure sind Instagram, YouTube und Telegram ein ideales Rekrutierungsfeld.“ Die Mitarbeiter des in Mainz angesiedelten Kompetenzzentrums von Bund und Ländern registrierten im vergangenen Jahr bei ihrer Suche auf einschlägigen Plattformen 48 „drastische Gewaltdarstellungen“. 2017 waren sie noch auf 195 brutale Fotos und Videos gestoßen.

Der Leiter von Jugendschutz.net, Stefan Glaser, nannte drei Gründe für diese Entwicklung: Erstens habe die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) – vielleicht auch als Konsequenz aus ihren militärischen Misserfolgen – 2018 weniger Material neu publiziert. Zweitens hätten Social-Media-Dienste zuletzt „etwas konsequenter“ brutale Bilder gelöscht. Drittens setzten radikale Gruppierungen inzwischen stärker auf „subtile“ Methoden, um Jugendliche in ihren Bann zu ziehen.

Zahlen lernen mit Sturmgewehren

Fachleute wissen: Oft gelingt es „Jihadisten“, junge Menschen durch Postings zu unverfänglichen Themen wie Alltagsrassismus oder Diskriminierung auf islamistische Profile zu locken, wo dann knallharte Terrorpropaganda mit Sprüchen wie „Der Tod für uns, ist das Leben und das Leben für uns ist der Jihad“ auf sie wartet. Was ihnen dabei in die Hände spielt, ist Software, die den Nutzern aufgrund früherer Klick-Entscheidungen weitere Inhalte aus dem gleichen Themenfeld vorschlägt.

Vom IS gibt es sogar eine arabische Buchstaben- und Zahlen-App, die schon kleine Kinder an die extremistische Ideologie der Terroristen heranführen soll. Die Zahl Sechs erlernen die Kleinen dort nicht etwa mit sechs Küken oder sechs Häusern. Nein: Abgebildet sind sechs Sturmgewehre. Auf einer Illustration zur richtigen Schreibweise des Buchstaben „Ba“ weht im Hintergrund die schwarz-weiße IS-Fahne. In einem animierten Kinderzimmer sollen die Mini-User eine Bombe finden, bevor sie explodiert.

Rechtliche Rahmenbedingungen anpassen

Damit die Behörden nicht mit den Werkzeugen von gestern auf die Bedrohungen von heute reagieren, will Giffey noch in diesem Jahr eine Novelle des Jugendschutzgesetzes auf den Weg bringen. Angesichts der Herausforderungen und Risiken durch neue Online-Kommunikationskanäle müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen dringend geändert werden, forderte Giffey. Dazu zählten sichere Voreinstellungen in Online-Chats, leicht zugängliche Melde- und Hilfesysteme oder klare Alterskennzeichnungen.

Jugendschutz.net hat im vergangenen Jahr im Bereich der islamistischen Netz-Propaganda nach eigenen Angaben 872 Verstöße registriert. Von YouTube seien 99 Prozent der gemeldeten Verstöße gelöscht worden, teilte das Zentrum mit. Bei Instagram lag die Lösch-Quote demnach bei 98 Prozent. Facebook habe 82 Prozent der monierten Inhalte gelöscht.

Der Messenger-Dienst Telegram als „sehr relevante Plattform für islamistische Propaganda“ habe dagegen lediglich 58 Prozent der gemeldeten Verstöße gelöscht. Bei Telegram fanden die Experten nach eigenen Angaben unter anderem ein Video des IS im Computerspiel-Design, ein Foto von einer Frau mit Sturmgewehr und schwarzem Gesichtsschleier und dem Spruch „Mein Niqab ist meine Freiheit. „Ich werde meine Ehre, nicht kampflos aufgeben...“. (dpa)