Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 20.05.2019


Exklusiv

Innsbrucker Gastronom bot 10.000 Euro für Finger-Abschneiden

Um die Zahlungsmoral seines Schuldners zu heben, soll ein Innsbrucker Gastronom den „Handschuh-Mann“ mit dem Abschneiden eines Fingers beauftragt haben. Dabei geriet er an einen verdeckten Ermittler.

Der Mitterweg: Hier verhandelte der Gläubiger mit dem verdeckten Ermittler, hier wurde er auch festgenommen.

© Vanessa Rachlé / TTDer Mitterweg: Hier verhandelte der Gläubiger mit dem verdeckten Ermittler, hier wurde er auch festgenommen.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Ein verzweifelter Gläubiger, der seine Lebensersparnisse in den Falschen investiert hat.

Ein vermeintlicher Miet-Schläger, der sich „Handschuh-Mann“ nennt und sich als verdeckter Ermittler erweist.

Ein ehemaliger Anwalt, dessen Rolle vom Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft hinterfragt werden muss.

Das sind die Hauptpersonen in einem grotesken Kriminalfall. Ein Kriminalfall mit einer Ouvertüre im Herbst 2017. Damals erfuhr ein erfolgreicher Innsbrucker Gastronom (60) über einen Freund von einem Investitionsmodell im Autobereich. Selbstverständlich mit hohen Renditen, von 30 bis 40 Prozent war die Rede. Als Vermittler trat ein Salzburger (49) auf. Der Innsbrucker war interessiert, blieb aber vorsichtig und investierte zunächst „nur“ 15.000 Euro. Das Geschäft platzte zwar, der 60-Jährige erhielt aber anstandslos seinen Einsatz zurück. Und fasste Vertrauen. 120.000 Euro wechselten von Tirol nach Salzburg, 42.000 flossen als Gewinnanteil zurück.

Als der vermeintliche Finanzprofi ein weiteres Geschäft – diesmal in Südafrika und mit einer Rendite von 8000 pro Monat lebenslang – in Aussicht stellte, schlug der Tiroler zu und investierte weitere 130.000 Euro.

Das war nicht das Ende vom Lied, aber der ersten Strophe. Denn der Gastronom wartete fortan vergeblich auf die versprochenen Renditen. Dem mutmaßlichen Betrüger gelang es zunächst, den 60-Jährigen immer wieder zu vertrösten. Aber schließlich musste der Innsbrucker einsehen, dass die gesamten Ersparnisse seines Lebens im Spielcasino und nicht in Südafrika investiert worden waren. Abzüglich der zurückerstatteten 57.000 Euro beträgt der Schaden 209.000 Euro.

Im August 2018 wandte sich das Opfer an seinen damaligen Anwalt. Dass der Advokat seine Karriere zu diesem Zeitpunkt bereits beendet hatte, wusste der Mandant nach eigenen Angaben nicht. Was dann geschah, ist unklar – die Schilderungen unterscheiden sich gravierend. Der Gastronom gibt an, er habe den Salzburger mithilfe seines Rechtsbeistands anzeigen wollen. Allerdings habe dieser ihm mehrfach davon abgeraten. Weil keine Aussicht auf Rückgabe des Geldes bestehen würde, zumal der Salzburger bereits in ein Isolvenz­verfahren verwickelt sei.

Stattdessen – so gibt der Geschädigte an – habe ihm der (Ex-)Anwalt bei mehreren Treffen empfohlen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Der Freund und Geschäftsvermittler, der bei der ersten der Besprechungen dabei war, bestätigt das auch: Der Anwalt sagte, „er habe jemand mit einem weißen Handschuh“, gab der Zeuge der Polizei zu Protokoll: Das sei einer, „der jemand (gegen Bezahlung; Anm.) körperlich etwas antut“, zitierte der Freund des Opfers seinen Rechtsberater. Auch die Frau des Gastronomen bestätigt, dass der Jurist vom Rechtsweg abgeraten und stattdessen einen Mann mit weißen Handschuhen ins Spiel gebracht habe. Der Salzburger „soll Schmerzen spüren, das hat er (der Ex-Anwalt; Anm.) mehrmals gesagt“, steht im Einvernahmeprotokoll der Zeugin.

Der belastete Jurist erzählte der Polizei hingegen eine ganz andere Geschichte: Er habe sehr wohl darauf hingewiesen, dass er kein Rechtsanwalt mehr sei. Und seinem Mandanten empfohlen, dem mutmaßlichen Betrüger eine Strafanzeige und Zivilklage in Aussicht zu stellen, um ihn zur Zahlung seiner Schulden zu bewegen. Der Gastronom sei es gewesen, der „einen mit Handschuhen“ ins Spiel gebracht hat. Er habe auch gefragt, „ob ich eine solche Person kennen würde“. Für den Anwalt jedenfalls das Signal, die Seite zu wechseln: Am 30. August meldete er dem Landeskriminalamt, er habe erfahren, dass ein Innsbrucker einem säumigen Gläubiger als Warnung einen Finger abschneiden lassen wolle. Der Auftakt für umfangreiche Ermittlungen.

Zwei Tage später traf sich der Gastronom mit dem „Handschuh-Mann“ in einem Lokal am Mitterweg. Dass der vom Ex-Anwalt vermittelte Miet-Schläger ein verdeckter Ermittler der Polizei war, konnte der Innsbrucker nicht wissen. Wie aus der Gesprächsaufzeichnung hervorgeht, vereinbarten die beiden nach langem Hin und Her, dass dem Salzburger für 10.000 Euro ein Finger abgeschnitten werden soll. Nachdem der Gläubiger 3000 Euro angezahlt hatte, klickten die Handschellen.

Jetzt wird der 60-Jährige von Anwalt Hermann Holzmann vertreten. Und der ist der Ansicht, dass sein Mandant zunächst vom Ex-Anwalt und dann vom verdeckten Ermittler zum brutalen Auftrag angestiftet wurde: „Der wollte das nie, hat sich aber überreden lassen.“ In der Folge hat der Anwalt erreicht, dass auch gegen seinen Ex-Kollegen Ermittlungen eingeleitet wurden. Holzmann ist weiters der Ansicht, dass das Protokoll vom Gespräch mit dem verdeckten Ermittler nicht vollständig sei. Daher beantragte er die „Ausfolgung der Tonbandaufnahme“.

Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.