Letztes Update am Do, 01.08.2019 06:32

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Innsbruck-Land

Wolf im Sellrain: In den Bauch geschossen und geköpft

Auch wenn das Ergebnis der DNA-Analyse noch aussteht: Die Experten des Landes gehen davon aus, dass am Dienstag in Sellrain der Kadaver eines Wolfes gefunden wurde. Es gibt scharfe Kritik an dem Abschuss.

Pilzesammler fanden Dienstagnachmittag den Kadaver eines Wolfes im Gemeindegebiet von Sellrain.

© LPD TirolPilzesammler fanden Dienstagnachmittag den Kadaver eines Wolfes im Gemeindegebiet von Sellrain.



Von Benedikt Mair

Innsbruck, Sellrain — Die Beine weit von sich gestreckt, das Fell verdreckt, vom Kopf fehlte jede Spur — dieses Bild bot sich Dienstagnachmittag Pilzesammlern, die unter einer Baumgruppe auf dem Gemeindegebiet von Sellrain, oberhalb von St. Quirin, einen Tierkadaver entdeckten. Bereits kurze Zeit später kam, wie berichtet, der Verdacht auf: Es könnte sich um einen verendeten Wolf handeln. Obwohl eine Analyse der DNA-Proben noch aussteht, teilten die Experten des Landes, nach einer ersten Begutachtung, gestern in einer Pressekonferenz mit, dass das tote Tier wohl ein Wolf ist.

„Wir müssen zumindest stark davon ausgehen", sagte Martin Janovsky, Beauftragter des Landes Tirol für großer Beutegreifer. Wie lang es tot ist, konnte nicht herausgefunden werden. Es wurden Gewebeproben entnommen und an das Forschungsinstitut für Wildtierkunde an die Veterinärmedizinische Universität Wien geschickt, um final zu klären, ob es nun ein Wolf oder doch ein Hund oder Wolfshund war.

Was seit gestern Nachmittag gesichert fest steht: Auf das Tier wurde geschossen. Bei der pathologischen Untersuchung des Kadavers, die bei der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) in Innsbruck durchgeführt wurde, sei eine „schwere Schussverletzung im Bauchraum" festgestellt worden, teile Martin Janovsky mit. „Diese dürfte aber nicht zum unmittelbaren Verenden des Tieres geführt haben. Es handelt sich um ein ausgewachsenes Tier, im aufgefundenen Zustand etwa 32,5 Kilogramm schwer. " Der Beutegreifer-Beauftragte hielt fest, dass die unmittelbaren Todesursache aufgrund des fehlenden Schädels aber nicht schlussendlich geklärt werden könne. Ob der Schädel abgeschnitten oder anderweitig vom Körper abgetrennt wurde, ist unbekannt. Ebenfall unklar ist, ob das Tier am Fundort getötet oder dort nur abgelegt wurde.

Gerhard Niederwieser, Bezirkspolizeikommandant Innsbruck-Land, Martin Janovsky, Beauftragter für große Beutegreifer und Klaus Wallnöfer, Vorstand der Abteilung Jagd und Fischerei (rechts oben von links nach rechts) beurteilten Fotografien des Fundes.
Gerhard Niederwieser, Bezirkspolizeikommandant Innsbruck-Land, Martin Janovsky, Beauftragter für große Beutegreifer und Klaus Wallnöfer, Vorstand der Abteilung Jagd und Fischerei (rechts oben von links nach rechts) beurteilten Fotografien des Fundes.
- Land Tirol/Sidon

Wer hat den Schuss abgegeben? Dieser Frage geht die Polizei nach. „Wir ermitteln gegen einen unbekannten Täter", sagte Gerhard Niederwieser, Polizeikommandant des Bezirkes Innsbruck-Land. „Am Dienstag wurde die Polizeiinspektion Kematen kurz vor 14 Uhr über das Auffinden des Kadavers informiert." Die Beamten hätten laut Niederwieser auch Fotos zugeschickt bekommen, daraufhin die zuständigen Behörden und den Amtstierarzt eingeschaltet. Umgehend sei die „Arbeit am Tatort" aufgenommen worden. „Es sind bislang aber keine Projektile gefunden worden, die auf die Tatwaffe schließen lassen würden", stellt der Bezirkspolizeikommandant klar.

Ob bei der pathologischen Untersuchung, bei welcher der Kadaver laut dem Beutegreifer-Beauftragten Janovsky, auch geröntgt werden sollte, Geschosse oder irgendwelche andere Metallteile gefunden werden konnten, wurde von den Behörden gestern nicht kommuniziert.

Wie Bezirkskommandant Niederwieser betonte, seien in dem Fall schon erste Gespräche mit der Staatsanwaltschaft geführt worden. „Offizielle Anzeige ist bei uns aber noch keine eingegangen", erzählte Thomas Willam, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, gestern Nachmittag auf Nachfrage der Tiroler Tageszeitung. Deshalb wollte Willam die Geschehnisse in Sellrain nicht direkt kommentieren. „Ganz generell lässt sich aber sagen, dass beim Töten eines Wolfes höchstwahrscheinlich zwei Tatbestände erfüllt werden könnten. Einerseits jener der Tierquälerei. Für das mutwillige Töten eines Wirbeltieres sind Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren vorgesehen", erklärte Willam. „Auch eine vorsätzliche Schädigung des Tier- oder Pflanzenbestandes, die in Tirol sehr selten angeklagt wird, könnte vorliegen. Das kann ebenfalls mit bis zu zwei Jahre Haft bestraft werden."

