Letztes Update am Mi, 12.06.2019 09:56

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Nach Schuldspruch für 85 Morde: Patientenmörder geht in Revision

Der verurteilte Ex-Pfleger Niels H. legt gegen sein Urteil Revision ein. Der 42-jährige ehemalige Krankenpfleger will die lebenslange Haft nicht hinnehmen. Die Überprüfung des Falls kann Monate dauern.

Rund sieben Monate dauerte der Prozess gegen Niels H.

© AFPRund sieben Monate dauerte der Prozess gegen Niels H.



Oldenburg – Der zu lebenslanger Haft verurteilte Serienmörder und Ex-Krankenpfleger Niels H. hat gegen die Entscheidung des Oldenburger Landgerichts Revisionsantrag gestellt. Das teilte die Pressestelle des Gerichts mit. Der 42-Jährige war in der vergangenen Woche wegen 85 Morden zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Zugleich hatte die Kammer die besondere Schwere der Schuld festgestellt, wodurch eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren in der Praxis so gut wie ausgeschlossen ist.

Die Anklage hatte eine Verurteilung wegen 97 Morden gefordert. Die Vertreter der Nebenklage hatte hinreichende Beweise für 99 Taten gesehen und außerdem die Anordnung der Sicherungsverwahrung verlangt.

Der in zwei früheren Prozessen bereits wegen sechs Patientenmorden verurteilte H. hatte während seiner Dienstzeit als Pfleger auf Intensivstationen über Jahre hinweg zahlreiche Menschen mit diversen Medikamenten vergiftet. Nach Feststellung des Gerichts wollte er lebensbedrohliche Zustände auslösen, um diese wiederzubeleben. Viele der Patienten starben. Seine genaue Motive sind größtenteils unklar.

Nach Überzeugung von Richtern, Staatsanwaltschaft sowie Gutachtern genoss er die dadurch ausgelöste innere Spannung und wollte sich vor Kollegen und Vorgesetzten als Retter präsentieren. Sachverständige bescheinigten ihm unter anderem auch Geltungssucht, Selbstbezogenheit und einen Mangel an Empathie. H. leidet demnach insgesamt unter einer Persönlichkeitsstörung, wurde allerdings als schuldfähig eingestuft.

Keine neue Beweisaufnahme

Angeklagt war H. wegen 100 Morden, in 15 Fällen entschied das Gericht aber nach dem Grundsatz „in dubio pro reo“ (im Zweifel für den Angeklagten) auf Freispruch. Sollte die Revision zugelassen werden, dann werden von einer höheren Instanz ausschließlich etwaige Verfahrens- oder Rechtsfehler geprüft und nicht etwa erneut Tatsachen.

Es findet keine neue Beweisaufnahme statt. Die Überprüfung dauert üblicherweise Monate. Ob darüber hinaus auch die Staatsanwaltschaft oder Nebenkläger das Urteil anfechten, war der Pressestelle des Gerichts nach eigenen Angaben zunächst unbekannt. Die Frist dafür endet am Donnerstag. (dpa)