Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 19.04.2019


Justiz und Kriminalität

13-Jähriger fuhr zu knapp auf: Skifahrerin wegen Sturzes entschädigt

Keine Berührung, nur Sturz nach Schreck: 13-Jähriger muss Deutscher 4678 Euro zahlen.

Keine Milde für Wilde: Ein Jugendlicher war (zu) knapp vor einer Fahranfängerin vorbeigefahren. Diese kippte nach hinten und verletzte sich

© Getty Images/iStockphotoKeine Milde für Wilde: Ein Jugendlicher war (zu) knapp vor einer Fahranfängerin vorbeigefahren. Diese kippte nach hinten und verletzte sich



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – Viel wird derzeit in der Republik über ausjudizierte Sorgfaltsmaßstäbe diskutiert. Die Eigenverantwortung von Personen, welche sich selbst auf gefahrengeneigte Situationen einlassen, scheint da für viele immer mehr ausgehebelt zu werden. Ein nun am Landesgericht Innsbruck bestätigtes Urteil zu einem Skiunfall dürfte ein weiteres Mal Wasser auf den Mühlen von Kritikern der so genannten Vollkasko-Judikatur sein.

Rechtskräftig beurteilt wurde die Klage einer Deutschen, die im Waidringer Skigebiet Steinplatte zu Sturz gekommen war und sich dabei eine Rücken- und Lendenwirbelprellung sowie eine Zerrung beider Knie zugezogen hatte.

Die Umstände des Sturzgeschehens erscheinen zumindest als ungewöhnlich. So hatte die Dame im Schneepflug einen Hang befahren, an dessen Seite sich gerade drei Unterländer Burschen unterhielten.

Als der „Ratscher“ vorbei war, ließ sich ein 13-Jähriger mit seinen Freeride-Ski zwei Meter zurückgleiten und verfehlte die Deutsche im rechten Winkel nur noch um einige Zentimeter. Ohne dass es zu einer Berührung gekommen war, erschrak die Frau dadurch so sehr, dass es zu einem so genannten „Absitzen“ nach hinten und dabei zu den Verletzungen kam.

Während der Alpin-Sachverständige Kurt Hoch noch bei vier Metern Entfernung keinen relevanten Überraschungsmoment feststellte, war er für zwei Gerichtsin­stanzen bei zwei Metern aber sehr wohl gegeben. Dabei sei bei erschrockenen Fahranfängern das „Absitzen“ als Folge geradezu typisch. So hat der – haftpflichtversicherte – Bursche laut Urteil das Verletzungsgeschehen verschuldet, da „er sich vor dem Anfahren nicht ausreichend von dessen Gefahrlosigkeit überzeugt hat und in zu geringem Sicherheitsabstand an der Klägerin vorbeigefahren ist“.

Der Telfer Rechtsanwalt Fritz Reiter vertrat den 13-Jährigen und empfiehlt aufgrund des Urteils Skifahrern schon einmal „den Abschluss einer Haushaltsversicherung“. RA Reiter: „Das Gericht hat nicht einmal ein Mitverschulden der Frau geprüft, obwohl deren Verhalten wohl nur als krasses Überreagieren gedeutet werden kann. Sollten solche Urteile mit amerikanischen Haftungsmaßstäben weiter Schule machen, kann man vom Skisport eigentlich nur noch abraten.“