Letztes Update am Sa, 02.11.2019 12:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Großbritannien

39 Leichen in Lkw : Alle Opfer stammen aus Vietnam

Der Fund von Dutzenden Leichen in einem Kühllaster sorgte europaweit für Aufsehen. Der Lkw-Fahrer sitzt in Haft, weitere Verdächtige wurden heute festgenommen.

Nach dem grausigen Fund von 39 Leichen in einem Lastwagenanhänger nahe London vor gut einer Woche gehen die Ermittler weiter vielen offenen Fragen nach.

© AFPNach dem grausigen Fund von 39 Leichen in einem Lastwagenanhänger nahe London vor gut einer Woche gehen die Ermittler weiter vielen offenen Fragen nach.



Belfast/Hanoi – Bei den 39 Todesopfern in einem Lastwagen nahe London handelt es sich nach neuen Erkenntnissen der britischen Polizei um Vietnamesen. „In diesem Moment nehmen wir an, dass alle Opfer vietnamesische Bürger sind, wir stehen deswegen in Kontakt mit der vietnamesischen Regierung“, teilte der stellvertretende Polizeichef der Grafschaft Essex, Tim Smith, am Freitagabend mit.

Die Polizei ermittelt wegen Totschlags in 39 Fällen und Menschenhandels. Bei den Toten handelt es sich vermutlich um ins Land geschleppte Migranten. Ursprünglich war die Polizei davon ausgegangen, dass alle aus China stammen.

Die Verdächtigen stammen aus Nordirland: Gegen den 25 Jahre alten Fahrer des Lastwagens wurde bereits Anklage erhoben, er sitzt in Haft. In Dublin wurde am Freitag ein 22-Jähriger festgenommen, die britische Polizei will seine Auslieferung beantragen. Zunächst hatte die Polizei sein Alter mit 23 angegeben. Außerdem werden dringend zwei 40 und 34 Jahre alte Brüder gesucht, die in der Stadt Armagh ein Transportunternehmen betreiben. In Vietnam waren am Freitag im Zusammenhang mit diesem Fall zwei Menschen festgenommen worden. Nähere Angaben machten die Behörden zunächst nicht.

Familien meldeten Angehörige als vermisst

„Wir stehen in direktem Kontakt mit mehreren Familien in Vietnam und Großbritannien. Und wir glauben, einige Familien den Opfern zugeordnet zu haben, deren Reise in einer Tragödie an unseren Ufern endete“, sagte Smith. Seine Kollegin Pippa Mills rief Angehörige auf, sich bei der Polizei zu melden. Illegalen drohten keine juristischen Folgen, wenn sie in dem Fall Kontakt mit den Behörden aufnehmen, sagte sie.

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Nach örtlichen vietnamesischen Medienberichten haben bis zu 28 Familien in den zentralen Provinzen Ha Tinh und Nghe An Angehörige als vermisst gemeldet. Britischen Medien zufolge hatten sich mehrere mutmaßliche Opfer noch mit Textnachrichten aus dem Lastwagen bei ihren Familien in Vietnam gemeldet. Sie sollen teilweise Zehntausende Euro an Menschenhändler gezahlt haben, um nach Großbritannien gebracht zu werden. Eine Frau in Vietnam sagte der BBC, sie habe keinen Kontakt zu ihrer Tochter gehabt, seit diese ihr am Tag vor dem Leichenfund geschrieben habe, dass sie ersticke.

Umschlagplatz für Menschenhandel

Drei weitere Verdächtige kamen gegen Kaution frei. Am 23. Oktober waren die Leichen von 31 Männern und acht Frauen in einem Kühllaster entdeckt worden waren.

Die Zugmaschine des Lastwagens, in dem die Leichen gefunden wurden, war aus Irland gekommen. Der Auflieger wurde per Schiff über den belgischen Hafen Zeebrugge in den englischen Hafen Purfleet gebracht.

Die britische Zeitung The Times berichtete am Samstag unter Berufung auf GPS-Daten des Lastwagens, dass das Fahrzeug eine Woche vor dem grausigen Fund eine ganz ähnliche Tour gemacht habe. Gehalten habe der Wagen auch auf einem Feldweg in Essex, der als Umschlagplatz für Menschenhandel gelte, so das Blatt. Von den Behörden gab es dafür zunächst keine Bestätigung. (APA/dpa)