Letztes Update am Do, 18.07.2019 06:23

DPA / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


USA

Drogenboss „El Chapo“ muss lebenslang ins Gefängnis

Der mexikanische Ex-Drogenboss „El Chapo“ muss lebenslang hinter Gitter, ohne Aussicht auf vorzeitige Haftentlassung. Bleibt die Frage: Wo bringt man jemanden wie „El Chapo“, der schon mehrfach ausgebrochen ist, sicher unter?

"El Chapo" bei seiner Auslieferung an die USA.

© US DEPARTMENT OF JUSTICE"El Chapo" bei seiner Auslieferung an die USA.



New York – Der berüchtigte mexikanische Drogenbaron Joaquín „El Chapo“ Guzmán ist zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Das entschied ein New Yorker Gericht am Mittwoch zum Abschluss des Mammutprozesses gegen den einst mächtigsten Drogenboss der Welt. Das Strafmaß gegen den 62-Jährigen laute Die US-Justizbehörden haben die lebenslange Haftstrafe für den früheren mexikanischen Drogenboss Joaquín „El Chapo“ Guzmán als Sieg der Gerechtigkeit gefeiert. „Die lebenslange Strafe ist das einzige gerechte Ergebnis für jemanden, der sein Leben damit verbracht hat, Gift in unserem Land zu verbreiten“, sagte US-Staatsanwalt Fajardo Orshan nach der Verkündung des Strafmaßes am Mittwoch (Ortszeit). „Nie wieder wird er Gift in unser Land schütten können oder Millionen verdienen, während Unschuldige ihr Leben verlieren“, sagte US-Staatsanwalt Richard Donoghue.

Zuvor hatte Richter Brian Cogan mitgeteilt, dass Guzmán für den Rest seines Lebens ins Gefängnis muss. Der 62-Jährige wurde zu lebenslanger Haft plus 30 Jahre verurteilt und darf keinen Antrag auf vorzeitige Entlassung stellen. Cogan sprach von einer „überwältigenden Grausamkeit“ von Guzmáns Taten.

Guzmán kritisierte unfairen Prozess

Außerdem forderte das Gericht „El Chapo“ auf, eine Summe von 12,6 Milliarden Dollar (etwa 11,2 Milliarden Euro) zu zahlen. Dies sei eine „konservative Schätzung“ der Summe, die Guzmán aus der Drogenkriminalität eingenommen habe, hatte die Staatsanwaltschaft zuvor mitgeteilt.

Große Medienpräsenz am Mittwoch vor dem Gericht.
Große Medienpräsenz am Mittwoch vor dem Gericht.
- AFP

Er habe keinen fairen Prozess bekommen, kritisierte Guzmán, der während des Verfahrens zuvor nicht das Wort erhoben hatte, US-Medienberichten zufolge während der Anhörung. „Da mich die Regierung der Vereinigten Staaten in ein Gefängnis schicken wird, von wo aus mein Name nie wieder gehört werden wird, nutze ich diese Gelegenheit, um zu sagen, dass es hier keine Gerechtigkeit gegeben hat.“ Zudem beklagte er die Zustände seiner Einzelhaft als „psychologische, emotionale und mentale Folter 24 Stunden am Tag“. Bevor er abgeführt wurde, warf Guzmán, der in einem grauen Anzug erschienen war, seiner Frau Emma Coronel Aispuro, die unter den Zuschauern im Gerichtssaal war, einen Luftkuss zu.

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„Alles, was er wollte, war Gerechtigkeit – und die hat er schließlich nicht bekommen“, sagte Guzmáns Verteidiger Jeffrey Lichtman. „Es war ein Show-Prozess und zwar seit dem ersten Tag.“ Unter anderem hätten die Juroren entgegen der Vorschriften die Medienberichterstattung über den Prozess verfolgt. Raymond Donovan von der US-Drogenbekämpfungsbehörde sprach dagegen von „Gerechtigkeit, nicht nur für die mexikanische Regierung, sondern auch für alle Opfer von Guzmán in Mexiko“.

Schuldspruch in allen Fällen

In dem Prozess, einem der größten zu Drogenkriminalität in der Geschichte der USA, hatte eine Jury „El Chapo“ vor fünf Monaten in allen zehn Anklagepunkten für schuldig befunden – unter anderem wegen Beteiligung an einer Verbrecherorganisation, Herstellung und internationaler Verbreitung der Drogen Kokain, Heroin, Methamphetamin und Marihuana sowie wegen Geldwäsche und Gebrauchs von Schusswaffen. Die US-Regierung feierte den Schuldspruch als großen Erfolg und kündigte weiter hartes Vorgehen gegen Schmugglerkartelle an.

Die Staatsanwaltschaft hatte sich für eine lebenslange Haftstrafe ausgesprochen. Guzmáns Verteidiger hatten bis zuletzt erfolglos versucht, den Prozess neu aufrollen zu lassen. Die nach Bundesgesetz zulässige Todesstrafe war nach einer Einigung zwischen den USA und Mexiko, von wo aus Guzmán nach seiner Festnahme ausgeliefert worden war, ausgeschlossen. Der Ex-Drogenboss war 25 Jahre lang Chef des mächtigen Sinaloa-Kartells. Experten zufolge ist dessen Einfluss aber auch ohne Guzmán ungebrochen.

