Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 19.09.2019


Österreich

Häusliche Gewalt: Österreich bei Frauenmorden Spitzenreiter

2018 wurden in Österreich 41 Frauen ermordet, so viele wie nirgends in der EU. Heuer waren es bis Juli 14. Frauenhäuser kritisieren Behörden.

Gewalt geht alle an: Experten von Erwachsenenvertretung, Justiz, Frauenhäusern und Männerberatung referierten am Staatsanwälte-Forum.F

© FellnerGewalt geht alle an: Experten von Erwachsenenvertretung, Justiz, Frauenhäusern und Männerberatung referierten am Staatsanwälte-Forum.F



Kössen - „Gewalt als Herausforderung für die Gesellschaft" lautete am Mittwoch in Kössen das Thema am Forum der Staatsanwälte. Neueste Zahlen der österreichischen Frauenhäuser ließen aufhorchen. Nachdem Österreich bereits 2018 mit 41 Frauenmorden zur traurigen Spitze Europas gezählt hatte, erörterte Frauenhaus-Geschäftsführerin Maria Rösslhumer, dass es heuer bis zur Jahreshälfte erneut zu 14 Morden gekommen sei. 2014 waren es ganzjährig noch 19 weibliche Todesopfer gewesen. Beim überwiegenden Teil der Morde bestand ein Beziehungs- oder familiäres Verhältnis zwischen Täter und Opfer.

Laut Rösslhumer, die auch der „Frauenhelpline gegen Gewalt" vorsteht, war bereits jede fünfte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr physischer oder sexueller Gewalt ausgesetzt. Jede dritte Frau wurde seither sexuell belästigt, jede siebte war von Stalking betroffen.

Gewalt führt nicht immer zu einer Sanktion

Gewalt kennt keine Grenzen und zeigt sich in immer neuen Facetten. Eine Herausforderung für Betreuungsorganisationen und den Gesetzgeber. Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der 15 „autonomen Frauenhäuser" (mit Haus in Innsbruck), nahm jedoch auch die Behörden in die Pflicht: „41 Frauenmorde letztes Jahr als Europarekord, heuer sind es schon wieder 14. Wir haben nicht den Eindruck, dass gegen Täter lückenlos ermittelt wird. Nur zehn Prozent der Anzeigen führten zu Verurteilungen", so Rösslhumer beim Forum der Staatsanwälte der Innsbrucker Oberstaatsanwaltschaft.

Rösslhumer: „Es wird viel zu oft gleich eingestellt. Dabei ist jede Einstellung ein Schlag ins Gesicht jeder dieser Frauen. Wir wissen schon gar nicht mehr, wie wir diese hochrisikogefährdeten Frauen schützen sollen. Dabei gab es bei Frauenmördern zu 92 Prozent bereits amtsbekannte Vordelikte oder Wegweisungen!"

Die Anklagevertreter wollten den Vorwurf der Laxheit bei Ermittlungen aber nicht auf sich sitzen lassen. Erste Staatsanwältin Renate Nötzold von der Innsbrucker Staatsanwaltschaft: „Wir ermitteln gründlich, sind jedoch an die Aussagen der Opfer und an die Gesetze gebunden. Zu nicht ausgesagten Sachverhalten können wir nicht ermitteln oder beispielsweise von Nachbar zu Nachbar gehen, ob jemand etwas gehört hat. Ist eine Anzeige zu wenig konkret, gilt auch bei Ermittlungen ,im Zweifel für den Beschuldigten'. Zuletzt ziehen Opfer — oftmals auch zu unserem Ärger — ihre Aussagen wieder zurück. Wir dürfen diese dann nicht verwerten und müssen das Verfahren einstellen", gab die erfahrene Anklägerin Einblick in die Praxis.

Alexander Haydn von der Wiener Männerberatung monierte hingegen eine Barriere hin zur Täterarbeit: „Von 9000 weggewiesenen Männern landen nicht einmal zehn Prozent bei uns. Uns geht es nicht unbedingt um die Verurteilung des Täters, sondern wir wollen ihm zeigen, wie er gewaltfrei durchs Leben gehen kann — das wäre ja auch der beste Opferschutz." (fell)