Letztes Update am So, 27.10.2019 11:08

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Großbritannien

39 Leichen in Lkw-Container: Vietnamesen bangen um Angehörige

Nach einem beunruhigenden Anruf wendet sich ein Vietnamese an die Behörden: Er vermutet seinen 20-jährigen Sohn unter den nahe London in einem Lkw gefundenen Toten. Eine vietnamesische Organisation erhält indessen fast 20 Fotos von weiteren Vermissten.

Nach dem grausigen Fund von 39 Leichen in einem Lastwagenanhänger nahe London gehen die Ermittler weiter vielen offenen Fragen nach.

© AFPNach dem grausigen Fund von 39 Leichen in einem Lastwagenanhänger nahe London gehen die Ermittler weiter vielen offenen Fragen nach.



London – Unter den in einem Lkw in Großbritannien gefundenen 39 Leichen könnten weitere Opfer aus Vietnam sein. Die Organisation VietHome, die Vietnamesen im Vereinigten Königreich vertritt, habe Fotos von fast 20 Personen erhalten, die seit Donnerstag vermisst werden. Das berichtet die BBC. Die Gesuchten sind demnach 15 bis 45 Jahre alt.

Einige Familien haben sich inzwischen auch direkt an die Medien gewendet. Er habe einen Anruf von einem Vietnamesen erhalten, der ihn über den Tod seines Sohnes auf dem Weg nach Großbritannien informiert habe, sagte Nguyen Dinh Gia der Nachrichtenagentur AFP. Am Freitag hatte bereits eine andere vietnamesische Familie Befürchtungen geäußert, dass eine Angehörige unter den Toten ist. Die Ermittler waren zunächst davon ausgegangen, dass alle Opfer aus China stammten.

Nguyen sagte, sein 20-jähriger Sohn habe sich seit 2018 illegal in Frankreich aufgehalten und wollte für rund 12.600 Euro nach Großbritannien weiterreisen, um dort in einem Nagelstudio zu arbeiten. Vor einigen Tagen habe der Vater dann einen Anruf von einem Vietnamesen erhalten, der ihn um „Verständnis“ bat und sagte, dass etwas „Unerwartetes passiert“ sei.

Nguyen bat die vietnamesischen Behörden um Hilfe bei der Identifizierung seines Sohns. Von Kontaktpersonen in Großbritannien erfuhr er, dass der 20-Jährige Paris am Nachmittag des 21. Oktobers verlassen habe – zwei Tage vor dem grausigen Fund der Leichen nahe London.

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Junge Frau schrieb letzte SMS aus Lkw

Am Freitag hatte bereits der Vietnamese Pham Manh Cuong davon berichtet, dass seine Schwester unter den Toten sein könnte. Nach seinen Angaben war die 26-Jährige Anfang Oktober aus Vietnam nach Großbritannien aufgebrochen. Am Dienstagabend habe sie dann ihrer Mutter eine verzweifelte SMS geschickt. „Es tut mir Leid, Mama. Mein Weg ins Ausland hat keinen Erfolg. Mama, ich liebe Dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann.“

Pham sagte, die SMS sei echt und wenige Stunden vor dem Leichenfund am Mittwochmorgen abgeschickt worden. Auch aus vietnamesischen Sicherheitskreisen hieß es, unter den 39 Toten könnten vietnamesische Staatsangehörige sein. Ein Sprecher der vietnamesischen Botschaft in London sagte zudem, die diplomatische Vertretung sei von einer vietnamesischen Familie kontaktiert worden, die ihre Tochter seit der Entdeckung des Lastwagens vermisse.

Gefälschte Pässe, vier Verdächtige in Haft

Die beiden mutmaßlichen Opfer könnten bei der Reise nach Großbritannien gefälschte chinesische Pässe bei sich getragen haben. Sie stammen aus der verarmten Provinz Ha Tinh im Zentrum des Landes, aus der viele illegale Migranten kommen. Viele zahlten für ihre Reise mit gefälschten Dokumenten Zehntausende Euro – in der Hoffnung, vor allem in Großbritannien in Nagelstudios oder auf Cannabisfarmen arbeiten zu können.

Die 39 Leichen waren in einem Industriegebiet östlich von London in einem Lkw-Kühlcontainer entdeckt worden. Die Polizei nahm Ermittlungen wegen Mordes auf, vier Verdächtige wurden festgenommen.