Letztes Update am Mi, 13.11.2019 06:59

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Tirol

Außer Rand und Band: Innsbrucker Jugendbanden immer extremer

Seit einem Jahr beschäftigen Innsbrucker Jugendbanden mit Einbrüchen, Schlägereien und Überfällen die Polizei. Rekordhalter ist ein 15-Jähriger mit 52 Straftaten.

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© Thomas BöhmSymbolfoto.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Die Innsbrucker Gangs tragen die Namen internationaler Verbrecherorganisationen, die Mitglieder sind teils noch Kinder. Und doch schon Serieneinbrecher und -räuber, „für die es eine Auszeichnung ist, als Straftäter in Erscheinung zu treten“, sagt der Innsbrucker Polizeichef Martin Kirchler. Bereits vor einem Jahr haben Kripo und dann das Landeskriminalamt Ermittlungen gegen die Banden aufgenommen. Seit 1. November kümmert sich sogar eine eigene Ermittlungsgruppe mit drei Kriminalbeamten exklusiv um die Jugendlichen. Am Dienstag zogen Kirchler, Chefermittler Thomas Ganza und Hansjörg Mayr, Sprecher der Innsbrucker Staatsanwaltschaft, Bilanz. Eine Bilanz mit teils erschreckenden Zahlen und Fakten.

Zunächst waren es Schlägereien, mit denen die Jugendlichen im vergangenen Winter die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich zogen. „Dann kamen die Einbrüche und zuletzt vermehrt Überfälle“, skizziert Kirchler die Kriminalitätsentwicklung. War der Brennpunkt anfangs vor allem der Stadtteil Pradl, so wurden die Jugendlichen mit der Zeit immer mobiler. Mitte Juni überfielen vier Innsbrucker (14 bis 18 Jahre) in Telfs zwei Gleichaltrige, auch Einbrüche im Raum Hall gingen aufs Konto der Bandenmitglieder.

Die Ausweitung des Aktionsradius war mit ein Grund, warum das Landeskriminalamt im Juni die Ermittlungen übernahm. Am Ende waren es zwei Kinder (13 Jahre) und 32 Jugendliche (zwischen 14 und 19 Jahren), die von den LKA-Beamten bei der Staatsanwaltschaft angezeigt wurden. Auf das Konto der ausschließlich männlichen Verdächtigen gehen 121 Straftaten, davon 85 Einbrüche vor allem in Firmen und Geschäfte mit einem Gesamtschaden von 130.000 Euro. Zehn Burschen waren auch an fünf Überfällen beteiligt. Acht Beschuldigte bildeten den harten Kern der Gruppe – jeder einzelne brachte es auf mindestens 16 Straftaten, der 15-jährige „Rekordhalter“ sogar auf 52. Trotz ihres jugendlichen Alters mussten zwei Beschuldigte sogar in die Justizanstalt übersiedeln – Untersuchungshaft.

Festnahmen und Anzeigenflut sorgten aber keineswegs für ein Ende der kriminellen Aktivitäten: Nach Abschluss der LKA-Ermittlungen „sind weitere 20 Straftaten verübt worden“, sagt Thomas Ganza von der Innsbrucker Kripo, der die neue Ermittlungsgruppe leitet. Auffällig: Das Thema Einbruch war augenscheinlich abgehakt, jetzt ging es um Gewalt. Innerhalb weniger Wochen verübten die teils mit Messern, Schlagringen und Ketten bewaffneten Jugendlichen sechs Überfälle. Dazu kamen zwei Erpressungen, zwei gefährliche Drohungen, eine Schlägerei, eine Nötigung, eine Körperverletzung, zwei Drogendelikte und zwei Diebstähle. Die Raubdelikte liefen immer ähnlich ab: „Acht bis zehn Burschen sprechen ein Opfer auf offener Straße an und fordern die Geldtasche“, schildert Ganza: Wer ablehnt, „wird mit Faustschlägen zu Boden geschlagen und mit Fußtritten attackiert“. Dann zerstreuen sich die Angreifer in alle Richtungen. Die Beute ist meist kaum der Rede wert.

Nach der jüngsten Serie konnten die Beamten mittlerweile 14 Verdächtige ausforschen. Trotz ihrer Jugend teils schon alte Bekannte, die bereits an der Einbruchsserie im Sommer beteiligt waren. So übersiedelten vier weitere Burschen als U-Häftlinge in den Ziegelstadl. „Sie sind 15 und 16 Jahre alt“, sagt Mayr. Der Staatsanwalt betont, dass ein Haftaufenthalt als Sanktion für Jugendliche keineswegs erste Wahl sei: „Wir wissen um die hohe Rückfallquote. Aber manchmal lässt sich das nicht vermeiden.“ Bei den 14 Beschuldigten handelt es sich um sieben Österreicher (teils mit Mitgrationshintergrund), zwei Ungarn, zwei Kroaten, je einen Bulgaren, Syrer und Russen. Ein Bursche absolviert eine Lehre, drei besuchen eine höhere Schule, der Rest ist beschäftigungslos.

Insgesamt identifizierte die Polizei 63 Bandenmitglieder, davon fünf Mädchen. Bei knapp der Hälfte handelt es sich um Mitläufer, die nicht straffällig wurden.

Laut Kirchler geht es bei den Straftaten gar nicht so sehr um die Beute. „Vielmehr wollen sich die Jugendlichen Respekt und Anerkennung bei den Gleichaltrigen verschaffen.“ Das sei auch in den sozialen Netzwerken ersichtlich.