Letztes Update am Fr, 17.05.2019 13:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland/Chile

Opfer der „Colonia Dignidad“ sollen bis zu 10.000 Euro erhalten

Erstmals sollen Opfer der deutschen Sektensiedlung „Colonia Dignidad“ in Chile finanziell unterstützt werden. Die Ermittlungen gegen die ehemalige rechte Hand des Sektenführers, Hartmut Kopp, wurden indes eingestellt.

Die immer noch bestehende Siedlung, die sich in den 90er-Jahren von Paul Schäfer lossagte, heißt jetzt "Villa Baviera".

© AFPDie immer noch bestehende Siedlung, die sich in den 90er-Jahren von Paul Schäfer lossagte, heißt jetzt "Villa Baviera".



Berlin – Opfer der früheren deutschen Sektensiedlung „Colonia Dignidad“ in Chile sollen erstmals finanzielle Unterstützung bekommen. Bis zu 10.000 Euro pro Person seien vorgesehen, teilte Niels Annen, Staatsminister im deutschen Außenministerium, am Freitag in Berlin mit. Davon seien rechtskräftig verurteilte Straftäter sowie Führungspersonen ausgeschlossen.

Die „Colonia Dignidad“ war 1961 rund 350 Kilometer südlich von Santiago de Chile von deutschen Auswanderern aus Siegburg bei Bonn gegründet worden. In der Kolonie kam es unter dem 2010 gestorbenen Sektenführer Paul Schäfer jahrzehntelang zu Folter, Zwangsarbeit und Kindesmissbrauch. Während der chilenischen Militärdiktatur wurden auf dem abgeschotteten Areal zudem Regimegegner gefoltert und ermordet.

Nach dem Ende der Diktatur von Augusto Pinochet 1990 begann die chilenische Justiz, gegen die Siedlung vorzugehen. Später benannte sich die Siedlung in „Villa Baviera“ um und sagte sich von Schäfer los.

Sektengründer Paul Schäfer im Jahr 2005.
Sektengründer Paul Schäfer im Jahr 2005.
- AFP

Ermittlungen gegen Arzt Hartmut Hopp eingestellt

Schäfer, mit internationalem Haftbefehl gesucht, tauchte 1996 unter. Jahrelang entzog er sich dem Zugriff der chilenischen Polizei, die gegen ihn wegen Vergewaltigung Minderjähriger und Mitwirkung bei der Folterung und Ermordung von Pinochet-Gegnern ermittelte.

Erst 2005 wurde Schäfer, der offenbar über Kontakte in einflussreiche Kreise der chilenischen Gesellschaft verfügte, in Argentinien gefasst. Ein Jahr später verurteilte ihn ein Gericht in Parral wegen des Missbrauchs von Kindern in 25 Fällen zu 20 Jahren Haft. 2010 starb Schäfer im Alter von 88 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus in Santiago de Chile.

In Deutschland waren ab den 80er Jahren gegen Schäfer drei Ermittlungsverfahren anhängig. Sie führten aber zu keinem Prozess. Die meisten Verbrechen sind bis heute nicht aufgeklärt. Der von der chilenischen Justiz gesuchte Hartmut Hopp, ehemaliger Leiter des Krankenhauses der Colonia Dignidad, setzte sich 2011 nach Deutschland ab. Vor zehn Tagen stellte die Krefelder Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen gegen ihn ein. Es habe sich trotz erheblichen Aufwands kein hinreichender Tatverdacht ergeben, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Konkrete Hinweise auf Hopps Mitwirkung an Straftaten seien nicht festzustellen gewesen, erklärte Oberstaatsanwalt Axel Stahl. Eine Opferanwältin kündigte bereits Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungen an.

2016 räumte der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier ein, dass das Auswärtige Amt und die deutsche Botschaft in Santiago jahrelang nicht angemessen auf die Verbrechen in der Deutschensiedlung reagierten. Im Oktober 2018 konstituierte sich eine gemeinsame Kommission aus Bundesregierung und Bundestag. Sie stellte am Freitag ihr Hilfskonzept für die Opfer von Colonia Dignidad vor. (APA/AFP/dpa/TT.com)

Eine Kolonie des Schreckens

Offiziell als landwirtschaftliches Vorzeigeprojekt in Chile gegründet, wurde die Deutschensiedlung Colonia Dignidad („Kolonie der Würde") weltweit wegen ihrer Verbrechen an Kindern bekannt. Der aus Deutschland geflohene Ex-Wehrmachtsgefreite und Laienprediger Paul Schäfer gründet die sektenartig organisierte Siedlung 1961 bei der Stadt Parral, rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago.

Für Schäfer war es die Chance, den Hals aus der Schlinge zu ziehen — in Deutschland lag gegen ihn ein Haftbefehl wegen Missbrauchs Schutzbefohlener vor. Mit „deutscher Disziplin und Schaffenskraft", wie die Betreiber prahlen, entsteht unter der Führung des Sektenführers schnell ein gut gehendes landwirtschaftliches Anwesen, das den Armen der Region medizinische Versorgung und Schulbildung bietet. Gern schicken die armen Bauern ihre Kinder in die angebliche „Kolonie der Würde" — doch die Kinder werden zu hunderten misshandelt und missbraucht.

Während der 17-jährigen Militärdiktatur in Chile ab 1973 steht die Colonia unter besonderem Schutz des Junta-Chefs Augusto Pinochet. Schäfers Schläger foltern in unterirdischen Kammern Oppositionelle und bilden Folterknechte für den Geheimdienst Dina aus. 1976 erwähnt die damalige UNO-Menschenrechtskommission die Colonia als Ort, in dem chilenische Regimekritiker festgehalten und gefoltert werden.

Ab und zu verbringen Pinochet und seine Frau Lucía ein Wochenende in der Kolonie. Der Diktator schwärmt anschließend von „einem Paradies der Ordnung und Reinheit, geschaffen von Deutschen in unserem sauberen Land". Mehrere deutsche Politiker besuchen ebenfalls die Kolonie, unter ihnen 1977 der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß.

Nach dem Ende der Militärdiktatur in Chile häufen sich die Vorwürfe und Anzeigen gegen die Colonia. Neben Kindesmissbrauch lauten diese auch auf Steuerhinterziehung, Waffenschmuggel, Freiheitsberaubung und Drogenmissbrauch. 1991 wird die Sektensiedlung offiziell aufgelöst. Am selben Ort entsteht die Villa Baviera mit Hotel und Restaurant.