Letztes Update am Di, 08.10.2019 09:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kitzbühel

Fünffachmord: Kamera soll Suizid verhindern, Obduktionsergebnis liegt vor

Nach dem Auslöschen einer Familie in Kitzbühel wird der Beschuldigte in seiner Zelle rund um die Uhr überwacht. Am Dienstag wurden die Obduktionsergebnisse veröffentlicht. Eine Psychiaterin vergleicht Tat mit einem Schulmassaker.

Kerzen und Blumen als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls am Tatort im Kitzbüheler Stadtteil Vordergrub.

© ZOOM.TIROLKerzen und Blumen als Zeichen der Trauer und des Mitgefühls am Tatort im Kitzbüheler Stadtteil Vordergrub.



Kitzbühel — Vor dem Haus der ausgelöschten Familie im Stadtteil Vordergrub stehen Kerzen und Rosen, eine schwarze Fahne flattert vor dem Kitzbüheler Rathaus: Nach dem unfassbaren Gewaltverbrechen am Sonntagmorgen, bei dem fünf Menschen ihr Leben verloren, ist die Bezirkshauptstadt im Schockzustand. „Alles läuft schaumgebremst, das einzige Gesprächsthema ist der Fünffachmord", sagt ein Kitzbüheler: Von den 8000 Einwohnern habe ja fast jeder einen Bezug zu einem der Opfer oder auch zur Familie des Mordverdächtigen. „Alle waren bestens integriert und nahmen auch am Vereinsleben teil."

Der 25-jährige Mitarbeiter einer Baufirma ist seit Montagmittag offiziell in der Innsbrucker Justizanstalt in Untersuchungshaft. Und zwar in einer Zelle mit Videoüberwachung. Eine Vorsichtsmaßnahme, um einen etwaigen Suizidversuch rechtzeitig vereiteln zu können.

Obduktion: Alle Schüsse aus sehr kurzer Distanz

Die am Dienstag von der Polizei veröffentlichten Obduktionsergebnisse ergaben, dass alle Opfer durch Schüsse aus sehr kurzer Distanz zu Tode kamen. Das vom Beschuldigten ebenfalls mitgeführte Messer sowie der Baseball-Schläger wurden laut den Gerichtsmedizinern für die Tatbegehung nicht verwendet. Über die Anzahl der abgegebenen Schüsse und Treffer gebe es aus taktischen und aus Pietätsgründen keine detaillierte Auskunft.

Sonntag gegen sechs Uhr hat der Beschuldigte bei der Kitzbüheler Polizei Selbstanzeige erstattet und in der Folge den fünffachen Mord gestanden. „Der Verdächtige schilderte das Geschehen strukturiert und nüchtern", erklärt Walter Pupp, Leiter des Landeskriminalamtes (LKA): „Er wirkte keineswegs betrunken, sondern war vernehmungsfähig. Auch das Motiv kam zur Sprache — der Kitzbüheler nannte Eifersucht als Auslöser. Seit 2014 war er mit dem 19-jährigen Opfer liiert, ehe die Verlobte die Beziehung vor etwa zwei Monaten beendete. Zuletzt gab es mit dem aus Oberösterreich stammenden Eishockey-Spieler Florian Janny (24) einen neuen Mann an ihrer Seite.

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Den Samstagabend verbrachte die 19-Jährige bei einer Feier ihrer Firma, später in einem bekannten Kitzbüheler Lokal. Dort kam es zu einem Zusammentreffen mit dem Ex. Zeugen wollen den 25-Jährigen später weinend vor der Bar gesehen haben. Später tauchte der Verdächtige beim Haus seiner Ex auf, wurde aber von deren Vater (59) abgewiesen. Gegen 5.30 Uhr kehrte er mit der Pistole seines Bruders zurück. Der 59-Jährige starb noch an der Haustür, sein Sohn (25) und seine Frau (51) in ihren Betten. Dann brach der 25-Jährige in die Einliegerwohnung seiner Ex-Verlobten ein. Auch sie starb im Bett. Janny wollte flüchten, wurde aber ebenfalls von einer tödlichen Kugel getroffen.

Warum riss nicht schon der erste Knall alle aus den Betten? Eine Frage, die auch Pupp nicht beantworten kann: „Vielleicht haben sie den Schuss nicht als solchen wahrgenommen. Aber das werden wir nie erfahren."