Nicht in jedem Fall sei das Abschießen eines Wolfes aber eine strafbare Handlung, betonte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wenn der Schütze etwa in Notwehr handle, weil das Tier ihn angegriffen hat, oder er „seine Schafe davor schützen wollte gerissen zu werden Sofern bei uns eine Anzeige eingeht, müssen wir jedenfalls im Detail prüfen, was zu verfolgen ist."

In den vergangenen Wochen hatte es im Gebiet zwischen dem Sellrain- und dem Inntal immer wieder Aufregung wegen von Wölfen und Bären gerissener Schafe gegeben. Zumindest bei vier toten Weidetieren, die in Oberperfuss gefunden wurden, konnte per DNA-Test nachgewiesen werden, dass ein Wolf dafür verantwortlich war — ob es sich dabei um das in Sellrain gefundene Individuum handelt, könnte in der kommenden Woche bekannt werden, wenn die Ergebnisse der DNA-Analyse aus Wien in Tirol eintreffen. Beutegreifer-Beauftragter Janovsky gab aber zu bedenken, dass das „durch die genetische Untersuchung wahrscheinlich nicht restlos geklärt werden kann."

Außerdem wurde gestern bekannt, dass am Dienstag zwei Schafskadaver in der Gemeinde Gries im Sellraintal und zwei Schafskadaver in der Gemeinde Inzing gefunden wurden. Hierzu laufen die Untersuchungen noch.

Wie geht es jetzt weiter? „Nun geht es darum, Ermittlungs- und Untersuchungsergebnisse abzuwarten", sagte Klaus Wallnöfer, Leiter der Abteilung Landwirtschaftliches Schulwesen, Jagd und Fischerei. „Sobald weitere Information vorliegen, werden wir gemeinsam die weiteren Schritte abstimmen."

Wann es soweit sein wird, weiß derzeit niemand. Ungeachtet dessen, löste die Meldung des getöteten Wolfes in Sellrain gestern teils heftige Reaktionen aus. „Wenn Wilderer in Wildwest-Manier den europaweit streng geschützten Wolf ausrotten wollen, ist das kein Kavaliersdelikt, sondern ein krimineller Straftatbestan", konstatierte etwa Christian Pichler, Wolfs- Experte bei der Umweltorganisation WWF. Gebi Mair, Klubobmann der Grünen im Tiroler Landtag, meinte, dass Selbstjustiz in Tirol keinen Platz habe. „Und es darf schon gar nicht durch tagelange Zurufe von Entscheidungsträger und Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft befeuert werden." Darunter auch der zuständige Jagdleiter von Sellrain und Tiroler SPÖ-Chef, Georg Dornauer. Er postete kürzlich ein Foto auf Instragram mit einem Jagdgewehr und dem ironischen Spruch: „Bärenjagd im Sellraintal".

Reaktionen: „Wilderer in Wildwest-Manier“ und „grausame Selbstjustiz“

Bürgermeister Georg Dornauer, Jagdleiter im Sellrain: „Wilderei ist Unrecht und wird in Sellrain auf das Schärfste verurteilt. Als Bürgermeister und Jagdleiter stehe ich für volle Aufklärung ein. Als Gemeinde und Jagdgenossenschaft werden wir bestmöglich mit den Behörden kooperieren. Die Rückkehr von Bär und Wolf hat zuletzt für Verunsicherung in der Bevölkerung gesorgt. Die politische Debatte in Tirol ist das eine. Der Abschuss eines Wildtieres ist aber in keinster Weise gedeckt und muss Konsequenzen haben."

Gebi Mair, Grünen-Klubobmann im Tiroler Landtag: „Wird 'aus Spaß' zur Bärenjagd im Sellrain aufgerufen und auch aus der Landwirtschaft und dem Tourismus immer wieder lautstark der Abschuss gefordert, obwohl die Behörde nach intensiver Prüfung keinen Anlass gesehen hat, dann versteht das mancher offensichtlich als Freibrief. Da sollten sich alle mal hinterfragen, was sie zu dieser grausamen Selbstjustiz beigetragen haben. Wenn Menschen sich über das Gesetz stellen, dann haben wir ein ernstes Problem."

Anton Larcher, Tirols Landesjägermeister: „Die Tiroler Jägerschaft ist stets aufgerufen, sich an geltende Gesetze zu halten. Daher ist ein jeder gesetzesloser Abschuss abzulehnen. Von wem auch immer er getätigt wurde. Leider ist ein Abschuss für mich ein Indiz, dass sich die Fronten weiter verhärtet haben. Zwischen denen, die eine Wiederansiedlung von Wolf und Bär unreflektiert sowie unkontrolliert fordern, und jenen, die darunter zu leiden haben. Wir sehen in den Großraubtieren keine Konkurrenz und streben auch keine aktive Bejagung an. Wir sind aber auch nicht gerne die Problem-Löser für zoologische Experimente anderer."

Josef Hechenberger, Präsident der Landwirtschaftskammer Tirol: „Diese Methoden sind aufs Schärfste zu verurteilen. Ja, wir streben langfristig die Senkung des hohen Schutzstatus des Wolfes an, und ja, wir fordern, dass Problemwölfe gezielt entnommen werden können. Illegale Abschüsse können aber nicht die Lösung des Problems sein und dürfen nicht gebilligt werden."

Christian Pichler, Wolfs-Experte beim WWF: „Wenn Wilderer in Wildwest-Manier den europaweit streng geschützten Wolf ausrotten wollen, ist das kein Kavaliersdelikt, sondern ein krimineller Straftatbestand. Bei der Strafverfolgung und Prävention solcher Delikte gibt es Verbesserungsbedarf. Politik und zuständige Behörden müssen dem Thema künftig mehr Aufmerksamkeit widmen, bevor sich derartige Fälle weiter häufen."