Letztes Update am Mi, 20.11.2019 22:03

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Deutschland

Fritz von Weizsäcker in Berliner Privat-Klinik erstochen

Tödlicher Angriff auf den Arzt Fritz von Weizsäcker: Der Sohn des früheren deutschen Bundespräsidenten wird während eines Vortrags in einer Berliner Klinik erstochen. Am Tag danach ist der Schock groß. Es sind noch viele Fragen offen.

Fritz von Weizsäcker (2.v.l.) beim Staatsakt für seinen gestorbenen Vater, den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

© dpa/GambariniFritz von Weizsäcker (2.v.l.) beim Staatsakt für seinen gestorbenen Vater, den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.



Von Anett Indyka, Esteban Engel und Caroline Bock, dpa

Berlin – Am Tatort hängt am Tag danach noch ein Zettel: „Konferenzraum gesperrt“. Vor der Berliner Schlosspark-Klinik sind Kamerateams und Polizeiautos zu sehen, ein Sicherheitsmann passt auf, dass der Betrieb weitergehen kann. Wie schockierend es gewesen sein muss, was sich am Dienstagabend hier abgespielt hat, lässt sich nur erahnen: Der Chefarzt Fritz von Weizsäcker, Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, wird während eines Vortrags mit einem Messer attackiert. Er stirbt noch vor Ort.

Der Tatverdächtige ist festgenommen. Es ist ein 57 Jahre alter Deutscher, vorher noch nicht polizeibekannt. Er soll in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden. Dies wolle man in Hinblick auf eine „akute psychische Erkrankung“ des Beschuldigten beantragen, teilte die Staatsanwaltschaft Berlin am Mittwochnachmittag mit.

Angreifer soll psychisch krank sein

Das Motiv des Mannes liege in einer „wohl wahnbedingten allgemeinen Abneigung des Beschuldigten gegen die Familie des Getöteten“, begründete die Ermittlungsbehörde. Der 57-Jährige habe angegeben, die Tat geplant zu haben. Im Internet sei er auf den Vortrag in der Schlosspark-Klinik gestoßen, hieß es. Er sei am Dienstag mit der Bahn zu der Veranstaltung gefahren. Zuvor habe er noch in Rheinland-Pfalz ein Messer gekauft, um damit am Abend die Tat zu begehen.

Sein Opfer ist ein renommierter Mediziner, aus einer der bekanntesten deutschen Familien. Der Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker würdigt seinen Cousin Fritz am Morgen danach mit warmen Worten. „Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte von Weizsäcker der Deutschen Presse-Agentur. „Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt.“ Er habe keine Ahnung, was hinter dem Verbrechen stecken könnte. Fritz von Weizsäckers Schwester Beatrice postet bei Instagram ein Kreuz. In der Krankenhaus-Kantine erzählt eine Angestellte am Tag danach, dass der Chefarzt ein sehr netter Mensch war.

Die Klinik hat sich da noch nicht geäußert, am Morgen danach hat man sich noch beraten. Klar ist: Es ist ein Verbrechen vor Publikum, der Schock ist besonders groß. Die Notfallseelsorge Berlin schaltet sich ein. Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) bekundet ihr Beileid, sie sei bestürzt über die Nachricht vom tödlichen Angriff. Sie verurteile Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte und Pflegekräfte „aufs Äußerste“. Dass Menschen, die anderen helfen und Leben retten, so etwas passiere, erschüttere sie besonders. „Mein Dank und Respekt gilt den Teilnehmenden der Veranstaltung, die Zivilcourage gezeigt haben.“

Von Weizsäcker dozierte über Spezialgebiet

Ein Rückblick: Ein unauffälliges Plakat lockt zum öffentlichen Vortrag in der Schlosspark-Klinik. Um „Fettleber – (K)ein Grund zur Sorge?“ soll es gehen. Gut ein Dutzend Menschen finden an diesem kalten, nassen Novembertag zu dem Krankenhaus am Rande des Schlossgartens in Charlottenburg. Beim „Forum 11/2019“ im Tagungsraum Haus H der Abteilung für Psychiatrie spricht Dozent Fritz von Weizsäcker.