Und warum musste die ganze Familie sterben? „Die Tat ist nur die Spitze des Eisbergs, das Wesentliche passiert schon vorher", sagt die Wiener Psychiaterin Sigrun Roßmanith, ohne auf den konkreten Fall eingehen zu wollen: „Ein Racheakt kann sich gegen eine Person richten oder auch gegen das Umfeld." Für die Expertin ist der Ablauf nicht überraschend. Nach der Trennung kommen Wut, Hass und auch Angst auf, „Gewaltfantasien entstehen, dann Realisierungsfantasien", vergleicht Roßmanith die Tat von Kitzbühel mit einem Schulmassaker. Durch einen neuen Partner schwindet endgültig jede Hoffnung, dann werde der Racheplan umgesetzt. Mit dem Geständnis wird signalisiert, dass der Täter zu dem steht, was er getan hat.

Auf der ganzen Welt herrschen Fassungslosigkeit und Entsetzen

Der Fünffachmord von Kitzbühel macht fassungslos — in Tirol, Österreich, der ganzen Welt. Dutzende Zeitungen, Radiostationen und Fernsehanstalten von Deutschland über Großbritannien bis in die Vereinigten Staaten und sogar Australien berichteten über die Tragödie.

Die britische Boulevard-Zeitung The Sun schreibt in ihrer Online-Ausgabe etwa über den „eifersüchtigen Schützen", der „seine Ex, ihren neuen Freund und ihre ganze Familie in ihren Betten" tötete. Der Mirror, ebenfalls eine Zeitung aus Großbritannien, titelte online: „Ruhige Worte des Schützen, nachdem er seine Ex, ihre Familie und den neuen Freund getötet hatte".

Die deutsche Bildzeitung berichtete sowohl in ihrer gestrigen Print-Ausgabe als auch online ausführlich über die Morde, stellte sich auch die Frage, warum Menschen aus Eifersucht ausrasten und zu Gewalttätern werden. Auf der Internet-Seite der Süddeutschen Zeitung wurden Vergleiche zu Morden an Frauen und Familientragödien in Deutschland gezogen.

Die Herald Sun, Australiens größte Tageszeitung, beruft sich in ihrem Bericht auf die New York Post: „Sitzengelassener tötet fünf Menschen im Haus der Ex in österreichischer Ski-Stadt". Und: „Von 73 Mordopfern in Österreich im vergangenen Jahr waren 41 Frauen."

Schlagzeilen aus ganz Europa.
Schlagzeilen aus ganz Europa.
- Collage TT

Heftige Debatte im Internet

Kurz nach Bekanntwerden des Fünffachmordes in Kitzbühel überschlugen sich in den sozialen Netzwerken die Spekulationen über das Umfeld des mutmaßlichen Täters und der Opfer. Teilweise wurden die vollen Namen sowie Bilder der Personen veröffentlicht. Für Aufsehen sorgte ein Facebook-Posting der SPÖ Lang­enzersdorf (NÖ). Mit dem Hashtag „#nächsterFPÖAmok­lauf" postete sie, dass der Tatverdächtige „glühender FPÖler" gewesen sei, Worte wie „Nigga" verwendet habe und auf Autobahnen 220 gefahren sei. Am Montag wurde das Posting wieder gelöscht und eine Entschuldigung veröffentlicht, die SPÖ Niederösterreich distanzierte und entschuldigte sich und kündigte Konsequenzen für die Verantwortlichen an. Auch das Netz reagierte heftig auf das Posting. „Wie krank muss man

frau im Kopf denn sein, dass man/frau angesichts dieser Tragödie versucht, daraus auf die widerlichste Art und Weise politisches Kapital zu schlagen", meint etwa NR Josef Lettenbichler (ÖVP) auf Facebook.

Die FPÖ bestätigte per Aussendung, dass der mutmaßliche Täter im Jahr 2014 für zwei Monate Mitglied der Stadtparteileitung der FPÖ Kitzbühel war, nach seinem Ausscheiden aber einfaches Parteimitglied. Noch am Sonntag habe man den Parteiausschluss über den mutmaßlichen Täter verhängt, wegen Gefahr im Verzug. „Abschließend darf ich im Namen der Freiheitlichen Partei den Angehörigen der Opfer unsere aufrichtigste Anteilnahme versichern", so Landespartei­generalsekretär LA Patrick Haslwanter. (tom, bfk, np, TT.com)