Letztes Update am Mi, 16.10.2019 16:49

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Niederlande

Familie festgehalten: Österreicher der Freiheitsberaubung verdächtigt

Ein Österreicher sperrt fünf junge Menschen und deren bettlägerigen Vater jahrelang in den Niederlanden in einem kleinen Raum ein. Der Fall gibt Ermittlern Rätsel auf. Der 58-Jährige wurde festgenommen. Der Wirt spricht über die erste Begegnung mit dem geflohenen Mann, die Behörden halten sich bedeckt.

Die Ermittlungen rund um den Bauernhof, wo sechs Menschen offenbar völlig isoliert gelebt haben, dauern weiter an.

© dpaDie Ermittlungen rund um den Bauernhof, wo sechs Menschen offenbar völlig isoliert gelebt haben, dauern weiter an.



Ruinerwold, Amsterdam, Wien – Der im Fall einer isoliert lebenden Familie auf einem Bauernhof in Ruinerwold in den Niederlanden festgenommene 58-jährige Österreicher wird der Freiheitsberaubung verdächtigt. Das teilte die niederländische Staatsanwaltschaft am Mittwoch mit. Der gebürtige Wiener war am Dienstag festgenommen worden.

Laut österreichischem Außenministerium will der 58-Jährige keinen Kontakt mit den heimischen Behörden. „Er wünscht keinen Kontakt zur österreichischen Botschaft in Den Haag und will keine konsularische Hilfe“, sagte der Außenministeriumssprecher, Peter Guschelbauer, der APA. Die Behörden warten nun die Ermittlungen in den Niederlanden ab.

Aber aufgrund seiner Ablehnung von Hilfe werden keine weiteren Details aus Datenschutzgründen bekannt gegeben. Bei den Festgenommenen handelt es sich um einen Wiener, der 2010 von Oberösterreich aus dem Bezirk Perg aus in die Niederlande ausgewandert ist.

Mann lebte zurückgezogen in Oberösterreich

In Perg habe der Mann zuvor sehr zurückgezogen gelebt. Als „unauffällig und zurückgezogen“ beschrieb ihn der Bürgermeister dieser Gemeinde am Mittwoch. Im Ort habe man gerüchteweise davon gehört, dass er in die Niederlande ausgewandert sei. Ein- bis zweimal habe er den 58-Jährigen getroffen, berichtete der Bürgermeister weiter. Zudem sei der Mann bei der Gemeinde vorstellig geworden, um dort mitzuteilen, dass er ein Tischlergewerbe betreibe: „Nachdem es aber ausreichend Handwerker im Ort gab, wurden seine Dienste nie in Anspruch genommen.“

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Weitere Kontakte gab es mit dem laut niederländischen Ermittlern gebürtigen Wiener dann während der rund zehn Jahre, die er in der kleinen Gemeinde verbrachte, keine mehr. Laut dem Bürgermeister führte der Mann eine „unauffällige“ Existenz und fiel nicht weiter auf, er lebte den Erinnerungen nach ein „zurückgezogenes Leben“ und war offenbar die ganze Zeit über alleinstehend.

Vor neun Jahren hat sich der 58-Jährige dann in Ruinerwold in der Provinz Drenthe niedergelassen und den Bauernhof angemietet. Er dürfte in der Gegend auch als Tischler gearbeitet haben. Wie er die Familie kennengelernt hat und warum die fünf Kinder und der Vater in dem von ihm angemieteten Gebäude wohnten, ist unklar. Der Österreicher selbst dürfte nämlich nicht dort gelebt haben. Nach Angaben der deutschen Nachrichtenagentur dpa kam er nur regelmäßig vorbei und hat Reparaturarbeiten erledigt.

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Mutter der Kinder bereits 2004 gestorben

Die Mutter dürfte bereits 2004 gestorben sein, seitdem kümmerten sich die Kinder auch um den Vater, der zuletzt bettlägerig war. Am Montag ging schließlich der älteste Sohn in ein Lokal und berichtete dem Wirt, dass er weggelaufen sei, Hilfe brauche und nicht mehr nach Hause könne. Der 25-Jährige habe auch geschildert, dass er neun Jahre lang nicht mehr draußen gewesen sei. Er habe verwirrt und fasziniert von den vielen Leuten um ihn herum gewirkt und gleich fünf Bier auf einmal bestellt, berichtete der Wirt. Er schaltete die Polizei ein.