Er ist Chefarzt an der Schlosspark-Klinik. Es geht um sein Fachgebiet, „die Fettleber, eine weitgehend unbekannte, aber zunehmende Volkskrankheit“. Nach ersten Ermittlungen der Polizei löst sich während des Vortrags plötzlich ein Mann aus der Reihe der Zuhörer. Der Mann stürmt auf den Dozenten zu. Ein Polizist (33), der zufällig unter den Zuschauern sitzt, versucht noch, den Mann aufzuhalten und überwältigt ihn. Der Beamte in seiner Freizeit wird dabei selbst schwer verletzt. Er wird später in ein anderes Krankenhaus gebracht, wurde operiert und ist nicht in Lebensgefahr.

Gegen 19 Uhr geht bei Feuerwehr und Polizei ein Notruf ein, Rettungssanitäter und ein Notarzt eilen zu Hilfe. Sie können dem schwer verletzten Spitzenmediziner nicht mehr helfen. Ein Wiederbelebungsversuch bleibt erfolglos. Fritz von Weizsäcker ist tot.

Die Ermittlungen der Polizei laufen. Wurde er in der Rolle als Arzt angegriffen, gab es ein privates Motiv oder war der Täter psychisch krank? Auch die Familie von Weizsäckers soll befragt werden, ob es möglicherweise Hinweise auf eine Bedrohung des Internisten gab.

Aus berühmter Familiendynastie

Gerichtsmediziner, Kriminaltechniker und Ermittler einer Mordkommission sicherten am Tatort mögliche Spuren. Teile der Klinik wurden dafür abgesperrt. Die meisten Fenster bleiben am Abend dunkel.

Das Opfer, der 1960 in Essen geborene Mediziner Fritz von Weizsäcker, stammte aus einer berühmten Familie. Sein Vater Richard von Weizsäcker (1920-2015) war von 1984 bis 1994 Bundespräsident, zuvor 1981 bis 1984 für die CDU Regierender Bürgermeister von Berlin (West). Seine Mutter ist die frühere deutsche First Lady Marianne von Weizsäcker (87).

Seine Eltern hatten 1953 geheiratet. Richard von Weizsäcker arbeitete damals als Jurist beim Unternehmen Mannesmann. Bis 1962 wohnte die Familie in Essen und Düsseldorf, zog dann nach Ingelheim und 1967 nach Bonn. Fritz von Weizsäcker war das jüngste der vier Kinder. Sein Bruder Andreas starb 2008, es leben noch die Schwester Beatrice (61) und der älteste Robert Klaus (64).

Fritz von Weizsäcker – Mediziner mit geschichtsträchtigem Namen

Nur wenige Familiennamen wecken in Deutschland so viele Assoziationen wie von Weizsäcker. Dunkelste NS-Vergangenheit, Bekenntnis zur deutschen Verantwortung, wegweisende Wissenschaft und Politik. All diese Elemente ranken sich um den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (1920-2015) und seine Familie. Sein jüngster Sohn Fritz Eckhart Freiherr von Weizsäcker, ein Mediziner, wurde am Dienstagabend in Berlin während eines Vortrags bei einer Messerattacke getötet. Schon vorher zogen manche Vergleiche zu den Kennedys in den USA.

Fritz von Weizsäcker wurde 1960 in Essen nach drei Geschwistern in diese so bekannte Familie geboren. Sein Vater war von 1984 bis 1994 Bundespräsident, zuvor für die CDU Regierender Bürgermeister von Berlin (West). Seine Mutter ist die frühere deutsche First Lady Marianne von Weizsäcker (87).