Joaquín „El Chapo“ Guzmán war in Mexiko verhaftet und Anfang 2017 an die USA ausgeliefert worden.
Joaquín „El Chapo“ Guzmán war in Mexiko verhaftet und Anfang 2017 an die USA ausgeliefert worden.
- APA/AFP/RONALDO SCHEMIDT

Guzmán, der wegen seiner Körpergröße von 1,64 Meter den Spitznamen „El Chapo“ („der Kurze“) trägt, ist derzeit in einem Hochsicherheitsgefängnis in New Yorks Stadtteil Manhattan eingesperrt. In Mexiko gelang es dem Ex-Drogenboss bereits zweimal, aus dem Gefängnis auszubrechen: 2001 entkam er in einem Wäschekorb und 2015 durch einen Tunnel, den Komplizen bis unter seine Zelle gegraben hatten. Es gilt als wahrscheinlich, dass Guzmán nun in ein Hochsicherheitsgefängnis im US-Bundesstaat Colorado verlegt wird – dort sitzen auch zahlreiche andere Schwerverbrecher ein – plus symbolische weitere 30 Jahre Haft, sagte Richter Brian Cogan.

Zahlung über 12,6 Milliarden Dollar gefordert

Das Gericht ordnete zudem an, Milliardeneinnahmen aus Guzmáns Drogengeschäften zu beschlagnahmen. Damit folgte das Gericht den Forderungen der Anklage. Sie hatte vergangene Woche argumentiert, Guzmán sei ein „erbarmungsloser und blutrünstiger Anführer des Sinaloa-Kartells“ gewesen. Die vom Gericht geforderte Zahlung von 12,6 Milliarden Dollar (11,2 Milliarden Euro) bezieht sich auf die geschätzten Einnahmen, die Guzmans Sinaloa-Kartell in den vergangenen Jahrzehnten erzielte. Die Anwälte des früheren Kartell-Chefs kündigten umgehend an, Berufung gegen das Urteil einzulegen.

Die Staatsanwaltschaft hatte „El Chapo“ in dem New Yorker Mammutprozess für den Schmuggel oder versuchten Schmuggel von 1200 Tonnen Kokain, mehr als 49 Tonnen Marihuana, mehr als 200 Kilogramm Heroin und großen Mengen Methamphetamin in die USA verantwortlich gemacht. Bereits im Februar wurde der langjährige Chef des berüchtigten Sinaloa-Kartells in sämtlichen Anklagepunkten schuldig gesprochen, darunter wegen Drogenschmuggels in großem Stil, Waffenhandels und Geldwäsche.

Zwei spektakuläre Gefängnisausbrüche

Guzmán galt als der mächtigste Drogenbaron seit dem Kolumbianer Pablo Escobar. Für Schlagzeilen sorgte er auch durch zwei spektakuläre Gefängnisausbrüche. Ein halbes Jahr nach seinem letzten Ausbruch im Juli 2015 wurde er in seinem Heimat-Bundesstaat Sinaloa festgenommen und ein Jahr später an die USA ausgeliefert. Dort begann im November sein Prozess.

El Chapo ist für den Tod vieler Menschen verantwortlich.
El Chapo ist für den Tod vieler Menschen verantwortlich.
- AFP

Guzmán soll seine Haftstrafe voraussichtlich in dem Hochsicherheitsgefängnis „ADX Florence“ im Bundesstaat Colorado verbüßen. Aufgrund seiner isolierten Lage und der rigorosen Sicherheitsvorkehrungen trägt die Haftanstalt auch den Beinamen „Alcatraz der Rockies“ – in Anspielung auf die berüchtigte Gefängnisinsel vor San Francisco.

Vor der Verkündung des Strafmaßes ergriff Guzmán am Mittwoch im Gerichtssaal selbst das Wort. Die ersten öffentlichen Äußerungen seit seiner Auslieferung in die USA dürften zugleich die letzten gewesen sein. Der 62-Jährige sagte, er habe keinen fairen Prozess erhalten. Während seiner Haft sei er außerdem „24 Stunden am Tag“ körperlich und psychisch gefoltert worden. Zudem beklagte er, dass er seine Zwillingstöchter vor dem Antritt seiner Haftstrafe nicht mehr umarmen durfte. Seine Frau Emma Coronel sah Guzmán im Gerichtsaal wohl das letzte Mal.

Für Tod von mindestens 26 Menschen verantwortlich

Guzmán hat sich für seine Taten nie entschuldigt. Er soll verantwortlich sein für den Tod von mindestens 26 Menschen, die er ermorden ließ oder selbst umbrachte. Zu seinen Opfern zählten Informanten, Mitglieder verfeindeter Drogenkartelle, Polizisten und sogar seine eigenen Verwandten.

Der Ort Sinaloa hat den berühmten Drogenboss längst als lukrative Einnahmequelle entdeckt.
Der Ort Sinaloa hat den berühmten Drogenboss längst als lukrative Einnahmequelle entdeckt.
- AFP

Guzmáns Anwalt William Purpura sagte, sein Mandant richte seinen Blick nun auf seine Berufung. Staatsanwalt Richard Donoghue bekräftigte nach der Verkündung des Strafmaßes aber, dass der berüchtigte Drogenbaron „jede einzelne Minute“ seines restlichen Lebens in US-Haft verbringen und nie wieder „Gift über unsere Grenzen bringen werde“.

Guzmáns Kartell ist aber trotz der Verhaftung seines früheren Anführers weiter in den USA aktiv. Nach Angaben der New Yorker Staatsanwältin Bridget Brennan nimmt das Sinaloa-Kartell weiterhin die führende Rolle beim Drogenschmuggel in die Vereinigten Staaten ein. (dpa/APA/AFP)

Emma Coronel Aispuro, die Frau von Joaquín Guzmán, nach dem Prozess.
Emma Coronel Aispuro, die Frau von Joaquín Guzmán, nach dem Prozess.
- AFP