Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 18.05.2019


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Schweigen mit und ohne Grund: Polizei veröffentlicht nicht jede Straftat

Nicht jede Straftat wird von der Tiroler Polizei veröffentlicht. In vielen Fällen aus nachvollziehbaren Gründen. Aber nicht immer, wie einige Beispiele zeigen.

Der Zusammenbruch der Haller Traglufthalle war der Polizei keine Meldung wert: weil niemand verletzt wurde, so die Begründung.

© zeitungsfoto.atDer Zusammenbruch der Haller Traglufthalle war der Polizei keine Meldung wert: weil niemand verletzt wurde, so die Begründung.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Ein Mord, ein Bankraub, ein Millionenbetrug: Das sind nur die schwersten jener Delikte, die von der Tiroler Polizei gar nicht oder nur mit mehrwöchiger Verzögerung veröffentlicht wurden. Zensurmaßnahmen aus Sorge um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bevölkerung? Keineswegs, versichert Stefan Eder vom Büro Öffentlichkeitsarbeit der Landespolizeidirektion: „Aber es gibt Kriterien wie den Opfer- und den Datenschutz, die wir berücksichtigen müssen.“

Beim – laut gerichtsmedizinischem Gutachten mit großer Wahrscheinlichkeit gewaltsamen – Tod einer ungarischen Prostituierten in einer Innsbrucker Badewanne (Jänner 2018) spielte der Opferschutz keine Rolle (mehr). Dennoch fand der Mord bis heute in keinem öffentlich zugänglichen Polizeibericht Erwähnung. „Weil einige Zeit unklar war, ob wir es überhaupt mit einem Gewaltverbrechen zu tun haben“, begründet Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamtes: Aber auch kriminaltaktische Überlegungen hätten in der Folge eine Rolle gespielt.

Kriminaltaktik war laut Eder auch der Grund, warum der Überfall auf ein Osttiroler Gasthaus Mitte April entgegen den üblichen Gepflogenheiten erst mit zweitägiger Verzögerung veröffentlicht wurde. Weil schon bald nach dem Raub ein Verdächtiger ins Polizeivisier geriet. „Daher warteten wir noch ab, bis der Fall geklärt war.“

Ein kurioser „Überfall“ am Unsinnigen Donnerstag (28. Februar) in einer Bankfiliale in Fulpmes blieb bis Ende März ein Amtsgeheimnis. Erst als die Polizei Zeugen suchte, kam der missglückte Raubversuch an die Öffentlichkeit: „Weil lange unklar war, ob es sich um einen Faschingsscherz oder einen Überfall handelte“, begründet Eder. Tatsächlich stellten sich nach dem Zeugenaufruf zwei junge Frauen, die den „Raubversuch“ mit einer Holzpistole als Faschingsscherz bezeichneten.

Bis heute in den Polizeiberichten unerwähnt blieb ein großangelegter Internet-Betrug. Dennoch ist bereits im März durchgesickert, dass ein Kitzbüheler und ein Innsbrucker bei Aktiengeschäften von einem kriminellen Netzwerk um insgesamt eine Million Euro geprellt wurden. „Für uns ist es oft schwierig zu beurteilen, ob es sich bei derartigen Fällen um privatrechtliche Angelegenheiten oder Straftaten handelt“, begründet Eder die polizeiliche Zurückhaltung.

Sexualverbrechen wie die versuchte Vergewaltigung einer Frau Anfang April in Innsbruck sind in den Polizeiberichten nur selten zu finden. „Aus Rücksicht auf die Opfer“, sagt Eder. Die Klärung des Vergewaltigungsversuchs wurde vor vier Tagen hingegen sehr wohl veröffentlicht. Abgesehen vom Opferschutz übt sich die Polizei auch bei Straftaten im Familienkreis in Zurückhaltung. Das gilt ebenso für Fälle, bei denen psychische Erkrankungen eine Rolle spielen.

Das Gerücht, dass Straßenüberfälle in Innsbruck nur in Absprache mit der Polizeiführung veröffentlicht werden, dementiert Eder: „Da gibt’s keine Interventionen.“ Dennoch kommt es immer wieder vor, dass derartige Straftaten durch den öffentlichen Rost fallen. Wie etwa der Überfall auf den stadtbekannten „Charly Chaplin“ im April 2017 in Innsbruck.


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