Seine Eltern hatten 1953 geheiratet. Richard von Weizsäcker arbeitete damals als Jurist bei Mannesmann. Bis 1962 wohnte die Familie in Essen und Düsseldorf, zog dann nach Ingelheim und 1967 nach Bonn. Zu diesem Zeitpunkt hatte Richard von Weizsäcker bereits ein sehr dunkles Kapitel der Familiengeschichte hinter sich: Bei den NS-Prozessen in Nürnberg verteidigte der Jurist seinen Vater Ernst von Weizsäcker, der dort wegen Mitwirkung an Deportationen französischer Juden nach Auschwitz als Kriegsverbrecher verurteilt wurde.

Als Bundespräsident bezeichnete Richard von Weizsäcker 1985 in einer international beachteten Rede das Kriegsende nicht als eine Niederlage Deutschlands, sonders als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

Fritz von Weizsäcker gehörte zu einer Generation, die sich auch kritisch mit der NS-Nähe mancher Familienmitglieder auseinandersetzte. Es müsse „alles glasklar geklärt“ werden, zitiert ihn der Chronist Hans-Joachim Noack in seinem Buch „Die Weizsäckers“. Bis dahin sei er mit seinen Ahnen „komplett im Reinen“ und wolle sich nicht zum „Chefankläger oder Strafverteidiger“ machen. Kritik an der Familie, die untereinander nicht immer zimperlich ist, wehrt Fritz von Weizsäcker ab: „Wir sind zunächst einmal wir.“

Ein familiärer Schicksalsschlag war prägend für sein berufliches Leben. Laut Noack hoffte er, seinen bereits Ende der Siebzigerjahre an Krebs erkrankten Bruder Andreas vielleicht retten zu können. Fritz von Weizsäcker studierte Humanmedizin in Bonn und Heidelberg.

Die Karriere des Arztes verlief steil: Nach dem Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie wurde er 2003 Professor für Innere Medizin an der Universität Freiburg. Zu seinen Stationen zählten neben Freiburg die Harvard Medical School in Boston und das Universitätsspital Zürich. Seit 2005 war von Weizsäcker Chefarzt der Abteilung Innere Medizin I an der Schlosspark-Klinik in Berlin-Charlottenburg.

Fritz von Weizsäcker galt als Experte für Leber- und Gallenwegserkrankungen. Die Humanmedizin bezeichnete er einmal in der „Welt“ als „ideale Verbindung zwischen Wissenschaft und Menschennähe“. Nach Angaben des Portals Gesundheitsstadt Berlin, bei dem er im Vorstand saß, forschte von Weizsäcker lange Zeit auf dem Gebiet der Hepatologie, also der Physiologie und Pathologie von Leber und Gallenwegen, und der molekularen Virologie. Zu seinen Behandlungsschwerpunkten zählten demnach infektiöse Leberentzündungen wie Hepatitis B und C, Fettleber-Hepatitis sowie Fettleber. Um dieses Thema drehte sich auch sein Vortrag, bei dem er getötet wurde.

Politisch hatte sich Fritz von Weizsäcker der FDP verschrieben. Er trat der Partei während eines Fundraising-Dinners bei. Unter den 280 von einem Zwei-Sterne-Koch betreuten Gästen war auch der damalige Parteichef Guido Westerwelle. Der aktuelle Frontmann Christian Lindner twitterte vom Tod eines Freundes: „Ich bin fassungslos und muss meine Trauer teilen“.

Einer der Cousins ist der Umweltwissenschaftler und frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Ernst Ulrich von Weizsäcker. „Ich fand ihn ganz wunderbar“, sagte von Weizsäcker der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Ich habe ihn ungewöhnlich lieb gehabt.“

Schwester Beatrice von Weizsäcker war die einzige aus dem engsten Familienkreis, die sich zu dem tragischen Tod öffentlich äußerte. „Wir können es weder fassen noch glauben“, twitterte die Publizistin. Auf ihrem Instagram-Account postete das Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags noch in der Unglücksnacht ein Kreuz: „Gib‘ acht auf meinen Bruder“.

(dpa)