Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 18.06.2019


Justiz und Kriminalität

Phänomen Racheporno: Dutzende Fälle auch in Tirol

Bozner und Innsbrucker Forscher wollen das Phänomen der Rachepornos ergründen. In Tirol werden jährlich mehrere dutzend Fälle angezeigt – die Dunkelziffer ist weit höher.

Als Rachepornos im engeren Sinn werden freizügige Videos oder Fotos bezeichnet, die ohne Einwilligung des abgebildeten Menschen veröffentlicht werden, um Druck aufzubauen oder Rache zu üben.

© dpaAls Rachepornos im engeren Sinn werden freizügige Videos oder Fotos bezeichnet, die ohne Einwilligung des abgebildeten Menschen veröffentlicht werden, um Druck aufzubauen oder Rache zu üben.



Von Benedikt Mair

Bozen, Innsbruck – Sie ist Hals über Kopf verliebt und will ihm seinen Wunsch nicht abschlagen. Immerhin meinte er, sie könne ihm vertrauen. Es sei nur für seine Augen gedacht. Also stellt sie sich nackt vor den Spiegel, schießt mit dem Handy ein Foto und schickt es ihm. Wenige Wochen später das bittere Erwachen – doch kein Traumprinz. Sie trennt sich von ihm. Er will sich das nicht gefallen lassen, ihr eins auswischen – und stellt die Nacktbilder ins Internet. Dieses Szenario ist zwar fiktiv, kommt aber so oder so ähnlich nicht selten auch in der Realität vor. Das Phänomen wird Racheporno genannt.

Als Rachepornos im engeren Sinn werden freizügige Videos oder Fotos bezeichnet, die ohne Einwilligung des abgebildeten Menschen verbreitet werden, um psychologischen Druck aufzubauen oder, wie der Name schon sagt, Rache zu üben. Auch das reine Drohen mit einer Veröffentlichung fällt in diese Kategorie. Eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung der Universität Bozen und mit Beteiligung von Wissenschaftern der Universität Innsbruck hat sich jetzt des Themas angenommen.

„Vertrau mir, es ist nur für mich“ heißt das Projekt, für das vergangene Woche der Startschuss fiel. Es gebe kaum wissenschaftliche Untersuchungen oder Statistiken rund um die Rachepornografie, sagt Kolis Summerer, Professorin für Strafrecht an der Uni Bozen. „Diese Forschungslücke möchten wir nun füllen.“ Einerseits wollen die Wissenschafter das Phänomen aus rechtlicher Sicht beleuchten, insbesondere in Italien. Andererseits soll auch zur Häufigkeit von rachepornografischen Delikten, der Motivation von Tätern und den Profilen der Opfer geforscht werden.

Margareth Helfer, assoziierte Professorin für italienisches Recht an der Universität Innsbruck, vergleicht bei dem Projekt die internationale Gesetzeslage zu Rachepornos und sagt: „Der österreichische Gesetzgeber war viel behutsamer als beispielsweise der italienische. Ich bin gegen Kriminalisierung. Damit wird meist nicht viel erreicht. Am sinnvollsten ist es, umfassend aufzuklären.“ Italien will Strafen gegen das Teilen intimer Fotos oder Videos ohne Zustimmung einführen, bis zu sechs Jahre Haft sollen für das unerlaubte Teilen intimer Fotos verhängt werden können. „Italiens geplantes Gesetz zu Rachepornos ist gezielt auf Bilder und Videos ausgelegt“, sagt Helfer. Der Paragraph 107 im Strafgesetzbuch, der in Österreich den Tatbestand regelt, greife da viel weiter, weil er auch die Veröffentlichung anderer intimer Details mit einschließe.

In Tirol werden jährlich Dutzende Fälle, die unter Rachepornografie fallen, zur Anzeige gebracht. Wie viele dann vor Gericht landen würden, lasse sich nur grob abschätzen, erklärt Thomas Willam, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft. „Es sind zwischen 50 und 60 pro Jahr. Wesentlich öfter wird damit gedroht, als dass veröffentlicht wird. Schwierig zu beziffern ist es deshalb, weil das Phänomen mehrere Tatbestände erfüllen kann: Von Nötigung über Datenschutzvergehen bis zur pornografischen Darstellung Minderjähriger.“

Am häufigsten verbreitet werden Rachepornos über soziale Netzwerke bzw. deren Messenger-Dienste, allen voran Facebook. Im Jahr 2017 wurde bekannt gemacht, dass weltweit monatlich rund 54.000 Fälle von Facebook geprüft werden müssen. Ebenfalls Instagram, Snapchat oder WhatsApp.

Auch Hans-Peter Seewald, Leiter der Abteilung Kriminalprävention in der Landespolizeidirektion Tirol, berichtet, dass „Fälle von Rachepornos gar nicht so selten vorkommen. Sie werden aber nicht immer angezeigt, weshalb es sicher eine hohe Dunkelziffer gibt.“ Wer unbedingt solche Aufnahmen von sich weitergeben wolle, solle Vorsicht walten lassen. „Beim Verschicken von intimen Bildern gilt jedenfalls der Grundsatz: Weniger ist mehr. Wenn, dann beispielsweise ohne Gesicht.“ Sollten doch private Aufnahmen ins Netz gelangen, rät Seewald dazu, Beweise für die Tat, wie etwa Screenshots, zu sammeln. „Und es dann bei der Polizei anzeigen.“