Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 18.10.2019


Landesgericht

Insgesamt 22 Jahre Haft für Oberländer Kokainbande

Der Dirigent der kriminellen Vereinigung wandert für 11,5 Jahre hinter Gitter. 150 Gramm Kokain landeten in Gewässer. Die Urteile sind rechtskräftig.

Im Oberländer Drogenprozess waren sieben teils inhaftierte Angeklagte von Justizwachebeamten umringt.

© Thomas BöhmIm Oberländer Drogenprozess waren sieben teils inhaftierte Angeklagte von Justizwachebeamten umringt.



Von Reinhard Fellner

Innsbruck, Imst — Verschlussakt: Unter strengster Geheimhaltung ermittelten Drogenfahnder bereits ab 2018 gegen einen neu entstandenen Kokainring. Einige der sieben Mitglieder der gestern am Landesgericht angeklagten kriminellen Vereinigung waren dabei Altbekannte. Vor allem der Erstangeklagte zählt zu den schillernden Figuren der Imster Drogenszene. So wurde der einstige Baggerfahrer schon zweimal wegen Drogenhandels im größeren Stil zu je siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Beeindruckt hat es den 57-jährigen Imster wenig. Nahm er doch direkt nach seiner bedingten Haftentlassung (zweieinhalb Jahre noch offen) im Jahr 2017 sofort wieder Kontakt zur Szene auf. Über eine Unterländerin lernte der Imster erst einmal einen Bulgaren kennen, für den der 57-Jährige gleich einen 40.000-Euro-Kokaindeal mit einem Wiener eingefädelt hatte. Für 27.000 bis 30.000 Euro wollte der Bulgare ein Kilo Koks erwerben, 15 bis 20 Kilogramm würde der Umfang solcher Lieferungen betragen, ein Zwei-Kilo-Auftrag folgte seitens des Imsters. Man befand sich also schon wieder in der Champions League des Suchtgifthandels.

Auch im Bezirk wurde fortan verteilt und konsumiert. Das Schlechte nur: Die meisten der gestern Angeklagten waren selbst schwer süchtig: Ein Teufelskreislauf auch für den Imster Drahtzieher: „Meine Abnehmer konnten mir irgendwann das Kokain nicht mehr zahlen und ich hatte drauf kein Geld mehr für die Lieferanten." Das Ausmaß der Sucht ließ dann im Verhandlungssaal kurz den Atem stocken: Sieben Gramm Kokain konsumierten der Imster und der Bulgare in einer Nacht. Konsummäßig eine Menge, die auch für Drogenjäger und Ankläger Thomas Willam Außergewöhnliches darstellt: „Kokain macht halt sofort süchtig. Und wenn es mit dem Missbrauch ganz heftig wird, endet es in Tirol halt irgendwann wieder bei mir!"

Kurz zuvor musste Willam mit Helga Moser, der Vorsitzenden des Schöffensenats, aber geradezu schmunzeln: Grund waren die Einkommensangaben des Fünftangeklagten, eines größeren Oberländer Unternehmers. Der gab als Gehalt 2500 Euro, aber als Fuhrpark einen Ferrari, ein großes BMW-SUV und ein Motorrad an. Staatsanwalt Willam: „Das lassen wir heute so. Denn um die Bemessung von Geldstrafen geht es bei den angeklagten Kokainmengen heute sowieso nicht!"

Das Geld des selbst süchtigen Unternehmers spielte für den Erstangeklagten dafür früher eine entscheidende Rolle. So stellte der Unternehmer 30.000 Euro für Kokainankauf zur Verfügung. Laut Ankläger Willam soll er auch 200 Gramm in der Firma gelagert haben. Nach der Abholung von 50 Gramm habe er kurz vor der Verhaftung aber den Rest aus Angst vor der Polizei wohl in die Ötztaler Ache oder in den Inn geworfen.

Verteidiger Markus Abwerzger riet angesichts drohender Strafen von fünf bis 20 Jahren Haft schon früh zu mildernden Geständnissen.

Richterin Moser bewertete darauf das Ausmaß der Offenbarungen. Für den Imster endete dies mit neun Jahren Haft (plus 2,5 offene Jahre), der Bulgare kassierte vier, die mildeste Strafe lautete auf ein Jahr Gefängnis. Dazu werden Drogenumsätze bis zu 140.000 Euro eingezogen, der Bulgare verlor dazu seinen Schmuggel-Mercedes. Insgesamt 22 Jahre Haft sind rechtskräftig.