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Als die Beamten am Bauernhof ankamen, entdeckten sie der Bild-Zeitung zufolge in einem Wohnzimmerschrank eine Treppe nach unten. In einem abgeschlossenen Raum fanden sie sechs Menschen – die Kinder im Alter von 18 bis 25 Jahren und den bettlägerigen Vater. Die Familienmitglieder sind niederländische Staatsbürger, waren aber in Ruinerwold nicht gemeldet.

25-Jähriger seit geraumer Zeit wieder in sozialen Netzwerken

Der junge Mann hat scheinbar aus der Isolation ausbrechen wollen. Der 25-Jährige war bereits zuvor in dem Wirtshaus und auch seit geraumer Zeit wieder in sozialen Netzwerken unterwegs. Nachdem er vor neun Jahren zuletzt online war, hatte er seit dem Frühjahr wieder mehrere Profile unter dem Vornamen Jan. Er stellte hauptsächlich Fotos von Bäumen online und teilte Berichte über Klimaschutz.

Bürgermeister Roger de Groot bestätigte gegenüber Reuters, dass es sich bei dem Österreicher nicht um den Vater der Kinder handelt. Aber welche Rolle der 58-Jährige hatte, ist nach wie vor unklar. „Der Mann ist in Gewahrsam und wird nun befragt“, erklärte Polizeisprecherin Grietje Hartstra. „Es ist noch vieles unklar und wir ermitteln nun, was dort geschehen ist.“ Bei den Ermittlungen habe der Mann bisher nicht kooperiert. Der 58-Jährige dürfte nach Angaben der deutschen Nachrichtenagentur dpa jedenfalls nicht im Haus gelebt haben, sondern regelmäßig hingefahren sein. Eine Sondergruppe mit 25 Beamten soll den Fall nun aufklären.

Mitglieder einer Sekte und auf „das Ende der Zeiten“ gewartet

Die Familie soll einer Sekte angehört haben und auf „das Ende der Zeiten“ gewartet haben, das bestätigte die Behörde allerdings nicht. Hartstra sagte gegenüber Reuters: „Es gibt viele Spekulationen in den Medien, aber die Polizei will Fakten. Es gibt noch viele unbeantwortete Fragen.“

Dorfbewohner zeigten sich geschockt. Sie sagten Reportern, dass sie bei dem Hof immer nur einen Mann bei Gartenarbeiten gesehen hatten. Von einer Gruppe hätten sie nichts gewusst. Der Hof liegt versteckt hinter Bäumen und etwa 200 Meter vom Rande des Dorfes entfernt. Dazu gehören nach Aussagen von Reportern ein großer Gemüsegarten und eine Ziege. Möglicherweise habe sich die Gruppe jahrelang selbst versorgt. (APA, dpa, TT.com)

Erinnerungen an Fall Fritzl

Der Fall weckt — obwohl anders gelagert — entfernt Erinnerungen an Josef F., der im Jahr 2008 aufgeflogen war. Der Amstettner hatte 24 Jahre lang seine Tochter in einen Keller gesperrt und mit ihr sieben Kinder gezeugt. Josef F. wurde zu lebenslanger Freiheitsstrafe und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verurteilt.

Das Verschwinden seiner Tochter erklärte Fritzl gegenüber seiner Frau und Nachbarn ganz einfach: Sie sei wohl bei einer Sekte und durchgebrannt. Bei den Behörden meldete der Vater seine Tochter als vermisst. Das Verbrechen flog erst auf, als die 19-jährige Tochter aus dem Keller lebensgefährlich erkrankte und von Fritzl in eine Klinik gebracht wurde. Ein Arzt wurde misstrauisch und gab der Polizei den entscheidenden Tipp.