Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 15.05.2019


Tirol

Unterm Blaulicht gegen Gewalt: Verein soll Retter schützen

Der Vorschlag des Roten Kreuzes, einen Verein zu gründen, der auf Angriffe gegen Retter aufmerksam macht, kommt gut an. Die Landespolitik hat ihre Unterstützung angekündigt.

Einsatzkräfte von Polizei, Rettung etc. sehen sich zunehmend Gewalt ausgesetzt, und das nicht nur bei Demonstrationen wie hier im Jahr 2016 gegen die damals geplanten österreichischen Grenzkontrollen am Brenner.

© Thomas Boehm / TTEinsatzkräfte von Polizei, Rettung etc. sehen sich zunehmend Gewalt ausgesetzt, und das nicht nur bei Demonstrationen wie hier im Jahr 2016 gegen die damals geplanten österreichischen Grenzkontrollen am Brenner.



Von Benedikt Mair

Innsbruck – Sie werden angepöbelt, beschimpft und mit derben Gesten bedacht. Im schlimmsten Fall werden sie angegriffen und müssen um ihre Gesundheit fürchten. Aggressivität und Gewalt gegenüber Rettungs- und Einsatzkräften nimmt in Tirol seit vielen Jahren zu. Das Rote Kreuz hat deshalb, wie am Montag berichtet, die Gründung eines Vereins angestoßen, der sich des Themas annimmt und die Bevölkerung dafür sensibilisiert. Bei anderen Blaulichtorganisationen wie bei der Politik fällt die Idee auf fruchtbaren Boden.

„Die Hemmschwelle sinkt auch gegenüber unseren Beamten“, stellt Manfred Dummer, Leiter der Tiroler Polizei-Pressestelle, fest. „In der Gesellschaft nimmt der Respekt ab, der helfenden Organen entgegengebracht wird.“ Was früher kaum denkbar gewesen sei, habe sich zu einem breiteren Phänomen entwickelt, glaubt Dummer. „Sowohl verbal als auch körperlich werden Polizisten angegriffen.“

Der Pressechef untermauert seine Aussage mit Zahlen. Kontinuierlich stiegen die Fälle von Widerstand gegen die Staatsgewalt an: Im Jahr 2014 gab es 138 Anzeigen, 2015 waren es 147, 160 im Jahr 2016 und 159 im Jahr 2017. „Im vergangenen Jahr haben wir 193 Fälle zu Buche stehen“, zitiert Dummer aus der Statistik. Nahezu gleichbleibend ist hingegen die Zahl der Polizisten, die im Dienst verletzt wurden: 100 waren es im Jahr 2015, 94 im vergangenen Jahr.

Dass die Anzahl der Widerstände steigt, jene der Verletzten aber gleich bleibt, erklärt Dummer mit der „verbesserten Aus- und Weiterbildung“ für Exekutivbeamte. „In den Seminaren wird explizit auf solche Situationen hingewiesen und der Umgang damit erlernt.“ Ob sich die Tiroler Polizei, in welcher Form auch immer, einem Verein, der auf die steigende Aggressivität hinweist, anschließen würde, lässt Dummer offen: „Wenn ein Vorschlag vorliegt, werden wir ihn intern besprechen. Grundsätzlich begrüßen wir jede Aktion, die Aufklärungsarbeit betreibt und auf Gewalt gegen Einsatzkräfte aufmerksam macht.“

Konkreter wird da Tirols Landesfeuerwehrkommandant Peter Hölzl: Noch läge kein Vorschlag des Roten Kreuzes vor, wenn aber einer unterbreitet würde, dann seien die Feuerwehren gerne bereit mitzuarbeiten. Denn: „Es kommt immer wieder vor, dass Menschen aggressiv gegen unsere Leute vorgehen.“ Zurufe und Beschimpfungen gehörten dazu, berichtet Hölzl. „Die Einsatzkräfte werden nicht selten dadurch in ihrer Arbeit gestört. Von ausufernder Gewalt zu sprechen wäre überzogen, obwohl es auch hin und wieder zu Handgreiflichkeiten zwischen Passanten und Feuerwehrleuten kommt.“ Geldstrafen für Pöbeleien oder Beschimpfungen einzuführen bzw. per Verordnung auf politischer Ebene möglich zu machen, findet der Landesfeuerwehrkommandant „verfrüht. Es ist sinnvoll, zuerst einen sanfteren Schritt zu wählen, so wie ihn das Rote Kreuz andenkt.“

Tirols Landeshauptmann Günther Platter (ÖVP) reagiert auf die steigende Gewaltbereitschaft gegenüber Rettern schockiert: „Wer Menschen, die anderen zu Hilfe eilen, angreift, darf keine Nachsicht erwarten. Das ist nicht zu tolerieren und muss hart bestraft werden.“ Auch wenn das Problem in Österreich beispielsweise im Vergleich zu Deutschland noch überschaubar sei, ist laut Platter jeder Fall einer zu viel. Neben „klaren strafrechtlichen Konsequenzen“ brauche es einen „breiten gesellschaftlichen Schulterschluss. Die von den Blaulichtorganisationen geplante Gründung eines Vereins, der Menschen für die Thematik sensibilisieren soll, hat meine volle Unterstützung.“

Reicht Aufklärungsarbeit allein aus, um das Problem in den Griff zu kriegen? „Ja“, sagt Jörg Steinheimer aus Rheinland-Pfalz. Der zweite Vorsitzende des Vereins „Helfer sind taub“, Vorbild für die Idee des Tiroler Roten Kreuzes, erzählt von „vielen positiven Rückmeldungen – von Mitarbeitern und aus der Bevölkerung. Durch unsere Arbeit wurde für ein Thema, das vorher unter dem Radar lag, wichtige Öffentlichkeit geschaffen.“